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Jo-Wilfried Tsonga bei den French Open:Mittelding aus Flokati und Irokese

Er trägt gern dubiose Frisuren, vollführt 360-Grad-Drehungen und zeigt auf dem Platz viele Gesichter: Mit seinem Spektakel bedient French-Open-Viertelfinalist Jo-Wilfried Tsonga die Sehnsüchte des Pariser Publikums. Am Dienstag trifft er auf den Weltranglistenersten Novak Djokovic.

Milan Pavlovic, Paris

Als der Platz in der Dunkelheit zu verschwinden droht, kehrt Jo-Wilfried Tsonga zurück. Ein Blitzlichtgewitter der Zuschauer illuminiert den extrovertierten Franzosen. Der führt anders als sonst keine Tänze vor, sondern hebt einfach die Hände zum Gruß in die Höhe. Es gibt noch nichts zu feiern, die nahende Dunkelheit hat den Franzosen auf dem Weg in sein erstes Viertelfinale bei den French Open gestoppt, 4:2 führt er im fünften Satz gegen den Schweizer Stanislas Wawrinka. Aber der Franzose hat wie so oft ein Spektakel geboten, die Zuschauer haben nach ihrem Held gerufen. Und der ist der Aufforderung gefolgt.

2012 French Open - Day Nine

Liebling bei den French Open: Jo-Wilfried Tsonga.

(Foto: Getty Images)

16 Stunden später, Paris hat sich über Nacht wieder in eine Herbstlandschaft mit kühlem Wind, dunklen Wolken und Nieselregen verwandelt, sind die Spieler zurück, und als müsste er seinem Image als unberechenbarer Entertainer gerecht werden, schenkt Tsonga sogleich den Vorteil her. Warum auch einfach, wenn es unterhaltsam geht? Wenige Minuten später schafft er den Sieg auf die harte Tour, nimmt Wawrinka den Aufschlag zum 6:4 im fünften Satz ab.

Tsonga umarmt den Gegner, kniet neben dem Netz, und erst dann führt er seinen Siegestanz vor - sein Markenzeichen seit 2008 -, der aus beschwingten 360-Grad-Drehungen besteht, bei denen er mit beiden Daumen von oben auf sich deutet. Als würde dort auf dem Trikot wie bei einem Fußballer sein Name stehen. Dabei weiß doch jeder Tennis-Zuschauer: So jubelt nur Tsonga.

Das Publikum liebt ihn dafür. Gerade am Bois de Boulogne, wo die Sehnsucht nach einem Heimsieger die Einheimischen beherrscht. Im Juni 2013 jährt sich der denkwürdige Turniersieg des Angriffsspielers Yannick Noah zum 30. Mal. 1983 dachten die Pariser, es würde einfach so weitergehen, und als sie 1988 ihren nächsten Finalisten hatten, waren sie so wählerisch, diesen auszupfeifen. Sie fanden den Magier Henri Leconte einfach zu kapriziös.

Mit dem Wissen der folgenden Jahrzehnte wären sie wahrscheinlich freundlicher mit ihm umgegangen. Denn seitdem feuern die Pariser Dutzende von weniger talentierten Franzosen an, Arnaud Di Pasquale oder Thierry Champion, Arnaud Boetsch oder Cédric Pioline. Oder zuletzt Richard Gasquet und Jo-Wilfried Tsonga sowie Gaël Monfils und Gilles Simon.

Sein Spiel schwankt stark

Dieses Quartett versprach den Franzosen nicht weniger als eine Tennis-Renaissance. Die blieb dann aber doch immer in den Ansätzen stecken. Monfils erreichte zwar einmal das Halbfinale in Paris, aber er ist oft verletzt und nimmt seinen Sport angeblich nicht ernst genug, um sich jenseits der Plätze wie ein Profi zu verhalten.

Gasquet klagte zuletzt, "mit 16 haben sie mich ein Genie genannt", was für ihn offenbar eine zu große Bürde war. Dreizehn Grand-Slam-Achtelfinals durfte der inzwischen 25-Jährige bestreiten, nach dem 6:1, 4:6, 1:6, 2:6 gegen den Schotten Andy Murray am Montagabend lautet die ernüchternde Bilanz 1:12.

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