Jens Voigt über aufgehetzte Fans "Das war eine Hexenjagd"

Nach der ARD-Berichterstattung über die Verfolgungsarbeit von Jens Voigt auf der ersten Alpenetappe der Tour de France, bei der er half, den deutschen Fahrer Jan Ullrich einzuholen, wurde er in Alpe d'Huez von deutschen Zuschauern beschimpft. Als er sich im ZDF über den Vorgang beschwerte, blendete der Sender weg.

Frage: Herr Voigt, die Fahrt nach Alpe d'Huez war wohl kein Vergnügen für Sie?

Jens Voigt musste üble Beschimpfungen über sich ergehen lassen.

(Foto: Foto: dpa)

Voigt: Nein, das war eine richtige Hexenjagd. Es hat gerade noch gefehlt, dass sie mich vom Rad schlagen. Da laufen Menschen 30 Meter neben mir und sagen mir, was für ein Arschloch ich bin! Dabei machen wir hier ja keine Staatspolitik, keine Religion, keinen Krieg. Das ist nur Sport!

Frage: Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für die Anfeindungen?

Voigt: Es ist doch völlig klar, dass meine volle Loyalität meinem Rennstall CSC gehört. Und: Der Ulli (Jan Ullrich; Anm.d.Red.) fährt eben nicht in meiner Mannschaft! Es ist also klar, dass ich für meinen Kapitän, für Ivan Basso fahre. Ich wäre auch lieber einem anderen als Ullrich hinterhergefahren. Aber Jan ist soweit Profi, dass er weiß, ich musste das tun. Wenn ich das nicht getan hätte, würde ich heute mit einer Kündigung im Flieger sitzen.

Frage: Das ZDF hat Ihre Kritik an der ARD-Berichterstattung ausgeblendet.

Voigt: Meine Frau hat es mir erzählt. Die Sender sind ja beide öffentlich-rechtlich, und ich denke, die ARD hat interveniert - nach dem Motto: "Das könnt ihr nicht bringen."

Frage: Der ZDF-Reporter hat die Kollegen von der ARD in Schutz genommen.

Voigt: Tja, ich hatte doch nur gesagt: Das war unqualifizierte Berichterstattung. Aber die waren so naiv, nachzufragen. Also musste ich deutlicher werden. Der ARD-Koordinator Hagen Boßdorf hat doch diese Hexenjagd gestartet. Man glaubt nicht, wie schlecht man sich fühlt, wenn einen alle als Arschloch, Schwein, Judas und Verräter bezeichnen.

Frage: Sie kennen Boßdorf persönlich?

Voigt: Ja klar, wir haben schon das eine oder andere Mal zusammengearbeitet, Interviews gemacht. Aber diesmal war er wohl von dem Telekom-Sponsoring der ARD beeinflusst.

Frage: Der ARD-Sportchef Boßdorf ist auch der Biograph von Jan Ullrich. Ist er damit nicht sogar parteiisch?

Voigt: Nun, er hat sich wohl von seinen Emotionen ein bisschen hinreißen lassen. Der Ulli hatte doch sogar eine Einladung zu meiner Hochzeit im letzten Oktober, er ist doch nicht mein Feind. Aber so wurde es von Boßdorf fast dargestellt. Von wegen Judas! Das kann ich immer noch gar nicht glauben.

Ihr glaubt gar nicht, wie mich das trifft. Und dann hatte ich auch noch einen Reifenschaden, damit der Tag richtig schön wird. Ich hätte heute absteigen können und heulen, so hat mich das mitgenommen. So etwas ist mir noch nie passiert. Da explodierst du einfach. Deshalb musste das jetzt mal raus.

Aufgezeichnet von Andreas Burkert