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Jürgen Klinsmann:Einpeitscher und Trommelkünstler

Voll unter Strom: Der Berliner Hoffnungsträger Jürgen Klinsmann coacht Hertha BSC bisher mit maximaler Körperspannung.

(Foto: Odd Andersen/AFP)

Der ehemalige Bundestrainer kämpft in seinem neuen Amt bei Hertha BSC Berlin gegen die vielfältigen Gefahren am Tabellenende.

Die Revolution mag noch stocken, doch bei der Beseitigung des "Ancien Régime" kommt Hertha BSC bestens voran. Zumindest hat es am Eingang zur Vereinszentrale Renovierungsarbeiten gegeben, die nicht weiter aufwendig waren, aber doch ins Auge stechen: "Die Zukunft gehört Berlin", steht dort nun auf einem großen Wandbild geschrieben, weiß auf blauem Grund. Bislang war, inmitten aller Kadermitglieder, auch das Konterfei des Trainers und Hertha-DNA-Trägers Ante Covic zu sehen. Vor gut zwei Wochen wurde er entlassen - und durch den Berufsrevolutionär Jürgen Klinsmann ersetzt.

Covic ist jetzt mit blauer Farbe übertüncht worden, Klinsmanns Bild fehlt (noch?) in der Galerie jener, die schon so posieren, wie Klinsmann spricht. Auch am Freitag tat er dies wieder, als er vor der wohl richtungsweisenden Partie gegen den soliden SC Freiburg behauptete: "Wir sind heiß!" Oder auch: "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht!"

Auch die Hauptstadtpresse nahm Klinsmann mit in die Pflicht. Der Mediensprecher hatte die für Samstag erwartete Zuschauerzahl verkündet und erklärt, dass sie etwa 40 000 betragen werde. Das empfand der neue Trainer fast als ehrabschneidend: "Da müssen weit über 40 000 kommen!", rief Klinsmann - und appellierte an die Journalisten: "Das ist euer Job!" Gemeint war: dass sich das Stadion füllt. Er schränkte seine Forderung allerdings ein: "Also: auch euer Job ..."

Man sollte eigentlich meinen, dass die Trommelkünste Klinsmanns für mehr Publikum reichen müssten. Sie sind beeindruckend, wenngleich zuletzt die Frage aufkam, ob er wirklich versiert wie der Jazzer Gene Krupa klingt - oder doch wie Helge Schneider, jener Komödiant, der schon mal zu laut auf den falschen Klangteller prügelt, allerdings zum Spaß. Als Klinsmann Anfang November von Lars Windhorst, dem Eigner der Hälfte von Herthas Profiabteilung, zum Aufsichtsrat berufen wurde, adelte er den Klub aus dem Berliner Westend flugs zum "spannendsten Fußballprojekt Europas". In einer so eurozentrischen Branche wie dem Profifußball hieß das so viel wie: das spannendste Projekt der Welt! Vor ein paar Tagen erklärte Klinsmann, dass die Identifikation der Berliner mit der Hertha "vielleicht auch schon so ist, wie du sie in Liverpool fühlst, wenn du durch Liverpool gehst, wie du sie in Manchester, Barcelona oder anderen Städten siehst". Das klang aus dem Munde des zweifellos polyglotten Fußball-Connaisseurs überraschend.

Überraschender jedenfalls als der andere Wirbel dieser Woche, der an seine Zeit bei der Nationalelf erinnerte. So wie er 2004 die Legende Sepp Maier als Bundestorwarttrainer ersetzt hatte, servierte Klinsmann auch Herthas Torwarttrainer Zsolt Petry ab. Der hatte sich über Klinsmanns Sohn Jonathan, der mittlerweile zum FC St. Gallen weitergezogen ist, einst sehr deutlich geäußert ("wenig Ausstrahlung", "keine Körpersprache", "Man fragt sich: Wer steht da eigentlich im Tor?"). Dieser Tage ratifizierte Klinsmann das Petry-Aus, obwohl der aushilfsweise beschäftigte Andreas Köpke im neuen Jahr wieder in seine Rolle als DFB-Torwarttrainer schlüpfen muss. Als Ersatz bei der Hertha ist nun Ilja Hofstädt im Gespräch.

Zudem überraschte Klinsmann auch Klubangestellte, als er in einem Internetchat mit Fans en passant vortrug, die Weihnachtsferien seien gekürzt. Er werde bereits vor Neujahr wieder zum Training rufen. Auch das für Januar avisierte Trainingslagerziel Florida steht zur Debatte. Als der Trainer nun am Freitag ganz allgemein gefragt wurde, ob er dafür wäre, nach englischem Beispiel auch an den Weihnachtsfeiertagen zu spielen, da lachte er auf: "Wenn ich denen auch noch Weihnachten wegnehme, hab ich echt ein Problem", sagte Klinsmann. Er legte dabei seine Hand auf die Schulter von Kapitän Vedad Ibisevic, der entgegen dem bisherigen Usus vor die Reporter auf das Podium musste und von Klinsmann sogar ins Zentrum gerückt wurde - Ibisevic sei schließlich "unser Capitano". Der Bosnier quittierte diese Worte mit einem nichtssagend ernst wirkenden Gesichtsausdruck.

Das nährt die in Berlin längst sprießenden Spekulationen um das Gemüt des 34-Jährigen - und das seines Generationsgenossen im Sturm, Salomon Kalou. Unter Klinsmann ist der einstige Leistungsträger Ibisevic bisher nur auf 34 Einsatzminuten gekommen, zuletzt durften sich beide in Frankfurt sogar nur warm machen. "Ich bin gern bereit, der Mannschaft auch von der Bank zu helfen, wenn es sich der Trainer so vorstellt", sagte Ibisevic, der womöglich nie in Liverpool oder Manchester war. Aber im Olympiastadion, als Hertha noch nicht ahnte, das spannendste Fußballprojekt Europas zu sein, oder ein Westend-Liverpool. Dort war er auch bei der bislang letzten Visite Freiburgs 2018 dabei, da lockte Hertha 53 000 ins Stadion und spielte 1:1. Diesmal sagt Klinsmann: "Wir brauchen einen Dreier."