DFB-Team Boateng muss runterkühlen

  • Jérôme Boateng verkörperte gegen Schweden mehr als jeder andere den totalen Fußball, den die deutsche Elf spielen musste.
  • Schließlich bezahlte er dafür nach der zweiten gelben Karte mit dem Platzverweis und schwächte seine Mannschaft.
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Von Philipp Selldorf, Sotschi

Jérôme Boateng hatte da möglicherweise etwas missverstanden, als ihm der Bundestrainer seine besondere Aufmerksamkeit widmete. Die zweite Halbzeit sollte gleich beginnen, es stand 0:1, und die Lage war nicht mehr bloß ernst, sie war hochgradig prekär, weshalb es Jogi Löw für angebracht hielt, im Gang auf dem Weg zum Spielfeld seinen Abwehrchef beiseite zu nehmen und auf diese entscheidenden 45 Minuten einzustimmen. Löw redete auf Boateng ein und klopfte ihm auf die breite Brust, Boateng nickte. Jawohl Chef, wird gemacht, wollte er damit ausdrücken. Aber richtig zugehört hatte er offenbar nicht.

Das Gespräch zwischen Trainer und Verteidiger hat sich im Laufe der zweiten Halbzeit fortgesetzt. Immer wieder waren die beiden im Austausch, doch sie waren sich nicht einig. Boateng war vor lauter Verantwortungsgefühl auf rührende Weise außer Kontrolle geraten, für Löws taktische Regieanweisungen und für die Appelle zur Zurückhaltung war er nicht mehr empfänglich. Wenn sich manchmal der Eindruck einstellt, dass Toni Kroos ein bisschen mehr Helfersyndrom ganz gut täte, dann empfiehlt sich für Boateng hin und wieder das Gegenteil: In schwierigen Phasen möchte er sein Team mit aller Macht an allen Fronten unterstützen, und dabei kann dann eine seltsame Mischung aus Leidenschaft und Kopflosigkeit herauskommen wie am Samstagabend in Sotschi.

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Boateng dribbelt und rumpelt in die Gegenspieler hinein

Dass Boateng sein angestammtes und einigermaßen eingegrenztes Innenverteidiger-Terrain häufig verließ, um das Spiel gegen den geballt hinten drin stehenden Gegner voranzutreiben, das war sinnvoll und erwünscht. Dass er dabei aber Sololäufe mit dem Ball startete, die ihn weit hinaus auf den rechten Flügel trugen und manchmal erst an der Grundlinie der gegnerischen Hälfte endeten, das war sicher nicht im Sinn einer ausgewogenen Grundordnung. Seine Verzweiflungsvorstöße richteten in der knapp bemessenen Zeit, die den Deutschen noch blieb, Verwirrung und Unruhe an. Der Risikofaktor seiner brachialen Alleingänge nahm ständig zu. Immer wieder dribbelte und rumpelte Boateng in zwei, drei Gegenspieler hinein, Joshua Kimmich musste dem hyperaktiven Kollegen mitunter aus dem Weg gehen, damit er nicht ebenfalls umgerannt wurde.

Auch seine im Zwei-Minuten-Takt versendeten Diagonalbälle berührten zwei Extreme: Während der eine Ball genau die Flügelverlagerung brachte, die gebraucht wurde, flog der nächste nutzlos ins Niemandsland. Andererseits sendete der rasende Profi des FC Bayern genau die aufrüttelnde Botschaft, die sein Team brauchte, nämlich die der maximalen Entschlossenheit. Der Verteidiger Boateng verkörperte mehr als jeder andere den totalen Fußball, den die deutsche Elf spielen musste, schließlich bezahlte er dafür nach der zweiten gelben Karte mit dem Platzverweis. Ein Einspruch erübrigte sich.

Darüber hinaus durfte er froh sein, dass der Schiedsrichter nicht schon viel früher auf die Idee gekommen war, ihn vom Feld zu stellen. Boatengs Helfermentalität und seine Risikobereitschaft vereinten sich in dieser Szene nach 15 Minuten, als nach Antonio Rüdigers Ballverlust der Schwede Marcus Berg auf Manuel Neuer zusteuerte. Boateng wendete alle Mittel an, die ihm noch blieben, um Berg zu stören, er legte Hand an beim Angreifer und hebelte sich hinein in den Schritt des Angreifers - der Unparteiische hielt das Eingreifen erstaunlicherweise für rechtmäßig, die Video-Assistenten folgten seiner Sichtweise und griffen nicht ein.

Rüdiger dankt seinem Nebenmann

Mit Recht kleinlaut platzierte Rüdiger später seinen Dank an den Nebenmann: "Scheiße gelaufen in dem Moment, dafür sind Kollegen da. Danke, Jérôme."

Das gerade noch vermiedene Unheil hatte allerdings einschüchternde Wirkung auf die deutsche Mannschaft; es sah aus, als sei dieser plötzliche Anfall von Kontrollverlust für alle ein unheimliches Wiedersehen gewesen. Die spielerische Linie ging verloren und blieb, da sich mit Sebastian Rudys langwieriger Verletzungspause und dem 0:1 weitere traumatische Momente einstellten, verschollen bis zur Halbzeitpause.

Niemand weiß, was passiert wäre, wenn Boateng schon nach einer Viertelstunde nicht mehr hätte mitspielen dürfen. Sein Fehlen im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea wird dem Bundestrainer keine großen Sorgen bereiten. Mats Hummels, Teamkollege vom FC Bayern, ist wieder einsatzfähig, Boateng kann in aller Ruhe ein wenig runterkühlen.

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