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Jorge Valdano:Valdano glaubt, dass die Menschen sich "an einen Sinn für die rabiate Gegenwart gewöhnt" haben

Die Reduktion des publikumsfreien Fußballs auf das reine Spielgeschehen führt also zu einer größeren Notwendigkeit für offensiven Fußball? Weil er nur im Fernsehen verfügbar ist?

Die großen Klubs ringen darum, den Blick der Fans in der ganzen Welt anzuziehen. Und das bewerkstelligen nur große Helden oder große Mannschaften. Deswegen war es auch so intelligent, dass der FC Bayern damals so entschlossen auf Pep Guardiola setzte und ihn als Trainer verpflichtete.

An diesem Pfingstwochenende hätte in Istanbul das Champions-League-Finale stattfinden sollen. Haben Sie noch die Erinnerung daran, wie der Wettbewerb vor der Zwangspause verlaufen ist? Gab es für Sie einen Favoriten?

Die einzige Mannschaft, die herausragte, die lange unschlagbar wirkte, ist gegen alle Prognosen unterwegs hängengeblieben: der FC Liverpool von Jürgen Klopp (schied im Achtelfinale gegen Atlético Madrid aus/Anm. d. Red.). Dahinter öffnete sich ein ganzer Fächer an Teams, die sich Hoffnungen machen konnten. Die Pause stellt uns jetzt vor ein Rätsel. Wobei ich glaube, dass die deutschen Mannschaften mit einem Vorteil in den Wettbewerb starten werden. Aus dem einfachen Grund, weil sie früher wieder anfangen konnten. Das wird ihren Wettbewerbsrhythmus begünstigen.

Am anderen Ende steht Frankreich, das seine Ligue 1 auf Order der Regierung Macron abgebrochen und den Titel an Paris St. Germain von Trainer Thomas Tuchel überreicht hat. England, Spanien und Italien machen es Deutschland nach und starten ihre Ligen bald neu. Frankreich Sportzeitung L'Equipe titelte am Freitag, man stehe in Europa da "wie Idioten". Ist das zu viel der Selbstkasteiung?

Das ist wahrscheinlich übertrieben. Ganz im Sinne Churchills, der einmal gefragt wurde, was er von den Franzosen halte, und antwortete, dass er das nicht wisse, da er nicht alle kenne. Aber der Fehler steht außerhalb jeder Diskussion. Wenn Deutschland das gute Beispiel ist, weil es die Normalität ohne Schrecken umarmte, ist Frankreich das schlechte Beispiel, weil es überstürzt handelte und wirtschaftliche und sportliche Interessen schädigte. Die Verwaltung der Ungewissheit verlangt nach Reflexen, um täglich auf neue Situationen antworten zu können. Frankreich wollte zu schnell zur Zukunft aufbrechen, und nun entpuppt sich das als großer Fehler. Den größten Schaden werden die Klubs haben, die in der Champions League noch am Leben sind, also Paris St. Germain und Olympique Lyon.

Alle Klubs, auch die großen, waren nur damit beschäftigt, ihre nationalen Ligen wiederzubeleben. Niemand redet derzeit von Europa, von der Champions League. Ist das, analog zu Grenzschließungen, ein Symptom einer Renationalisierung, einer Rückbesinnung auf die eigene Scholle?

Weiß ich nicht, ich vermute eher, dass wir gerade in allen Bereichen - sei es in Bezug auf das Coronavirus, auf die politischen, wirtschaftlichen oder auch die fußballerischen Entscheidungen - von Tag zu Tag leben. Wir haben uns an einen Sinn für die rabiate Gegenwart gewöhnt, an die absolute Unmittelbarkeit. Mir scheint: Die Champions League ist jetzt einfach nicht dran.

Vor 20 Jahren stieg in Paris das Finale zwischen Real Madrid und Valencia, das erste Champions-League-Endspiel mit zwei Teams aus dem selben Land. Es folgten seitdem zehn Königsklassen- und sieben Europa-League-Triumphe für Spanien. Wird sich die Hierarchie des europäischen Fußballs durch die Corona-Krise nun verändern?

Spanien hat noch immer einen technischen Vorteil, was das reine Spiel betrifft. Aber in den letzten Jahren ist der Umgang mit den Räumen auf dem Spielfeld so wichtig geworden wie der unmittelbare Umgang mit dem Ball. Das ist eine Tendenz, an die man sich nach und nach wird anpassen müssen, auch noch in Spanien.

Champions League

Im August soll es weitergehen, noch drei deutsche Trainer sind im Rennen: Julian Nagelsmann hat RB Leipzig erstmals ins Viertelfinale geführt, Thomas Tuchel warf zuletzt mit Paris Saint-Germain seinen früheren Klub Borussia Dortmund aus dem Rennen. Auch für Hansi Flick und den FC Bayern wäre das Weiterkommen nach einem 3:0-Auswärtssieg bei Chelsea nur noch Formsache.

FC Chelsea - FC Bayern 0:3 / verlegt

SSC Neapel - FC Barcelona 1:1 / verl.

Real Madrid - Manchester City 1:2 / verl.

Olympique Lyon - Juventus Turin 1:0 / verl.

In Deutschland fiel nach der Pause ins Auge, dass im Grunde die selben Mannschaften wie vor der Pause dominierten. Ist eine solche Kontinuität in Spanien auch zu erwarten, wo der Ligabetrieb am 11. Juni neu starten soll?

Ich glaube, dass ohne Publikum Überraschungen unwahrscheinlicher sind. Ohne Publikum zu spielen, hat einen sehr mächtigen Einfluss. In erster Linie, weil das dem Fußball die Seele raubt. Es ist ein anderer Sport. Die spannende Frage wird sein, wer die größte Fähigkeit an den Tag legt, sich an die neuen Begebenheiten zu gewöhnen, und wenn mich am Dienstag etwas an den Bayern beeindruckt hat, dann dies: dass sie die Konzentration aufrechterhalten konnten, ohne auf diese Seelennahrung zurückgreifen zu können, die das Publikum liefert. Übrigens auch dann, wenn es feindlich gesinnt ist, wie es in Dortmund der Fall gewesen wäre. Als reaktives Phänomen kann dir das Publikum auch dabei helfen, in ein Spiel zu finden.

Als indirekter Ansporn?

Genau, als ein Anreiz - auch für epische Leistungen, für Heldentaten. Er fehlt jetzt, und weil deshalb die Epik fehlt, kommt das Spektakel für den Zuschauer sehr viel fader daher. Es wird aber auch für den Spieler sehr viel schwieriger. Er muss eine permanente mentale Anstrengung unternehmen, um sich fortlaufend daran zu erinnern, dass alles, was er tut, Auswirkungen hat. Auf die Tabelle, aber auch auf sein eigenes Prestige. Die Blicke mögen im Stadion nicht gegenwärtig sein. Aber sie existieren. Im Fall Deutschlands sind sie durch das globale TV-Publikum zahlreicher denn je.

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