bedeckt München 28°

Jens Lehmann:Selbst vom Platz gestellt

17.12.2019, xjhx, Fussball 1.Bundesliga, Borussia Dortmund - RB Leipzig emspor, v.l. Jens Lehmann (DFL/DFB REGULATIONS P

Zeit zu gehen: Jens Lehmann ist nicht mehr länger Mitglied des Aufsichtsrats von Hertha BSC.

(Foto: Jan Huebner/Imago)

Der ehemalige Nationaltorwart Jens Lehmann war schon immer eine widersprüchliche Erscheinung. Nun dürfte der letzte Anlass dafür da sein, dass er aus dem Fußball verschwinden muss - womöglich für immer.

Kommentar von Philipp Selldorf

Als Jens Lehmann im August 2006 im sogenannten Schuhkrieg Stellung bezog, verwahrte er sich und seine Mitspieler (sich selbst natürlich zuallererst!) gegen den Verdacht, durch die Forderung nach freier Fußballschuh-Wahl monetäre Interessen zu verfolgen. Damals war es nämlich so, dass die Nationalspieler noch mit den Schuhen des Generalausrüsters Adidas zu spielen hatten, wogegen Lehmann, der die Modelle einer Konkurrenzmarke zu tragen pflegte, energisch aufbegehrte. Für einen Profi sei es überaus ungesund, die gewohnte Schuhmarke zu wechseln, begründete er seinen Einspruch, man solle also bloß "nicht den Fehler machen, den Spielern etwas Materielles vorzuwerfen".

Dieses Argument hätte man ihm womöglich sogar wohlwollend abgenommen, wenn er es im nächsten Satz nicht ausdrücklich selbst zunichtegemacht hätte, indem er wehklagte, die ohnehin mit Adidas verbundenen Nationalteam-Kollegen hätten "all die Jahre höher dotierte Adidas-Verträge bekommen, weil sie weltweit vermarktbar sind". Die Pointe dieser typischen Lehmann-Geschichte war dann die, dass die Firma Nike bestätigte, Lehmann werde beim nächsten Länderspieleinsatz in Nike-Schuhen eine Sonderprämie erhalten.

Schon in weit jüngeren Profi-Jahren war Jens Lehmann eine anerkannt widersprüchliche Erscheinung: einerseits couragiert und charismatisch, andererseits ein notorischer Egozentriker mit der Tendenz zu sonderbaren Ansichten. Bereits damals ging es nicht immer nur um Fußball und sein Torwartspiel, das er in seinen Memoiren als quasi unerreichbar klassifizierte - und zwar weltweit bis in alle Ewigkeit: Ernsthaft vertrat er in dem Buch die Überzeugung, "dass ich einer der komplettesten und konstantesten Torhüter sein werde, die es je gegeben haben wird". Wer jetzt mit Manuel Neuer dagegenhält, muss wissen: Lehmann war einst Neuers Idol.

Zu seiner stattlichen Hybris gesellt sich eine unverträgliche Mischung aus Ignoranz und Arroganz

Wie all die anderen, die die Hoffnung wider besseres Wissen noch nicht aufgegeben hatten, dürfte jetzt auch Manuel Neuer in finaler Form enttäuscht sein vom Werdegang seines Vorgängers im Nationaltor. Zur stattlichen Hybris, die Lehmann immer schon auszeichnete, gesellt sich eine sehr unbehagliche und unverträgliche Mischung aus Ignoranz und Arroganz. In der Affäre um seine Äußerung über den Profi- und TV-Kollegen Dennis Aogo kommen diese missratenen Züge deutlich zum Ausdruck. Sowohl durch den Ausspruch "Quotenschwarzer" als auch in den verwirrenden Bemühungen um Rechtfertigung, die ihn noch schlechter aussehen lassen. Und nein, Lehmann ist kein Opfer einer hysterischen politischen Korrektheit - er hat sich selbst vom Platz gestellt.

Beim FC Arsenal trug der Torwart einst den Spitznamen "Mad Jens", verrückter Jens. Aber selbst ein ärztliches Attest, das ihm chronischen Eigensinn bescheinigt, wird nicht mehr verhindern, dass er von der Bildfläche des Fußball-Lebens verschwinden muss, womöglich für immer. Die Sache mit Aogo ist vermutlich nicht, wie es jetzt in manch erregtem Kommentar heißt, die Entlarvung eines Rassisten. Aber sie ist schlimm genug als Schlussakt einer Serie von zwiespältigen Vorfällen und Verfehlungen, zu der unbedingt auch die abwegigen Kommentare über Thomas Hitzlsperger nach dessen Bekenntnis zur Homosexualität gehören.

Lehmann ließ einst erwarten, dass der aktiven Karriere eine Laufbahn im Fußballgeschäft folgen würde. Nicht trotz, sondern wegen seiner Exzentrik weckte er Neugier, hartnäckig wurde ihm überdurchschnittliche Intelligenz nachgesagt. Dieser Irrtum dürfte nun ein für alle Mal ausgeräumt sein.

© SZ/sjo/cca/ska
Zur SZ-Startseite

Jens Lehmann
:Rausgeschrieben

Eine irrtümlich versendete Textnachricht, in der er den TV-Experten Dennis Aogo als "Quotenschwarzen" bezeichnet, kostet Jens Lehmann den Aufsichtsratsposten bei Hertha BSC. Die Personalie ist ein Rückschlag für Investor Lars Windhorst.

Von Javier Cáceres

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB