PferdesportEin Märchen, das noch weitergeht

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„Er ist immer positiv motiviert. Auch wenn er von der Kulisse beeindruckt ist, macht er mit“: Jessica Neuhauser auf Rockson in Basel.
„Er ist immer positiv motiviert. Auch wenn er von der Kulisse beeindruckt ist, macht er mit“: Jessica Neuhauser auf Rockson in Basel.
Grant Hubbs/Steinsiek.ch/Imago

Wegen unterentwickelter Rückenmuskeln fing Jessica Neuhauser auf ärztlichen Rat hin als Zwölfjährige mit dem Reiten an – und landete nun mit 34 erstmals im Dressur-Weltcupfinale. Dass sie das Erfolgspferd Rockson überhaupt reiten durfte, war einem Unfall geschuldet.

Von Sabine Neumann

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Noch vor ein paar Monaten hätte Jessica Neuhauser es niemals für möglich gehalten, dass sie irgendwann einmal mit Rockson ihr Heimatland, die Schweiz, beim Weltcup-Finale vertreten würde. „Es ist ein Märchen“, sagt die 34-Jährige beim Gespräch in Basel. Die Wahlbayerin und ihr Team erleben dicht getaktete Tage, die gänzlich ungewohnt für sie sind: der obligatorische Vet-Check, also die tierärztliche Kontrolle, der Dopingtest, erst für Neuhauser, dann auch für Rockson, die Parade der Teilnehmer in der Arena, gemeinsame Fotoshootings mit den Aktiven aller Disziplinen, Autogrammstunden, Meetings, die Vorbereitungen und natürlich die Weltcup-Vorstellungen in der ausverkauften St. Jakobshalle. Nahezu jeder Ritt wird vom Publikum gefeiert, die Schweizer Paare noch ein bisschen lauter und mit Fahnen. „Die Stimmung hier ist fantastisch. Das ist für die Ewigkeit“, sagt Neuhausers Trainer und Lebenspartner Uwe Schwanz.

Wann genau das Weltcup-Märchen begann, lässt sich schwer sagen. Vielleicht, als Neuhauser mit zwölf Jahren wegen einer unterentwickelten Rückenmuskulatur auf ärztlichen Rat hin mit dem Reiten anfing und ihre Leidenschaft für Pferde entdeckte. Namhafte Schweizer Dressurausbilder wie Hans Staub, Sylvia Iklé und Anna-Mengia Aernie begleiteten das Talent zu Beginn. Ein Wendepunkt war der Umzug nach Bayern im Jahr 2009. Neuhausers Eltern hatten ihr ein Pferd bei Schwanz gekauft. Prompt wurde sie mit Ferrero Kiss 2013 und 2014 Schweizer U25-Meisterin.

Der entscheidende Wendepunkt im vergangenen Jahr war ein Unfall. Schwanz, ein renommierter Pferdewirtschaftsmeister, stürzte im August vom Pferd und zog sich einen Adduktorenriss zu. Es war kurz vor dem großen Turnier auf der von ihm gepachteten Reitanlage, dem Waldhauser Hof in Sauerlach. Sein Erfolgspferd Rockson war angemeldet, hatte nun aber keinen Reiter mehr. Den 2011 geborenen, braunen Wallach hatte Schwanz’ langjährige Sponsorin Hildegard Riedmaier 2016 nicht zufällig im Stall Helgstrand gekauft: Severo Jurado Lopez, damals Helgstrands Chefbereiter, war mit einem Pferd bei den Olympischen Spielen in Rio erfolgreich, das der bayerische Berufskollege ausgebildet und in den Sport gebracht hatte. Rockson wiederum hatte unter Lopez bei der Weltmeisterschaft der Jungen Dressurpferde den vierten Platz belegt.

„Ich bin aus allen Wolken gefallen und habe es erst gar nicht geglaubt. Rockson durfte bis dahin nie ein anderer reiten.“

Der damals Fünfjährige war eines von zwei Pferden, die Schwanz in Dänemark probierte. „Als ich das erste Mal auf Rockson saß, dachte ich nur: Was für ein Gefühl! Es war klar, der ist es“, erinnert sich der mehrmalige bayerische und deutsche Meister der Berufsreiter. Schwanz war eine Zeit lang im deutschen Bundeskader und hoffte, mit seinem Nachwuchsstar noch einmal international mitmischen zu können. Aber der große Durchbruch des Paares blieb aus, auch wenn national zahlreiche Siege und Platzierungen zusammenkamen. „Corona hat uns leider ausgebremst. Es fanden in dieser Zeit kaum internationale Turniere statt“, bedauert Schwanz.

Nach seinem Adduktorenriss fragte der 61-Jährige kurzerhand seine Lebensgefährtin, ob sie nicht die Grand-Prix-Tour mit Rockson reiten wolle. „Ich bin aus allen Wolken gefallen und habe es erst gar nicht geglaubt. Rockson durfte bis dahin nie ein anderer reiten“, erzählt Neuhauser. Die Pferdebesitzerin Riedmaier war einverstanden, und so saß Neuhauser plötzlich auf Rocksons Rücken. Die beiden harmonierten auf Anhieb so gut, dass sie ein paar Stunden später Zweite im Grand Prix wurden und Spezial und Kür gewannen. Nach weiteren nationalen Grand-Prix-Siegen wurde Neuhauser in den Schweizer Bundeskader berufen.

Dann griff ein Rädchen ins andere. Im November gewann das neue Team in Motesice/Slowakei die Weltcup-Qualifikation, danach war es erfolgreich in Salzburg. Im Januar beeindruckte das Duo bei der Weltcup-Qualifikation in Basel, worauf sich der Technische Delegierte des Weltreiterverbands (FEI), Gotthilf Riexinger, für eine Finalteilnahme einsetzte. Dass die Debütantin in einem starken Feld am Ende Platz 13 belegt, ist zweitrangig. „Wir freuen uns riesig und sind gespannt, wie die Reise weitergeht“, sagt Riedmaier, die Pferdebesitzerin.

Das wahr gewordene Märchen ist natürlich in erster Linie Rockson zu verdanken. „Er ist immer positiv motiviert. Auch wenn er von der Kulisse beeindruckt ist, macht er mit“, schwärmt Neuhauser. Für die Arbeit an Piaffe und Passage kommt Manolo Rodriguez Gonzalez, der auch Lisa Müller unterstützt. Als Kaderreiterin profitiert Neuhauser zusätzlich vom Schweizer Nationaltrainer Oliver Oelrich. Lange war er Nachwuchstrainer Dressur in Deutschland, jetzt baut er bei den Nachbarn neue Pferd-Reiter-Paare auf. „Ich werde vom Schweizer Verband sehr gut unterstützt“, sagt Neuhauser.

Und Schwanz hat keinen Augenblick bereut, dass er seinen Rockson abgegeben hat: „Jessica hat als Schweizerin viel bessere Chancen, im internationalen Sport Fuß zu fassen. Rockson hat diese Bühne verdient, er ist ein Championatspferd.“ Das Ziel in diesem Jahr sind die Dressur-Europameisterschaften Ende August im französischen Crozet.

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