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Deutsche Nationalmannschaft:Warten auf Löws Neuanfang

  • Beim DFB verzichten sie auf einen Pressetermin, um die weitere Zusammenarbeit mit Bundestrainer Joachim Löw zu erläutern.
  • Eine "überstürzte und oberflächliche Bewertung" der verpatzten WM-Mission ergebe keinen Sinn, heißt es nur.

Die Einladung kam nicht über den Whatsapp-Nachrichtendienst der DFB-Pressestelle, sie kam nicht per Mail und auch nicht per Telefon. Sie kam überhaupt nicht. Weshalb es am Mittwoch um 12.30 Uhr im großen Sitzungssaal der Frankfurter DFB-Zentrale auch keine Pressekonferenz gab, auf der DFB-Präsident Reinhard Grindel, Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff über die Pläne für den Neuaufbau der Nationalmannschaft informierten.

Man hat zwar beim DFB über einen Pressetermin nachgedacht, nachdem geklärt war, dass Löw Bundestrainer bleibt. Aber es herrschte schnell Einigkeit, dass man auf eine Pressekonferenz verzichten werde. "Was hätte man Inhaltliches sagen sollen?", gibt ein Beteiligter zu bedenken, "es wären nur Plattitüden gewesen." Den ersten Teil der - ausgefallenen - Fragestunde hätten die Protagonisten aber wohl noch hinbekommen, Löw hätte erklärt, warum er glaubt, dass er trotz seiner Verantwortung für den komplett missratenen Turnierauftritt weiter der richtige Trainer ist.

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Am Dienstagvormittag hatte er dies bereits einer Runde von Spitzenvertretern des deutschen Fußballs erläutert, außer Grindel und Bierhoff gehörten dazu die DFB-Vertreter Friedrich Curtius (Generalsekretär) und Rainer Koch (Vizepräsident) sowie die Bundesligafunktionäre Reinhard Rauball (Borussia Dortmund) und Peter Peters (Schalke 04). Die Teilnehmer des Gesprächs mit Löw im DFB-Haus hatten den Eindruck eines Mannes, dessen Ehrgeiz und Wille stark genug sind, um die große Aufgabe auf ein Neues anzugehen. Worte wie "seriös" und "realistisch" fallen, wenn Löws Auftreten beschrieben wird. Die Worte "schuldbewusst" oder gar "kleinlaut" fallen allerdings nicht.

Während Löw in eigener Sache plausibel zu argumentieren wusste, hat er auf die andere Kernfrage, die aus dem Scheitern des Weltmeisters hervorgeht, keine befriedigende Antwort gegeben. Ja, es solle einen Neuanfang geben, das hat er versichert. Aber wie dieser Anfang aussehen soll, das hat Löw nicht berichten können, weshalb man auch darauf verzichtete, den neuen, alten Trainer in einer Medienrunde zur Nation sprechen zu lassen. Eine "überstürzte und oberflächliche Bewertung" der verpatzten WM-Mission ergebe keinen Sinn, hieß es beim DFB, und vor allem wollte man Löw auch die unvermeidlichen Ausflüchte auf Fragen ersparen, die das Schicksal verdienter, aber zurzeit nicht ganz so populärer Nationalspieler wie Sami Khedira, Thomas Müller oder Mesut Özil betreffen.

Das Medienecho auf Löws Bleibebeschluss verrät, dass die Vorstellungen vom sogenannten Neuaufbau mit der Erwartung verbunden sind, ein paar der alten Bekannten von der Gästeliste zu streichen. Unter dem Markennamen der Zeitung Welt hieß es gar: "Joachim Löw muss jetzt Köpfe rollen lassen." Symbolpolitik - etwa das Rausschmeißen von Spielern um des Rausschmeißens willen - ist Löw zwar zuwider, aber er hat mit der Ankündigung von "tief greifenden Maßnahmen", ausgesprochen am Tag der Heimkehr aus Russland, selbst das Stichwort geliefert. Rhetorisch hat er damit seine eigenen Überzeugungen attackiert. Ein Radikal-Reformer ist er nie gewesen, und mit 58 Jahren wird er es wohl auch nicht mehr werden.