Johann Cruyff Sie nannten ihn Gott

Wie kein Zweiter hat der Niederländer den Fußball revolutioniert: erst als Spieler in seinem Nationalteam, dann als Trainer des FC Barcelona. Nun ist der Regisseur mit 68 Jahren einem Krebsleiden erlegen.

Von Javier Cáceres

Die Ikonografie des Fußballs ist voller Bilder von Johan Cruyff. Doch es gibt kaum Fotos, die so definitorisch wären wie jene aus seiner Zeit als Trainer des FC Barcelona. Sie zeigen Cruyff, wie er seinen Spielern beim Training zusah, auf einem Ball sitzend: "Das ist mein Büro", pflegte er zu sagen - und das war schon die Quintessenz dessen, was ihn zu einem Revolutionär des Rasens werden ließ. "Nichts von dem, was wir jetzt auf einem Fußballfeld sehen oder in den letzten 15 oder 20 Jahren gesehen haben, wäre ohne die Präsenz, das Charisma, das nicht zu übertreffende Talent Johans möglich gewesen", sagte der heutige Bayern-Trainer Pep Guardiola einmal, der als Barça-Profi wie kein Zweiter die Ideen Cruyffs aufsog und das umwälzende Werk des Niederländers, den Cruyffismus, am Leben hält.

"König Johan" nannten sie ihn, obwohl er 1947 in einem kriegsruinierten Arbeiterviertel im Osten Amsterdams geboren wurde, als Hendrik Johannes Cruijff. Sein Vater starb an einem Herzleiden, als er gerade einmal zwölf Jahre alt war. Die Mutter musste die Gemüsehandlung der Familie aufgeben und sich als Putzfrau verdingen. Im Stadion von Ajax Amsterdam, nahe der Wohnung gelegen, reinigte sie die Kabinen, die deshalb bald zu Cruyffs zweitem Zuhause wurden. Er, der auch als Erwachsener noch so papieren wirkte, dass ihn der argentinische Fußballphilosoph und Weltmeister Jorge Valdano eine "Postkarte des Fußballs" nannte, freundete sich mit den älteren Spielern an und erzwang kraft seines überbordenden Talents das Recht, mit 17 Jahren in der ersten Liga zu debütieren.

Der Ball war das Werkzeug, mit dem er seinen körperlichen Nachteil ausglich, und das ihn zum Apostel einer Ajax-Elf werden ließ, die dreimal in Serie den Europapokal der Landesmeister gewann. Wenn jemand fußballerisch je ein Land auf die Weltkarte gesetzt hat, dann Cruyff die Niederlande. Doch nichts rief eine nachhaltigere Veränderung des Fußballs hervor als 1973 sein Wechsel nach Spanien.

Eigentlich hatte sich Ajax mit Real Madrid auf einen Wechsel geeinigt. Doch Cruyff machte gern das Gegenteil von dem, was man ihm sagte, er verkörperte die Rebellion mit der Ästhetik eines Popstars. Er wechselte zu Reals Erzrivalen Barcelona, als dessen letzter Meistertitel 14 Jahre zurücklag. Für Barça, das eigentlich Gerd Müller vom FC Bayern holen wollte, geriet der Transfer zum "Big Bang".

Cruyff stillte nicht nur den Durst Barcelonas nach neuer Inspiration. Er führte das "unbewaffnete Heer Kataloniens", wie der Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán Barça taufte, zu einem 5:0 bei Real Madrid. Ein Triumph, der als Symbol der Auflehnung der Katalanen gegen die Franco-Diktatur gedeutet wurde; sie lag damals in ihren letzten Zügen. Sogar die New York Times berichtete in großer Aufmachung. Der Rest der Welt horchte aber vor allem auf, als die niederländische Nationalelf bei der WM in Deutschland 1974 den voetbal totaal vorführte, den totalen und bedingungslos offensiv ausgerichteten Fußball, der alle vorherigen Konzepte und Begriffe pulverisierte. Die Holländer hatten ihr Team in ein sphärisches, unfassbares Gebilde verwandelt. Alle Spieler griffen gemeinsam an und verteidigten gemeinsam, füllten unterschiedliche taktische Rollen aus, prägten den Begriff des polyvalenten Fußballers und funktionierten wie ein Uhrwerk: Clockwork Orange.

"Cruyff baute die Kathedrale. Wir halten sie nur instand." Pep Guardiola

Ja, Deutschland holte trotzdem den WM-Pokal. Durch den 2:1-Finalsieg von München gegen Cruyffs Holländer. Unter dem Kommando von Franz Beckenbauer, den Cruyff als "privilegierten Kopf" bewunderte, der selbst dann "die richtige Lösung fand", wenn er "trotz seines Talents den Ball ins Amphitheater drosch". In Wahrheit obsiegte seinerzeit aber eine faszinierende Fußball-Idee, die Cruyff gewissermaßen in den Olymp des Fußballs katapultierte. Er residiert dort sehr exklusiv, mit Di Stéfano, Pelé und Maradona.

Nach drei Jahren bei Barça zog Cruyff in die USA weiter, spielte in der zweiten Liga bei UD Levante in Spanien, kehrte schließlich nach Amsterdam zurück und beendete nach einem Streit mit der Ajax-Klubführung seine aktive Karriere 1984 beim verhassten Erzrivalen Feyenoord Rotterdam. Doch das hielt ihn nicht davon ab, wenig später bei Ajax seine Trainerkarriere zu beginnen. Im Januar 1988 holte ihn der FC Barcelona, der damals im Chaos zu versinken drohte; Spieler und Trainer Luis Aragonés hatten gegen den Präsidenten Josep Lluis Núñez gemeutert. Und Cruyff begründete eine neue Zeitrechnung.

Denn er veränderte alles: den Blick eines Landes auf den Fußball, der spektakulär zu sein hatte ("ich muss mir alle Spiele anschauen, da will ich wenigstens Spaß haben"), und vor allem die Psychologie eines Klubs, dessen Präsident damals keine Finals spielen wollte: "Wir verlieren da nur." Cruyff nahm der Elf, dem Klub, der Stadt die Angst. Für immer. Vor 1988 hatte Barça in 90 Jahren 44 Titel geholt, seither sind in nur 27 Jahren noch einmal genauso viele Trophäen in die Vitrinen gewandert. Darunter vor allem der erste von nunmehr fünf Henkelpötten. Cruyffs "Dream Team" holte den Landesmeister-Pokal 1992 im Wembley-Stadion gegen Sampdoria Genua, nachdem er den Spielern in der Kabine einen mythischen Befehl erteilt hatte. Einen Satz, den "nur ein Mann sprechen kann, der einen geheimen Pakt mit dem Triumph hat und deshalb die Herausforderung als Vergnügen begreift", wie der Schriftsteller Juan Villoro staunt. Er lautete: "Geht raus und genießt."

Er lag in der fast schon infantilen, erschlagenden Logik Cruyffs. Fußball sei ein einfaches Spiel, aber einfach Fußball zu spielen sei das Schwierigste, was es gibt, lautete einer seiner vielen Aphorismen, "wenn ich den Ball habe, kann mir der Gegner nichts tun", ein anderer. Es ist die Quintessenz des ballbesitzorientierten Spiels, das über Barça in Spaniens Nationalelf sickerte. Die Erkenntnis, dass man "den Fußball mit den Augen Cruyffs betrachten" müsse, wie der brasilianische Stürmer Romário sagte, ist längst universal. Sie ruht auf einem schlichten Fundament: "Der Fußball besteht im Grunde aus zwei Dingen. Erstens: Wenn du den Ball hast, muss du imstande sein, ihn korrekt zu passen. Zweitens: Wenn man dir den Ball gibt, musst du die Fähigkeit haben, ihn zu kontrollieren. Denn wenn du den Ball nicht kontrollierst, kannst du ihn nicht weitergeben." Also sprach Cruyff. Deshalb wurde ein banales Spiel, das "Rondo", eine Art "Fünf gegen Zwei", bei dem nur eine Ballberührung erlaubt ist, bei Barça zur kardinalen Trainingsform.

"Er gab uns die Werkzeuge, um ein Spiel zu beherrschen, das nicht dechiffrierbar ist, wenn du nicht gerade Messi heißt", sagte Guardiola am Freitag in einem Interview, "er hat uns eine Grammatik gegeben." In der Kabine nannten ihn seine Spieler nicht umsonst: Gott.

Er konnte aber auch schneidend sein: "Wenn ich gewollt hätte, dass du mich verstehst, hätte ich mich besser erklärt", warf er mal einer Journalistin zu. Als 1996 seine Trainerkarriere bei Barça zu Ende ging, flogen Flüche und, wie ein früherer Barça-Präsident, Joan Gaspart, verriet: "auch Stühle". Doch an der grundlegenden Bedeutung seiner Doktrin wurde nie gedeutelt. "Wenn ich zweifle, frage ich mich immer: Was würde er tun?", sagt Pep Guardiola. Zuletzt sei das in der Champions League so gewesen, als er im Rückspiel des Achtelfinales "die Schlinge am Hals spürte", weil der FC Bayern 0:2 gegen Juventus zurücklag. Endstand: 4:2.

Cruyff selbst hatte im vergangenen Oktober bekannt gemacht, dass er an Lungenkrebs erkrankt war. Dem Tod war er schon einmal von der Schippe gesprungen, Mitte der 90er, als ein Kardiologe nicht bloß das Herz des großen Holländers in seinen Händen hielt und mit Bypässen rettete. Es war das Herz einer ganzen Stadt. Danach ließ Cruyff, der es auf bis zu 80 Zigaretten am Tag brachte und als Spieler sogar in Halbzeitpausen gequalmt hatte, das Rauchen sein.

"Ich habe das Gefühl, dass ich im Kampf gegen den Krebs mit 2:0 in Führung liege", sagte Cruyff noch im Februar. Heute stellt sich die Frage, ob das nicht wieder eine dieser Finten war wie jene, die ihn, den Meister des Rhythmuswechsels, als Spieler so einzigartig machten. Denn die Nachricht, dass Cruyff am Donnerstag verstorben war, der Krebs also zwischenzeitlich ausgeglichen und gesiegt hatte, erwischte alle auf dem falschen Fuß. Johan Cruyff wurde 68 Jahre alt, er ging umweht von einer Aura der Unsterblichkeit.