Süddeutsche Zeitung

Europa League:Der Wunderknabe ist zu stark für Frankfurt

Lesezeit: 4 min

Von Tobias Schächter, Lissabon

Kevin Trapp war der letzte Spieler von Eintracht Frankfurt, der sich Donnerstagnacht aus dem Kabinentrakt im Estadio da Luz auf den Weg zum Mannschaftsbus machte. Aber Trapp war der erste Frankfurter, der sagte: "Das Ergebnis ist nicht optimal." Mit 2:4 hatte die Eintracht gerade bei Benfica Lissabon das Viertelfinal-Hinspiel in der Europa-League verloren. Es war die erste Niederlage für die Eintracht in dieser Europapokalrunde und die erste Pflichtspielpleite in diesem Kalenderjahr. Vielleicht waren das die Gründe, warum die Frankfurter redeten, als hätten sie gewonnen. Wer den Verantwortlichen und Spielern der Frankfurter nach dem Abpfiff zuhörte, spürte nur Zuversicht und Optimismus, im Heimspiel am kommenden Donnerstag doch noch den Einzug ins Halbfinale zu schaffen. Auch Trapp meinte schließlich, bevor er sich ins Mannschaftshotel verabschiedete: "Ich habe keine Zweifel, dass wir es schaffen können."

Es waren die Umstände der Niederlage, die die Hoffnung in Frankfurt keimen lassen. Rund 70 Minuten musste die Eintracht in Unterzahl agieren, Verteidiger Evan N'Dicka wurde in der 20. Minute nach einem Schubser gegen Benficas Mittelfeldspieler Gedson Fernandes im Strafraum vom Platz gestellt; Benfica ging anschließend durch einen verwandelten Elfmeter von João Felix mit 1:0 in Führung. Nach dem 1:4 in der 53. Minute hatte es dann kurz danach ausgesehen, als gingen die dezimierten Frankfurter in Lissabon episch unter.

Aber das 2:4 des eingewechselten Goncalo Paciencia (72.) hält die Hoffnung der Hessen am Leben, Luka Jovic hatte zum zwischenzeitlichen 1:1 getroffen (40.). Sportdirektor Bruno Hübner lobte die Moral der Mannschaft und spielte gleich nach dem Abpfiff die Ergebnisse durch, die im Rückspiel fürs Weiterkommen reichen könnten: "Wir sind optimistisch, ein 2:0, 3:1 oder ein 4:1 ist möglich." Die Deutung des Geschehens hatte Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic vorgegeben, er erklärte via RTL nach dem Abpfiff: "Ich habe meinen Jungs gesagt: 'Die hauen wir weg im Rückspiel'. Der Rasen wird brennen, aber nur der Rasen. Ich bin sehr, sehr zuversichtlich für das Rückspiel."

Die Enttäuschung nicht zulassen, Trotz entwickeln und auf eine brodelnde Heimspielkulisse hoffen - das war die Interpretationslinie der Eintracht. Bobics Vorstandskollege Axel Hellmann meinte nach dem Erlebnis im mit knapp 54 000 Zuschauern gefüllten Estadio da Luz: "Ich habe keinen Hexenkessel gesehen, aber die werden nächste Woche einen Hexenkessel bei uns erleben." Kapitän David Abraham drohte dem Gegner: "Wir werden in Frankfurt zeigen, was Eintracht Frankfurt ist." Und Mittelfeld-Antreiber Sebastian Rode trotzte: "Wir sind optimistisch, die Kampfeslust ist in uns geweckt." Nach dem vierten Gegentor sei es ihm schon in den Sinn gekommen, hier untergehen zu können, gab Rode zu - allerdings nur für einen kurzen Moment: "Es zeichnet uns aus, dass wir immer weiter ackern."

Die Frankfurter glauben fest daran, in einem Spiel Elf gegen Elf Benfica aus dem Wettbewerb zu kegeln - auch Trainer Adi Hütter, der sagte: "Ich bin überzeugt und glaube daran, dass wir Benfica schlagen können. Das war eine tolle Leistung in Unterzahl, die zwei Tore lassen uns alle Chancen offen. Ich erwarte mir einen heißen Tanz in Frankfurt."

Aus der Frankfurter Sicht ist diese gnadenlos optimistische Sichtweise verständlich. Bis zum Platzverweis dominierte die Eintracht, die Mannschaft stemmte sich nach dem 1:4 erfolgreich gegen eine drohende Klatsche und hätte durch Filip Kostic in der 78. Minute sogar fast noch das 3:4 gemacht.

Und dennoch gibt es in der Frankfurter Binnenerzählung einen Haken: Die Stärke von Benfica und dessen Spielmacher João Felix. Der 19 Jahre junge Techniker gilt als das neue Wunderkind im portugiesischen Fußball. Warum das so ist, bewies Felix gegen die Eintracht. Immer, wenn der Junge mit der Nummer 79 am Ball war, strahlte Benfica Gefahr aus. Das schmächtige Milchgesicht war der Mann des Abends, erzielte drei Treffer selbst und bereitete das 3:1 von Ruben Dias (50.) vor.

"Der portugiesische Fußball kann froh sein, wieder so ein Jahrhunderttalent zu haben", schwärmte Eintracht-Trainer Adi Hütter und stellte den Jungen somit in eine Reihe mit den Größen Eusebio, Figo oder Christiano Ronaldo. Hütter hat schon recht: Es besteht kein Zweifel, dass Donnerstagnacht nun auch auf europäischer Bühne der Start einer Weltkarriere zu bestaunen war. Mit seinen ersten drei Toren in Europa brach dieser begnadete Instinktfußballer schon einmal einen Rekord von Eusebio: Felix ist nun der jüngste Portugiese, der je in einem europäischen Wettbewerb einen Hattrick erzielt hat. Als Eusebio 1962 gegen die Schweden aus Norrköping drei Mal für Benfica traf, war er 20. Um Felix buhlen bereits die ganz großen Klubs, auch der FC Bayern hatte in Lissabon seine Scouts, und Eintracht-Trainer Hütter ist sicher: "Der spielt nicht mehr lange hier." Wer immer ihn haben will, muss aber 120 Millionen Euro zahlen - diese Ausstiegsklausel verkündete Benficas Präsident stolz bei der Vertragsverlängerung mit Felix.

Der Platzverweis von N'Dicka spielte vor allem Felix in die Karten, der so mehr Raum hatte und diesen immer wieder geschickt nutzte. Dieser geniale Pendler zwischen Angriff und Mittelfeld kann übrigens auch das große Drama mit den großen Gesten - nach seinem 4:1 sank er in die Knie und hatte Tränen in den Augen. Adi Hütter weiß natürlich, dass dieser Felix auch im Rückspiel eine Gefahr für seine Mannschaft darstellt: "Wir müssen uns was einfallen lassen, ihn rauszunehmen, würde sicher helfen", meinte der Österreicher.

Doch Benfica ist nicht Felix alleine, in ihren guten Momenten kann diese Mannschaft schnell und schnörkellos zum Abschluss kommen. Und hätte der ehemalige Frankfurter Stürmer Haris Seferovic das 5:1 für Benfica erzielt, bevor im Gegenzug Paciencia das zweite Frankfurter Tor gelang, dann hätte der Eintracht im Rückspiel wohl auch die schiere Wut nicht mehr geholfen. So aber träumt Eintracht Frankfurt von einer magischen Europapokalnacht am kommenden Donnerstag. Und Vorstand Axel Hellmann ist sich sicher: "Solche Spiele liegen uns."

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