Judoka Stoll bei Olympia:Elf Sekunden vor Schluss

Tokio 2020 - Judo

Der Frust sitzt tief: Theresa Stoll nach ihrem verlorenen Achtelfinalkampf in Japan.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

Aus im Achtelfinale: Die Münchner Judoka Theresa Stoll muss ihren Medaillentraum im Einzel früh begraben. Ihre georgische Gegnerin bezwingt die 25-Jährige nach zähem Kampf kurz vor der Verlängerung per Schulterwurf.

Von Jonas Kraus

Kurz nachdem Theresa Stoll in Tokio gelandet war, veröffentlichte sie ein Foto auf ihren Social-Media-Kanälen. Locker hockt sie im mittleren der fünf olympischen Ringe, breitet die Arme aus, als wolle sie ganz Japan umarmen, und lächelt in die Kamera. "Living the biggest dream of my life right now", hat sie darunter geschrieben, und dabei nicht die ganze Wahrheit verraten. Denn neben der Teilnahme hat sie noch einen weiteren Traum, wie sie vor einigen Wochen zugegeben hat. Sie träumt von einer olympischen Einzelmedaille, mehr könne man als Judoka nicht erreichen, zumal im Mutterland des Judosports.

Am Montag zerplatzte dieser Traum allerdings jäh. Als WM-Dritte in ihrer Gewichtsklasse (bis 57 Kilogramm) war Stoll angereist, so gut in Form wie vielleicht noch nie. Und dennoch dauerte ihr erstes olympisches Abenteuer nur knapp vier Minuten. Für die 25-Jährige war bereits im Achtelfinale Schluss, kurz vor Ende der regulären Kampfzeit erzielte ihre georgische Gegnerin Eteri Liparteliani mit einem Uchi-mata (Wurftechnik) die entscheidende große Wertung, einen Ippon. Als sie auf dem Rücken lag, starrte Stoll ungläubig in die Luft, dann konnte sie ihre Enttäuschung nicht mehr zurückhalten. Beim Verlassen des Nippon Budokan, der heiligen Halle des Judos, flossen die Tränen.

Ihr Trainer Lorenz Trautmann verfolgte den Kampf um kurz nach fünf Uhr morgens deutscher Zeit vor dem Bildschirm in München. Eigentlich ist er immer an Stolls Seite, wegen der strengen Covid-Bestimmungen durfte er aber nicht mit nach Japan. Enttäuscht war er natürlich dennoch, auch wenn er am Nachmittag - ganz der Trainer - bereits dabei war, die Niederlage aufzuarbeiten. "Theresa war ein wenig zu verkrampft", erklärte er.

"Theresa ist nicht der Typ, der sich jetzt hängen lässt", glaubt ihr Trainer Lorenz Trautmann

Ein Hauptproblem machte Trautmann in der Setzliste aus. Während Liparteliani bereits im Sechzehntelfinale gefordert war und relativ locker ins Turnier startete, hatte Stoll als gesetzte Athletin ein Freilos, griff erst im Achtelfinale ein und war da gleich richtig gefordert. Denn Liparteliani ist trotz ihrer erst 21 Jahre bereits ein bekannter Name, war bei den Juniorinnen Europa- und Weltmeisterin. "Theresa braucht das, dass sie gegen eine vermeintlich leichtere Gegnerin erstmal reinfinden kann", sagt Trautmann, der am frühen Abend kurz mit Stoll telefoniert hatte. Und dieses Reinfinden sei gegen eine aggressiv kämpfende Athletin wie Liparteliani gar nicht so einfach.

Dennoch startete Stoll gut in den Kampf. "Am Anfang war das voll in Ordnung", sagt Trautmann, auch wenn Stoll etwas nervös gewirkt habe und mit ihrer Grifftechnik nicht immer durchgekommen sei. Die Georgierin war derweil darauf aus, Stoll zu locken, um sie anschließend aushebeln zu können. "Wir wussten, dass sie ins Risiko gehen wird", sagt Trautmann.

So war es dann auch. Stoll dominierte, Liparteliani lauerte auf ihre Chance und kassierte eine Verwarnung für Inaktivität. Wer deren drei sammelt, hat verloren. Stoll, die während der Corona-Pause Sonderschichten schob und deutlich stabiler ist als vor einigen Jahren, hatte also gute Voraussetzungen, den Kampf auf ihre Seite zu ziehen. Ein paar Sekunden hätte sie noch durchhalten müssen, dann wäre das Duell in die Verlängerung gegangen. Eine einfache Wertung hätte dann zum Weiterkommen gereicht, zu viel Passivität hätte sich Liparteliani nicht mehr erlauben dürfen. Und das wusste sie. Elf Sekunden vor Ende wehrte die Georgierin eine zu unentschlossene Attacke von Stoll ab und schleuderte sie über ihre rechte Schulter. Ippon, Kampf vorbei, Traum vorbei. "Da hat Theresa eine halbe Sekunde zu lang gezögert", ärgert sich Trautmann.

Bei all der Enttäuschung gelte es jetzt, sich wieder aufzurappeln. "Aber Theresa ist nicht der Typ, der sich jetzt hängen lässt", glaubt Trautmann. Außerdem habe sie mit ihrer Zwillingsschwester Amelie ja seelischen Beistand dabei. Amelie ist ebenfalls Judoka, kämpft in derselben Gewichtsklasse und konnte in Tokio nur deshalb nicht antreten, weil jedes Land pro Klasse nur eine Starterin entsenden darf.

Am Samstag hat Theresa Stoll schließlich noch eine Chance, sich ihren Medaillentraum zu erfüllen. Im Teamwettbewerb sei auf jeden Fall was drin, meint Trautmann, auch wenn die deutschen Judoka bislang enttäuschten. "Die Konkurrenz liegt ultra eng zusammen." Auch und gerade in Stolls Gewichtklasse. Dort holte sich die Kosovarin Nora Gjakova Gold, Silber ging an Sarah Léonie Cysique aus Frankreich. Gegen beide hat Stoll schon gekämpft, beide hat sie schon bezwungen. "Sie ist absolut auf der Höhe", sagt Trautmann. Nur am Montag, da konnte sie das nicht beweisen.

© SZ/sewi/toe
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