Joachim Löw Vernünftig, aber auch fantasielos

Der Bundestrainer hat bei der WM schlechte Arbeit geleistet, trotzdem darf er weitermachen. Löw ist zuzutrauen, dass er sein eigenes Werk erfolgreich reformiert.

Kommentar von Philipp Selldorf

Vorigen Mittwochabend, Ortszeit circa 19 Uhr, schien in der Stadt Kasan in der russischen Republik Tatarstan eine Ära zu Ende gegangen zu sein, die des Bundestrainers Joachim Löw, der seit Sommer 2006 die Nationalmannschaft beaufsichtigt hatte. Nach der 0:2-Niederlage gegen den Fußball-Kleinstaat Südkorea war der Titelverteidiger Deutschland in der Vorrunde der Weltmeisterschaft gescheitert. Gemäß den überlieferten Anstandsregeln war es nahezu undenkbar, dass ein Bundestrainer nach einer solchen Blamage sein Amt behält. Löw werde aus Prinzip den Posten aufgeben müssen, darin waren sich die meisten langjährigen Begleiter einig: Entweder würde ihm der DFB das Vertrauen entziehen oder, was als wahrscheinlicher galt, er würde freiwillig abtreten.

Die Nationalelf war ja in ihrer Qualifikationsrunde keiner Großmacht begegnet, sondern Mexiko, Schweden und Südkorea, und sie hatte nicht hauchdünn und unglücklich das Klassenziel verfehlt, sondern als Gruppenletzter komplett versagt. Man hatte das Debakel auch in dieser Höhe verdient, wie man im Fußball sagt, und Löw trug dafür als Cheftrainer die Verantwortung. Was er auch nicht leugnete.

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Der Proteststurm contra Löw blieb aus

Wenige Tage später steht die Nachricht, dass Joachim Löw, 58, seine Arbeit fortsetzen wird, bloß noch im Rang einer besseren Vollzugsmeldung. Kaum jemand hatte etwas anderes erwartet, niemand kommt mehr auf die Idee, dass ein Rücktritt ehrenhalber selbstverständlich wäre. Eine öffentliche Debatte über den Trainer, der sich vor dem Turnier als "Visionär" bezeichnet hatte und dann auf maximal banale Art aus dem Turnier entfernt wurde, fand nicht statt.

Einen Proteststurm gegen Löw hat es nicht gegeben, nicht in den TV-Talkshows, nicht in den Fachkreisen und schon gar nicht beim Deutschen Fußball-Bund: Dort ist man nun erleichtert und dankbar, dass der Angestellte Löw die Bereitschaft zum Bleiben erklärt hat. Um dieses Ja-Wort hatte der DFB so eifrig geworben, als ob er befürchtete, keinen anderen Mann für diesen Job zu finden. Schon in der Nacht nach der Niederlage war Präsident Reinhard Grindel bei Löw vorstellig geworden, um ihm das Vertrauen auszusprechen.

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Das ist einerseits erstaunlich, andererseits verständlich und plausibel. Der DFB mag auch deshalb an Löw festhalten, weil die Fantasie fehlt, einen richtigen Nachfolger zu finden. Vor allem aber hat er eine Vernunftentscheidung getroffen. Löws Trainerqualitäten haben dem deutschen Fußball jahrelang hohes Ansehen beschert, er verdient Loyalität und Nachsicht. Die Bewertung des deutschen Auftretens in Russland hat sich zwar mit ein paar Tagen Abstand nicht geändert - peinlich bleibt peinlich -, doch darum geht es nicht mehr. Schuldzuweisungen erübrigen sich angesichts der vollendeten Pleite. Löw hat durch die Vernachlässigung seiner Aufsichtspflichten, durch Fehleinschätzungen und Unterlassungen bei diesem Turnier schlechte Arbeit geleistet. Aber er hat in den zwölf Jahren zuvor so viel richtig gemacht, dass er sich dieses Scheitern leisten darf.

Der Titelgewinn 2014 war die Krönung seiner vorläufigen Bilanz, genauso wichtig ist aber, dass Löw der Mannschaft Stil und Fußballkultur auf hohem Niveau vermittelt hat. Er wird jetzt sein eigenes Werk reformieren müssen, das ist ihm zuzutrauen. Die WM in Russland war ein riesengroßer Misserfolg, aber es ist nichts zerbrochen, das sich nicht reparieren ließe.

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