Die Art, wie Jelena Rybakina ihren Grand-Slam-Sieg in Melbourne feierte, passte zu ihr. Es sah nämlich aus, als feiere sie ihn gar nicht. Die 26-Jährige, die in den vergangenen zwei Wochen so atemberaubend Tennis gespielt und mit ihren wuchtigen Schlägen im Finale am Samstag die Weltranglistenerste Aryna Sabalenka mit 6:4, 4:6, 6:4 besiegt hatte, ist ein stilles, scheues Wesen. In manchen Momenten strahlt sie etwas Feenhaftes aus. Nach dem Matchball? Lächelte sie, aber gerade so zart, dass es noch als Lächeln zu identifizieren war.
Ein Sprung in den Yarra River, neben der wuseligen Anlage des Melbourne Park vorbeifließend, ist von ihr nicht übermittelt. Auch trank sie keine Schnäpse, wie Angelique Kerber vor zehn Jahren nach ihrem Triumph. Die Deutsche war auch in der Rod Laver Arena anwesend und verfolgte das hochklassige, hin und her wogende Endspiel. Das Gewagteste, das Rybakina für ihre Verhältnisse bot, war, am Sonntag im knallroten Kleid zu erscheinen, um den Daphne Akhurst Memorial Cup den Fotografen zu präsentieren, während sie am Ufer des Flusses posierte.
„Ich bin sehr stolz auf die Arbeit, die wir mit dem Team geleistet haben, und dass ich hier beim Grand Slam meine Bestform gefunden habe“, das hatte sie am Samstag auf der Pressekonferenz gesagt. Es war einer dieser typischen unscheinbaren Sätze von Rybakina, der aber unbewusst von ihr den Fokus auf eine sehr spezielle Person lenkte. Denn ihr Team ist vor allem ihr Trainer Stefano Vukov. Und all das, was um den Kroaten in den vergangenen Jahren passiert ist, warf zumindest einen merkwürdigen Schatten auf Rybakinas Erfolg.
Es ist erstaunlich, aber ausgerechnet Rybakina, die nach allem, was man weiß, außerhalb des Platzes keiner Fliege etwas zuleide tun kann, geriet schon zweimal in ihrer Karriere in den Sturm der Weltöffentlichkeit. 2018 war sie als 19-Jährige vom russischen zum kasachischen Verband gewechselt, stets hatte sie betont, dass ihre Entscheidung nicht politisch motiviert war. Sie sah schlicht bessere finanzielle und sportliche Perspektiven in Kasachstan. 2019 trennte sich Rybakina von ihrem Trainer, dem früheren russischen Spitzenspieler Andrej Tschesnokow, und verpflichtete Vukov, der sich nach erfolglosen Jahren als Profi inzwischen einen guten Ruf als Tennisanalyst aufgebaut hatte. Nur drei Jahre später führte Vukov Rybakina zum größten Titel, den es im Tennis gibt: Sie siegte im All England Club in Wimbledon. Und doch ereignete sich damals eine bizarre Szene.
Vergangenes Jahr durfte Rybakinas Trainer Vukov die Anlage bei den Australian Open nicht mal betreten
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine lief ja bereits – und als Rybakina zu ihrem Nationenwechsel zigmal befragt wurde, brach sie auf ihrer letzten Pressekonferenz nach dem Finalsieg gegen die Tunesierin Ons Jabeur in Tränen aus. Wie ein Häufchen Elend sah sie aus. Sie wusste nicht mit der Situation umzugehen, während alle Blicke auf sie gerichtet waren.
Rybakina etablierte sich in der Folge als Spitzenspielerin, erreichte 2023 das erste Mal das Finale der Australian Open, und zu der Zeit tauchten erstmals Meldungen auf, es gebe Spannungen zwischen ihr und Vukov. Er behandle sie nicht gut, hieß es. Rybakina verteidigte ihn öffentlich und beschwichtigte. So richtig konnte sich die aufgeschreckte Tennis-Öffentlichkeit kein Bild vom Verhältnis der beiden machen, aber die Lage spitzte sich zu. Bei den French Open in Paris 2024 knirschte es sichtlich zwischen den beiden, vor den US Open trennten sie sich. Prompt gewann Rybakina nicht mehr viele Matches. Als sie Vukov zu Beginn des Jahres ins Team zurückholte, war die öffentliche Irritation groß.
Denn inzwischen war auch bekannt geworden, dass die WTA, die Organisation der Frauentour, eine Untersuchung gegen Vukov eingeleitet hatte, „wegen möglichen Verstoßes gegen den Verhaltenskodex“, wie es offiziell hieß. Vukov wurde vorläufig suspendiert, bei den Australian Open im vergangenen Jahr durfte er die Anlage nicht mal betreten. Das Medium The Athletic enthüllte später, die WTA hätte Vukov vorgeworfen, Rybakina wiederholt mit Ausdrücken erniedrigt und sie mental missbraucht zu haben. „Er hat mich niemals schlecht behandelt, das ist alles, was ich sagen kann“, sagte indes Rybakina noch im Januar 2025 beim United Cup in Sydney und betonte: „Ich bin ihm dankbar für alles, was wir erreicht haben. Seit den Anfangstagen, als ich noch die Nummer 200 war.“

Im Februar 2025 verkündete die WTA, Vukovs Suspendierung bleibe nach Abschluss der Untersuchung in Kraft, von einer einjährigen Sperre war die Rede in der Branche. Vukov, das ist bestätigt, ging dagegen vor, im vergangenen August wurde die Sperre aufgehoben. Rybakinas Erfolg kehrte umgehend zurück. Sie gewann das Turnier in Ningbo, China, die WTA-Finals in Riad durch einen Finalsieg gegen Sabalenka; bei der Siegerehrung mied sie auffallend ein gemeinsames Foto mit Portia Archer, CEO der WTA. Die letzte Pointe in diesem Fall: Vukov wurde nach Rybakinas Finalsieg in Melbourne bei der Siegerehrung auch als Coach ausgezeichnet, eine Neuerung der Australian Open. Der 38-Jährige wirkte nicht sehr berührt.
In der Pressekonferenz wurde Rybakina gefragt, wie es für sie gewesen sei, Vukov bei dessen Ehrung zu sehen, nachdem er 2025 in Melbourne nicht auf der Anlage war. Es war eine Frage, in der der ganze sensible Fall mitschwang. „Ich habe mir nichts Besonderes dabei gedacht, denn wir haben ja viele Titel zusammen gewonnen“, sagte Rybakina ausweichend und wurde schnell allgemein: „Ich hoffe einfach, dass ich dieses Momentum die ganze Saison über beibehalten und mich weiter verbessern kann.“


