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Jonas Hector:Der Mann, der Buffon zum Weinen brachte

EURO 2016 - Quarter final Germany vs Italy

"Er hat den Elfmeter nicht gehalten, also war er unhaltbar", sagte Jonas Hector über seinen Strafstoß gegen Italien.

(Foto: Rungroj Yongrit/dpa)

Sein großer Moment fiel in ein Elfmeterschießen bei der EM 2016 - still und leise hat sich Jonas Hector vor einigen Wochen aus der Nationalelf zurückgezogen.

Von Christof Kneer

Der 17. Elfmeter: Matteo Darmian läuft an, schießt mit rechts, flach ins linke Torwarteck. Manuel Neuer wirft sich ins linke Eck und lenkt den Ball um den Pfosten. Der 18. Elfmeter: Jonas Hector läuft an, schießt mit links, flach ins linke Torwarteck. Gianluigi Buffon wirft sich ins linke Eck, berührt den Ball, und dann rutscht ihm der Ball unterm Körper durch ins Tor.

Manuel Neuer rennt dann los, stößt die Arme in den Himmel und verschwindet brüllend in einem Haufen von Mitspielermenschen. Gianluigi Buffon verschwindet auch, aber mehr in sich selbst. Ein paar Kameras zoomen sich erbarmungslos heran und treffen tatsächlich ein paar Tränen. Das hat Jonas Hector damals bestimmt nicht gewollt: Dass der große, unvergleichliche, sagenhafte Gigi Buffon heulen muss. Die italienischen Medien haben Buffon am Tag nach diesem EM-Viertelfinale 2016 sogar einen Fehler unterstellt, weil er beim Versuch, Hectors Elfmeter abzuwehren, erst ein Zwischenschrittchen einlegte und dann einen komischen kleinen Bogen sprang. Kompromittierende Fragen wurden gestellt: Kommt der alte Mann vielleicht nicht mehr schnell genug runter?

"Er hat den Elfmeter nicht gehalten, also war er unhaltbar", sagte Hector am nächsten Tag mit einem kleinen Schmunzeln. Mehr konnte er für Buffon nicht tun, aber immerhin das.

Jonas Hector, 30, ist für eine Nacht berühmt gewesen, er hat sich wirklich nicht darum gerissen, aber gut, einer musste den Job ja machen. Einer musste die DFB-Auswahl bei der EM 2016 ja ins Halbfinale bringen, in diesem ewigen Elfmeterschießen, das nach 18 Elfmetern 6:5 für Deutschland endete. Müller verschoss, Özil verschoss, Schweinsteiger verschoss, am Ende traf Hector - der, wie er anderntags erzählte, in seinem Profileben noch nie zuvor einen Elfmeter geschossen hatte. Man hat das seinem wackligen Schuss ein bisschen angesehen, aber egal. Es reichte.

Hector hatte seinen großen Moment, das ist mehr als andere von sich sagen können. Er wird diesen Moment für immer mitnehmen, nun wohl in der Gewissheit, dass es sein größter bleiben wird. Still und leise, wie es seine Art ist, hat er seine Nationalspieler-Karriere beendet, schon vor Wochen, erst jetzt wurde es öffentlich. Bereits Anfang September hat Hector den Bundestrainer Joachim Löw gebeten, ihn für die Oktober-Länderspiele nicht mehr einzuladen. Vermutlich wäre Hector im Kader gewesen, aus mindestens zwei Gründen. Weil Löw ohnehin ein geräumiges Aufgebot nominierte; und weil er auf der Position des Linksverteidigers eher den Mangel verwaltet. Auf der Position, auf der Hector eine seriöse EM 2016 spielte, unabhängig von dem mittelseriösen Elfmeter.

Hector gehörte zu den Besseren links hinten

Hector ist ein Spieler, dessen Abwesenheit im Kader man auf den ersten Blick ebenso wenig bemerkt wie seine Anwesenheit, aber dieser erste Blick wird seinem Spiel nicht gerecht. Der Kölner hatte eine gute Zeit beim DFB, von 43 Länderspielen bestritt er 42 in der Startelf, er hat die linke Flanke nicht mit rasender Dynamik, aber mit Witz und Übersicht bespielt. Jérôme Boateng hat seine Diagonalbälle gerne auf den linken Flügel hinaus gehauen, weil er wusste, da ist einer, der damit was anfangen kann. Hector kann das alles immer noch, aber er hat offenbar gespürt, dass er nun eine Entscheidung treffen muss.

Er hat eine schwere Zeit hinter sich, im Sommer traf ihn unerwartet der Tod seines Bruders, und auch beruflich beschäftigen ihn andere Themen als jenes, ob er beim DFB noch mal den Kampf um die linke Außenverteidiger-Position aufnehmen sollte. Marcel Halstenberg (Leipzig), Robin Gosens (Bergamo) und vielleicht Benjamin Henrichs (Leipzig) sind dort die Kandidaten, das ist okay, aber nicht genug, um der historischen Flaute auf dieser Flanke zu begegnen. Seit Andy Brehme und Christian Ziege die Seite altershalber räumten, war sie nur dann in besten Füßen, wenn Philipp Lahm mal links spielte. Ansonsten wurden dort auch mal Menschen namens Gerber, Maul oder Rau gesichtet.

Der unauffällige Hector gehörte zu den Besseren dort, aber er hat zu viel Respekt vor dieser Rolle, um sie ungeübt zu besetzen. Beim 1. FC Köln spielt er schon länger keinen Linksverteidiger mehr, sie brauchen ihn dort wieder im hinteren zentralen Mittelfeld, in jener Rolle, die er mal gelernt hat. Und in dieser Spielfeldregion, auch das weiß Hector, ist der Konkurrenzkampf beim DFB so groß, dass der Bundestrainer nicht mal für Ilkay Gündogan einen Startplatz findet.

© SZ vom 16.10.2020/chge
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