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Jorge Valdano:Wie es ist, vor 100 000 Zuschauern bei einer WM zu spielen

Waren Sie 1987 noch bei einem der berühmtesten Geisterspiele der Geschichte dabei, dem Europapokalsieg von Real Madrid gegen den SSC Neapel des Diego Maradona im leeren Bernabéu-Stadion?

Nein. Das war quasi das erste Spiel nach meinem Karriereende, und mein erstes Spiel als TV-Kommentator. Ich fühlte mich aber noch als rechtskräftiger Fußballer.

Welches Gefühl aus der Beobachtung dieses Spiels wirkt bis heute nach?

Die Trostlosigkeit. Das Gefühl, dass der Fußball so nichts wert ist.

Das ist nahe an den Argumenten jener Fangruppen, die Geisterspiele verteufeln.

Diese Fans haben vollkommen recht. In diese Lage sind wir ja nicht deshalb gekommen, weil wir den Fußball als kulturelles Phänomen stärken wollten. Sondern um ihn als industrielles, wirtschaftliches Phänomen zu stützen. Aber ich muss auch sagen: Ich halte diese Spiele für notwendig. Es ist eine Notsituation. Und außergewöhnliche Situationen verlangen nach außergewöhnlichen Lösungen.

Diese Notsituation ermöglicht neue Blicke auf das Spiel. Beispiel FC Bayern: Dass der redselige Thomas Müller eine Art Radiosender auf zwei Beinen ist, das wusste man. Aber wie bedeutsam er für die Organisation des Pressings ist, oder wie wichtig David Alaba in der Innenverteidigung bei der Mannschaftsführung sein kann, das hört und erkennt das Publikum durch die distanzierte, chirurgische Analyse des Spielgeschehens erst jetzt...

Ja, das ist ein wichtiger Aspekt, den der Durchschnittszuschauer erst jetzt für sich erobert, weil solche Aspekte meist im tosenden Geschehen eines normalen Spiels versteckt sind. Wie wichtig die Kommunikation ist. Und welchen Einfluss Spieler haben können, die nicht mal am Ball sind.

Überhaupt die Geräusche: In einer Kolumne für die Zeitung El País erinnerten Sie in diesen Tagen an Ihren 3:2-Sieg mit Argentinien im WM-Finale von 1986 gegen Deutschland. Also daran, wie seltsam es war, vor 100 000 Menschen im Aztekenstadion von Mexiko zu spielen, die aus aller Welt angereist waren und im Grunde keine Präferenzen für eines der beiden Teams äußerten. War das damals wie ein Geisterspiel mit Zuschauern?

Es war wirklich seltsam. Der Fußball hat seine Riten, seine Liturgien und eben auch seine Geräusche. Wenn man einen Fußballer am Fallschirm in einem Trikot über einem beliebigen Stadion abwirft, weiß er nach 20 Sekunden, ob er für die Heim- oder Auswärtsmannschaft spielt. In jenem WM-Finale, mit Fans aus aller Welt, hatte ich ein absonderliches Geräusch im Ohr, das bisweilen verstörend war und mir eine enorme mentale Anstrengung abverlangte. In diesem inneren Dialog, den jeder Fußballer mit sich selbst führt, musste ich mir immer wieder sagen: "Das ist das wichtigste Spiel deines Lebens. Das wichtigste Spiel deines Lebens..." Es war eine Litanei, die einen enormen zusätzlichen Verschleiß verursacht. Und der ist für die Spieler viel größer, die jetzt ohne Publikum spielen müssen, die also einen noch viel intensiveren inneren Dialog führen müssen.

Wird das zu bleibenden Veränderungen im Fußball führen - vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es noch über Monate hinweg Geisterspiele geben wird?

Das steht zu vermuten. Die Übung spielt immer eine Rolle. Es gibt in der Technologie den Begriff der erweiterten Realität. Hier muss man vielleicht von einer "verkleinerten Realität" reden, an die sich alle gewöhnen müssen, weil das Publikum fehlt, nach dem wir alle eine Nostalgie verspüren: die Fußballer, und auch jene, die alles nur aus der Distanz beobachten.

Es gibt Menschen, die meinen, dass wir aus dieser Krise gestärkt, klüger, umsichtiger hervorgehen werden. Sie sind skeptisch und sagen, Sie wären froh, wenn uns diese Krise nicht schlimmer macht, als wir sind. Warum so pessimistisch?

Weil der Mensch seine guten Vorsätze sehr schnell aufbraucht. Und: Wir leben in immer individualistischeren Gesellschaften, mit einem immer kleineren Sinn für Gemeinschaft, auch im Fußball, machen wir uns da bitte nichts vor. Die Solidarität müsste in Zeiten wie diesen ein Grundversorgungsmittel sein. Aber sie stößt frontal mit der neoliberalen Kultur zusammen, in der das Rette-sich-wer-kann und der Individualismus regieren. Sie macht uns gieriger und folglich weniger großzügig.

Es gibt Akteure, die finden Gefallen daran, dass der Fußball nun auf seine Essenz reduziert wird: Elf gegen Elf, ein Ball, zwei Tore... Und dass das reicht. Dass diejenigen, die draußen sind, nicht so notwendig sind, wie alle dachten. Gefällt Ihnen das auch?

Vorsicht mit Begriffen wie dem Unwichtigen, mit dem Nützlichen! Sie sind oft nur vermeintlicher Natur. In der Tat: Mit zwei Mannschaften, einem Ball und zwei Toren stellt man Fußball her, im Park oder in einem großen Stadion. Aber die da draußen, sie geben dem Ganzen eine Seele. Ich habe auch einige Intellektuelle gehört, die sagen: Wir hatten jetzt zwei Monate keinen Fußball, und das Leben ging trotzdem weiter... Ich habe meinen Enkeln seit zwei Monaten keinen Kuss mehr gegeben, und ich könnte auch sagen: Das Leben ging weiter. Aber: Es war ein schlechteres Leben. Mir fehlt die Emotion des Kontakts. Ich habe mich an ein Interview mit dem Schriftsteller Jorge Luis Borges erinnert gefühlt, den sie fragten, wozu die Poesie nützlich sei. "Wozu nützt der Geruch nach Kaffee? Wozu nützt ein Morgengrauen?", fragte er zurück. Genauso könnte man fragen: Wozu ist der Fußball nütze?

Und? Wozu?

Um ein emotional volleres Leben zu haben. Um besser zu leben. Gingen wir nur nach dem Nützlichen und Notwendigen, so würde es reichen zu essen, zu trinken und zu schlafen. Aber dann wären wir zurückgeworfen auf unseren Tierzustand. Und das kann es nicht sein.

© SZ vom 30.05.2020/tbr
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