Jürgen Klopp:"Beim zweiten Mal mache ich Ärger"

Klopp: Nein, nein. Slogans wie ,Wenn ihr absteigt, bringen wir euch um!' gehen überhaupt nicht. Totschlag-Drohungen sind völlig inakzeptabel. Und Hass sollten wir als Wort schon einmal komplett streichen. Aber man muss zwei Dinge sehen: Demonstrationen dieser Art gab es früher schon. Ich erinnere mich, als ich noch Spieler war, und wir mit Mainz in Köln antraten: Auch da gab es im alten Müngersdorfer Stadion vor dem Marathontor diesen drohenden Protest gegen die eigene Kölner Mannschaft. Es mögen unlautere Mittel sein, ja - aber die Leute müssen doch irgendwie ihren maximalen Unmut ausdrücken können. Das geht in der Form manchmal eben schief.

SZ: Sie haben ein gewisses Verständnis für die relativ neue Ultra-Fanszene?

Klopp: Ich habe Ultras kennengelernt, die zum Beispiel an dieser Fan-Choreographie bei Borussia am letzten Hinrunden-Spieltag gearbeitet haben. Das sind alles nette junge Leute. Wie die da die Bilder von Dortmunder Ikonen wie von Adi Preißler oder Michael Zorc ausgeschnitten haben für dieses riesige Poster: Unglaublich. Wir nehmen Fans immer nur als Masse wahr, als Gruppe, weil sie sich natürlich auch als Gruppe inszenieren. Im Schutz so einer Menge gibt es immer welche, die das Umfeld nutzen, um sich zu verstecken und dann ihren Frust abzubauen. Die paar Leute, die am Samstag die Fanfete in Dortmund kaputt gemacht haben, haben anschließend sogar noch einen Polizeiwagen in Brand gesetzt. Da geht es offenbar um eine Machtprobe.

SZ: Kann es sein, dass diese härtere Konfrontation damit zu tun hat, dass sich das wirtschaftliche Auseinanderdriften der Gesellschaft enorm beschleunigt - und auch typische Fans das spüren?

Klopp: Vielleicht. Aber man muss aufpassen, dass man es sich mit solchen Erklärungsversuchen nicht zu leicht macht. Ich habe noch nie so komplett umdenken müssen in meinem Leben, wie bei meiner Ankunft im Ruhrgebiet. Meine Frau und ich hatten das typische Klischee von Fördertürmen, Dreck und sozialem Crash im Kopf. In Dortmund stellte sich dann heraus: So ungefähr das Gegenteil ist richtig. Man kann in diesem Verein mit Transparenz und Ehrlichkeit dafür sorgen, dass Ziele realistisch sind, und dass klar ist, was wir leisten sollen und was wir leisten können. Eine Diskrepanz zwischen Erwartungen und Ergebnissen kann man in Dortmund immer über den Einsatz verhindern.

SZ: Dass soziale Probleme Auslöser der neuen Aggressivität im Fußball-Umfeld sind, würden Sie also bezweifeln?

Klopp: Im Gegenteil. Man kann aber nicht immer nur sagen: Ist ja verständlich, dass die jungen Leute so ausrasten, wenn die Verhältnisse so sind, dass sie subjektiv das Gefühl haben, dass sie chancenlos sind. Wir müssen schon dafür sorgen, dass Gewaltbereite den Spaß daran verlieren. Da braucht es klare Sanktionen. Aber richtig ist auch: Wir stecken eindeutig zu wenig Geld in Bildung. Mir scheint, dass keiner dafür zahlen will. Mir reicht's schon immer, wenn ich wieder lese, dass wir zu wenig Lehrer haben. Bei einigen Leuten ist der moralische rote Faden gerissen, an dem wir durchs Leben gehen sollten. Da müssen wir ansetzen. Es gibt ja auch Fußballprofis, die es nie so richtig schaffen, die sich hinterher beschweren: Der Trainer war schuld. Das ist nur die Luxusausgabe davon, dass man nicht die Verantwortung für sich selbst übernimmt.

SZ: Wie haben Sie denn nun die Vorfälle beim VfB Stuttgart für Ihrer Mannschaft moderiert?

Klopp: Stuttgart haben wir nicht weiter thematisiert. Aber wir hatten ja schon ähnliche Situationen. Ich versuche einfach, die Begeisterungsfähigkeit der Spieler weiterhin hoch zu halten. Die müssen auch den enormen Einsatz der Fans sehen, nicht nur die schlechte Stimmung, wenn wir verlieren. Ich habe in einem Motivationsbuch einmal gelesen, dass in der alten Sowjetunion Schwimmer tatsächlich hypnotisiert wurden - und zwar so, dass sie glauben mussten, die Haie seien hinter ihnen her. Sie sind tatsächlich schneller geschwommen. Das Problem ist nur: Nach der ersten 50-Meter-Bahn will man schnell raus aus dem Becken! 200 Meter gewinnst du damit also nicht. Motivation ist immer eine Frage der Dosierung.

SZ: Ihr Kollege Jupp Heynckes, Trainer von Herbstmeister Leverkusen, hat jüngst gesagt, dass er im Alter von 64 viel dazugelernt habe. Die jungen Spieler heutzutage bekämen von allen Seiten immer nur Druck, denen müsse man eher den Druck nehmen, anstatt weiteren aufzubauen. Sie haben viele begabte 21-Jährige in ihrer Mannschaft: Subotic, Hummels, Sahin, Bender, Schmelzer oder Großkreutz. Hat Heynckes recht?

Klopp: Mir hat mal ein Bobfahrer erklärt, dass man nicht immer nur an den Seilen, also an der Steuerung reißen darf, wenn man die Ideallinie in der Bobbahn sucht. Man muss es auch mal laufen lassen. Wenn gerade junge Spieler in einer Trainingseinheit zu wenig machen, muss man nicht sagen: Das ist unprofessionell, dass du nachts in der Disco rumläufst und dann hier durchhängst. Wenn einer allerdings das zweite Mal nicht am Limit durchzieht, mache ich Ärger.

SZ: Wie? Unter vier Augen? Vor der Gruppe?

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