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Suche nach neuem Bundestrainer:Ein Luxusproblem, das Stress auslöst

Der DFB ist bei der Suche nach einem Nachfolger für Joachim Löw in einer komfortablen Lage. Der Kreis der Kandidaten ist groß. Aber für die Bundesliga dürfte die Kür zur Belastung werden.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Es ist ja nicht so, dass so eine Operation am offenen Herzen eines Bundesligisten nicht auch schon gut gegangen wäre. Im Gegenteil, ein überfallartig angekündigter Trainerwechsel leitet eine Zäsur ein, und die kann erschlaffende Kräfte schlagartig vitalisieren. Gerade erst hat der ehemalige Nationaltorwart Wolfgang Kleff, 74, von einer solchen Schockreaktion erzählt, als einst im finalen Saisonendspurt bekannt wurde, dass Mönchengladbachs Trainerikone Hennes Weisweiler zum FC Barcelona weiterzieht.

Und auch zwei Jahrzehnte später brachte es den VfL Wolfsburg nicht vom Überraschungskurs ab, als Felix Magath vorzeitig erklärte, dass es für ihn demnächst bei Schalke 04 weitergehen werde. Mönchengladbach kam 1975, Wolfsburg 2009 vor dem FC Bayern ins Ziel, dem die Meisterschale ja bekanntlich qua Abonnement gehört.

So ein Bundestrainerposten, den Joachim Löw nach der Europameisterschaft räumen wird, ist allerdings etwas völlig anderes als eine Planstelle im Verein, auf der tagtäglich die Reibungsverluste zu beklagen sind. Insofern ist der Deutsche Fußball-Bund in einer doppelt komfortablen Lage. Zum einen, weil es berechtigte Hoffnungen gibt, dass Löws Amtsverzicht nur einen Impuls zum Besseren setzen kann, rückblickend auf das blamable Vorrunden-Aus bei der WM 2018 und das lethargisch erduldete 0:6 im November gegen Spanien. Zum anderen, weil der Kreis der Kandidaten nie zuvor so groß und attraktiv wie heute war.

Die Antwort auf die Trainerfrage lässt sich nicht per Dekret in den Sommer vertagen

Ein Luxusproblem, dessen Lösung jedoch noch für gewaltigen Stress sorgen dürfte. Denn Löws Ankündigung passt terminlich zwar relativ gut für ihn und für seinen Arbeitgeber, weniger jedoch fürs Binnenklima in der Bundesliga. So eine Bundestrainerfrage kommt ja kurz nach der Kanzlerkandidatenfrage - und die Antwort lässt sich nicht per Dekret in den Spätsommer vertagen, wie es der DFB gerne hätte. Zumal dann, wenn ein Trainer favorisiert werden würde, der schon x-tausend Spitzenspiele gecoacht hat - und der nicht in jedem Länderspiel, das ein bisschen schrägläuft, in der Trainerfibel nachschlagen muss.

Wäre dies der relevante Maßstab, blieben, da Jürgen Klopp in Liverpool, Thomas Tuchel in Chelsea beschäftigt sind, und Julian Nagelsmann zu jung ist, bekanntlich immer noch zwei Koryphäen aus der Liga: Hansi Flick und Ralf Rangnick. Letzterer hat den Zeitdruck bereits erhöht, indem er bereitwillig, aber mit Einschränkung erklärte: "Im Moment bin ich frei ..." Ersterer muss naturgemäß als Favorit gelten, da er Löw und dem DFB-Bundestrainerfahnder Oliver Bierhoff die WM 2014 zu gewinnen half. Wem aber könnte, falls Flick wirklich geht, dann der FC Bayern seine teure Belegschaft anvertrauen?

Die Bundestrainer-Personalie entwickelt sich somit zum Stressfaktor für die Liga, die sich gerade auf ein mögliches Duell Flick/Bayern gegen Nagelsmann/Leipzig und damit endlich mal wieder ein bisschen sportliche Spannung einzustimmen versucht. Zehn Runden stehen noch aus, fortan wird es im Titelkampf zur scheppernden Begleitmusik, dass sich da - bis auf Widerruf - ein Scheidender mit seinem potenziellen Nachfolger messen könnte.

© SZ/bkl
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