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Javi Martínez:Der Rekordmeister

Was für eine herrlich kitschige Geschichte: Mit seinem Siegtor im Supercup in Budapest setzt Javi Martínez die Pointe unter seine große Zeit in München.

Von Christof Kneer

Man muss da Verständnis haben: Auch Regisseure haben in Corona-Zeiten ja weniger zu tun als sonst. Es ist also total okay, dass sie sich auf jeden Stoff stürzen, der irgendwo herumliegt, und es sei ihnen auch verziehen, wenn sie vor lauter Lust am Inszenieren ein bisschen übertreiben. Wenn man gerade eh weniger Filme machen kann: Warum dann nicht alles Material in einen einzigen Film packen, Material, das man sonst auf sieben Filme verteilen würde?

Immerhin - großes Lob! - hat der Regisseur des Supercup-Finales in Budapest der größten Versuchung am Ende noch widerstehen können. Er hat darauf verzichtet, Javi Martínez schon während des Kopfballs heulen zu lassen.

Am sehr späten Donnerstagabend, der fast schon ein sehr früher Freitagmorgen war, hat Martínez das 2:1-Siegtor für den FC Bayern gegen den FC Sevilla erzielt, es war ein außergewöhnlich gewöhnlicher Treffer. Außergewöhnlich, weil man das ja erst mal schaffen muss: fast aus Elfmeterdistanz einen Bogenkopfball loszuschicken, der zu gleichen Teilen scharf und gefühlvoll ist. Aber natürlich war's auch irgendwie gewöhnlich, für Martínez zumindest, den Kopfball-Sachverständigen, der laut Mitspieler Thomas Müller "noch in 30 Jahren dieses Kopfballspiel haben wird". Martínez wäre dann 62.

Nach dem Kopfball fingen die Kameras der Regie dann ein paar Tränen ein. In diesem Moment dürfte Martínez den Plot endgültig kapiert haben, einen Plot, der selbst dem bekennendsten Kitschliebhaber ein bisschen zu süßlich erscheinen dürfte.

Dass der nicht sehr torgefährliche Martínez seine acht Jahre in München mit einem Tor abrundet, und das in einer Zeit, in der er nur noch selten spielt und die Bayern seinen Verkaufspreis gnadenhalber immer weiter senken: Na gut, wenn's sein muss. Aber dass dieses Tor schon wieder einen Sieg im Supercup bedeutete wie damals, im August 2013 gegen den FC Chelsea: Das würde man Regie-Lehrlingen normalerweise aus dem Drehbuch streichen.

Sport Bilder des Tages die Bayern jubeln bei der Siegerehrung, Javi (Javier) MARTINEZ (Bayern Muenchen) mit den Pokal,Cu; x

Achtmal deutscher Meister, fünfmal DFB-Pokalsieger, je zweimal Champions-League- und Supercup-Sieger: Javi Martínez mit seiner neuesten Trophäe.

(Foto: Frank Hoermann/imago)

Qué cursi, was für ein Kitsch!

Martínez, 32, steht vor seinem Abschied in München, tatsächlich wirkte er zuletzt ja ein wenig aus der Zeit gefallen. Wenn er spielte, gab er einen halbwegs ordentlichen Martínez-Imitator, nur halt lange nicht so fit wie der echte. Etwas bucklig sah sein Spiel aus, manchmal meinte man selbst in vollen Stadien seine Knochen klappern zu hören. In acht intensiven Jahren hat er dem FC Bayern seinen Körper gegeben, und inzwischen hat sich die Elf in rasendem Tempo an ihm vorbeientwickelt. Überall sausen Gnabrys und Comans und neuerdings Sanés herum, und so war natürlich auch das eine letzte Pointe der Regie: dass der alte Martínez all die jungen Menschen jetzt noch mal retten durfte.

"Javi hat nicht nur in der Defensive seine Qualitäten, auch in der Offensive mit seinem Kopfballspiel", sagte Trainer Hansi Flick später, "das war auch ausschlaggebend, warum er eingewechselt wurde. Wir wollten mit ihm eine kopfballstarke Komponente haben." Martínez kam nach 99 Minuten ins Spiel (Respekt, Regie, auch das eine schöne Zahl) und traf fünf Minuten später, in einer Phase, als sich die Bayern in Schönheit müde gespielt hatten. Zuvor hatten sie ja zumindest Teile dieses Supercup-Spiels als offizielle Beglaubigung ihres Champions-League-Titels verwendet - etwa bei Leon Goretzkas 1:1 (34.), als Thomas Müller den Ball zuvor mit einer kunstvollen Bewegung auf Robert Lewandowski weiterleitete, die leider dem Klischee widersprach, wonach dieser Müller keine schulmäßige Technik besitze. Später brachten die Bayern noch eines der schönsten Abseitstore der Fußballgeschichte zur Aufführung, Müller und Lewandowski übertrafen sich im rührenden Bemühen, den anderen das Tor schießen zu lassen.

Für alle, die sich nicht mehr erinnern: Nein, es ist nicht so, dass der FC Bayern immer deutscher Meister wird. Er war es zum Beispiel 2011 und 2012 nicht: Die Dortmunder, abgerichtet vom jungen Trainer Jürgen Klopp, überrannten den FC Bayern damals nach Herzenslust. Ende August 2012 kam dann Martínez nach München, die Bilanz seitdem: Meister 2013, 2014, 2015, 2016, 2017, 2018, 2019, 2020.

Martínez ist der Rekordmeister unter all den Rekordmeistern, er hat in 100 Prozent seiner Spielzeiten den Titel geholt. Er ist nicht Ribéry und nicht Robben, er ist auch nicht Lahm oder Schweinsteiger, aber er steht im wahrsten Sinne des Wortes im Zentrum jenes großen FC-Bayern-Zyklus, der kurz vor seiner Ankunft in München begann, mit dem verlorenen Champions-League-Finale 2010.

Bisherige Uefa-Supercup-Endspiele mit deutscher Beteiligung

1975 FC Bayern - Dynamo Kiew * 0:1 / 0:2

1976 FC Bayern - RSC Anderlecht 2:1 / 1:4

1977 Hamburger SV - FC Liverpool 1:1 / 0:6

1983 Hamburger SV - FC Aberdeen 0:0 / 0:2

1992 Werder Bremen - FC Barcelona 1:1 / 1:2

1997 FC Barcelona - Borussia Dortmund 2:0 / 1:1

2001 FC Bayern - FC Liverpool 2:3

2013 FC Bayern - FC Chelsea i.E. 5:4 (1:1)

Aber mal aus heutiger Sicht gefragt: Wäre überhaupt ein Zyklus draus geworden, ohne Martínez? Auf das Finale 2010 folgte erst mal die doppelte Demütigung durch den BVB inklusive des verlorenen Finale dahoam 2012, woraufhin Bayern-Trainer Jupp Heynckes bei der Vereinsführung einen Rekordtransfer anwies: Für 40 Millionen Euro wurde ein gewisser Martínez aus Bilbao gekauft, eine damals spektakuläre Summe für einen unspektakulären Spieler.

Heynckes ahnte: Zur Vervollständigung dieser Elf brauchte es keinen Artisten, der vor dem Pass noch einen Rückwärtspurzelbaum macht, und auch keinen Torwart, der mehr hält, als die Fußballregeln erlauben (weil der war schon da: Manuel Neuer). Es brauchte eine anerkannte Respektsperson im hinteren Mittelfeld, die die feindlichen Angriffswellen bricht und gleichzeitig die eigenen Abwehrspieler beschützt. Im Grunde hat sich die Rekordausgabe für die Bayern schon im ersten Jahr amortisiert: als Martínez im Mai 2013 im siegreichen Champions-League-Finale gegen Dortmund nur deshalb nicht die Bestnote bekam, weil die laut Branchenlogik dem Siegtorschützen Arjen Robben zustand.

Martínez ist einer für den Klubalmanach, ein bayerischer Epochenspieler, der auf seine Art auch wichtig blieb, als die ersten Knochen schlotterten. Vor anderthalb Jahren war er schon kein Stammspieler mehr, aber Ex-Trainer Niko Kovac hat ihn beim Champions-League-Spiel in Liverpool noch mal in die Startelf gestellt, die Bayern haben dann an der berüchtigten Anfield Road tatsächlich kein Gegentor kassiert. Martínez war dabei, noch mal ein neues Jobprofil zu übernehmen: das eines Reservisten, der nicht viel Spielpraxis braucht und immer dann gerufen wird, wenn die wirklich großen Spiele kommen.

Ob der emotionale Abend von Budapest noch mal was an Martínez' Zukunft ändert? Noch ist ein Abschied nicht verkündet, aber in München gehen sie weiter davon aus, dass der Baske den Klub in der nächsten Woche verlassen wird, heim soll es gehen nach Bilbao. Es könnte also sein, dass die Bayern nach acht Jahren mal wieder alleine Meister werden müssen.

© SZ vom 27.09.2020
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