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Judo:Noch drei Kämpfe

„Es gibt eben nicht nur den Sport“: Sven Maresch (links) studiert in Potsdam europäische Medienwissenschaft.

(Foto: Claus Schunk)

Judoka Sven Maresch, 30, nimmt Abschied vom TSV Abensberg und seiner Sportart - drei Kämpfe verbleiben, am Ende soll die Meisterschaft stehen.

Irgendwann spricht Judoka Sven Maresch dann über die japanische Tradition, über Respekt für den Gegner und die Eigenverantwortung auf der Matte. Judo, das sei eine Schule fürs Leben, meint er. Ein Sport, der Charakter und Persönlichkeit forme. Ja überhaupt, eine gesellschaftlich wichtige Sache: "sehr wertvoll".

So spricht also einer, der bald Abschied nimmt von dieser sinnlichen wie intensiven Sportart. Und der auch seinen Wahlverein verlässt, den TSV Abensberg, für den er fast ein Jahrzehnt gekämpft hat und der den Judosport in Deutschland dominiert hat, wie kein anderer Klub. 30 Jahre - das reicht für ein Sportlerleben. "Es gibt so viele andere Sachen zu entdecken", sagt Maresch.

"Wir sind diesmal nicht der Favorit", sagt Trainer Öchsner

Er hat gerade ein Studium begonnen: europäische Medienwissenschaft. Kunst, Design und Philosophie sind Teil des interdisziplinären Studiengangs in Potsdam. Er freue sich wahnsinnig auf die Zeit, was nicht zu überhören ist: "mich weiterzubilden, neue Leute kennenzulernen". Man merkt schnell, dass hier einer spricht, der es im monotonen Alltag des Profisports nicht immer leicht gehabt hat. Und dann sagt Maresch diesen Satz, der seine Karriere irgendwie perfekt zusammenfasst: "Es gibt eben nicht nur den Sport."

Trotzdem: Drei Kämpfe in der Bundesliga wird Sven Maresch für seine zweite Heimat Abensberg in Niederbayern noch bestreiten. Der vorerst letzte Heimkampf steigt am Samstag (18 Uhr), wenn er die Abensberger als Kapitän ins Playoff-Viertelfinale gegen den KSC Asahi Spremberg führt. "Ein besonderer Moment", sagt er. Die sportlichen Rollen sind klar verteilt: Den Hinkampf im Spreewald hat Abensberg 11:3 gewonnen - und auch der Rückkampf gegen den Aufsteiger dürfte ähnlich ausgehen. Die beiden Teams trennt ein Klassenunterschied. Abensberg wird ins Finale der besten Vier einziehen und mal wieder um die deutsche Meisterschaft kämpfen. Diesmal gibt es sogar einen ernsthaften Konkurrenten für den Verein, der 13 Mal in Serie quasi unangefochten den Titel holte (zwischen 2002 und 2014). Hamburg hat mittlerweile einen Kader, der wie der von Abensberg in allen Gewichtsklassen mit deutschen und internationalen Weltklasse-Männern bestückt ist. Und während in Abensberg mancher, wie Maresch, seine Karriere auslaufen lässt, sind die Hamburger fast alle im besten Judoalter. "Wir sind diesmal nicht der Favorit", sagt Trainer Jürgen Öchsner. Und trotzdem wäre in Abensberg alles andere als die Meisterschaft eine Enttäuschung.

Hier, wo jeder jeden kennt und grüßt. Hier, wo sich die Mannschaft am Freitagabend zum gemeinsamen Training und Essen trifft. Hier, wo die Sportler noch im teameigenen Mannschaftshotel von Ex-Chef Otto Kneitinger übernachten. Und hier, "wo echte Judo-Freundschaften existieren", wie Maresch schildert. Es ist ein besonderes Judo-Biotop in Abensberg.

Die Stadt ist durch den Sport bis nach Georgien und darüber hinaus bekannt geworden. Die georgischen Weltmeister Zebeda Rekhviashvili (-81 kg) und Beka Gviniashvili (-90 kg) sind am Samstag ebenfalls am Start und genauso gut ins Team integriert wie ein Manuel Scheibel (-66 kg), der hier aufgewachsen ist, oder eben der Berliner Maresch (-81 kg). Bis Anfang des Jahres hat Sven Maresch am Olympiastützpunkt in der Landeshauptstadt trainierte. Er fühlt sich Abensberg aber mindestens genauso verbunden, hat die bayerische Kultur nach und nach kennengelernt.

Der Verein hat ihm natürlich auch finanziell geholfen, Einsätze in der Bundesliga werden gut bezahlt. Er war durch seinen Sport in mehr als 40 Ländern unterwegs: von Japan über die Mongolei bis nach Brasilien. Der Höhepunkt waren die Olympischen Spiele 2016 in Rio. Maresch schied in den ersten Runde aus. Viel mehr Eindruck hat bei ihm aber ein Besuch in den Favelas hinterlassen. "Das sind unvorstellbare Lebensbedingungen", sagt er, "und trotzdem lachen die Menschen dort."

"Unwürdig" sei sein Rauswurf aus dem Nationalteam gewesen

Typen wie Maresch, die während ihrer sportlichen Karriere außerhalb der Blase denken, sind selten und schaffen meistens nicht "den ganz großen Wurf", wie er selbst für sich konstatiert. Der Triumph bei der Junioren-Europameisterschaft 2006 blieb sein größter Sieg. 2017 flog er altersbedingt aus der Nationalmannschaft, "die Art und Weise war unwürdig", sagt er. Einen kurzen Brief erhielt er, nicht mehr. So etwas wäre in Abensberg unvorstellbar. Maresch versteht sich als loyaler Teamplayer, entsprechend habe er die Mannschaftswettbewerbe immer mehr genossen, sagt er: "zusammen zu kämpfen, zusammen zu feiern". Die Bundesliga mit Abensberg ist also nun der perfekte Abschluss: "Und dann beginnt ein neues Leben."

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