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Japan und seine Sporthelden:Liebe unter Bedingungen

Naomi Osaka; osaka

Zu Hause, in der Fremde: Naomi Osaka beim WTA-Turnier in Tokio. Aufgewachsen ist sie in den USA, Japanisch spricht sie nur bruchstückhaft.

(Foto: Eugene Hoshiko/AP)

US-Open-Siegerin Naomi Osaka ist die neue nationale Tennis-Heldin in Japan. Doch diese Zuneigung kann ihr auch schnell wieder entzogen werden, wie die Sportgeschichte zeigt.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Naomi Osaka verdreht den Japanern den Kopf. Mit ihrem Sieg bei den US Open vor zwei Wochen gegen Serena Williams, dem ersten Grand-Slam-Sieg einer Japanerin, hat die 20-Jährige die Menschen in Nippon in Tennis-Fans verwandelt. Premierminister Shinzo Abe dankte ihr per Twitter, sie habe Japan "in diesen schweren Zeiten einen Schub der Inspiration geschenkt". Als sie vorige Woche in Tokio eintraf, um an den Pan-Pacific-Open teilzunehmen, einem WTA-Turnier, begleitete das Fernsehen sie ganztägig live. In ihrem wackeligen Kinder-Japanisch grüßte sie die Fans und bedankte sich immer wieder artig, wobei sie Verbeugungen andeutete. Sie fühle sich müde vom Jetlag, sagte sie, lächelte matt und verkündete später strahlend, nun sei sie nicht mehr müde. Wollte sie Komplizierteres sagen, hielt sie nach ihrem Übersetzer Ausschau und verfiel ins Englische.

Japans Fernsehmacher können nicht genug von ihr kriegen. Sie feiern Naomi als neue Prinzessin, und die gewinnt auch weiter. Nach ihrem Sieg gegen die Tschechin Barbora Strycova steht sie in Tokio nun im Halbfinale. Sie solle das Gesicht der Olympischen Spiele von Tokio 2020 werden, hieß es - ausgerechnet Naomi Osaka, die nicht nur kaum Japanisch spricht, sondern als Tochter einer Japanerin und eines Vaters aus Haiti auch nicht japanisch aussieht. Dies wäre aber wichtig in Nippon, das sich noch immer an die Fiktion klammert, es sei eine ethnisch homogene Nation. Wer einen nichtjapanischen Elternteil hat, wird hier "Hafu" genannt, von "half" - ein halber Mensch.

"In diesen schweren Zeiten hat Naomi Osaka Japan einen Schub der Inspiration geschenkt"

Die New York Times jubelte, die junge Tennisspielerin werde die Japaner dahin führen, das Konzept ihrer nationalen Identität zu überdenken und ihre Gesellschaft zu öffnen. Ähnlich klang es schon, als Yu Darvish, dessen Vater aus dem Iran stammt, zum Baseball-Star wurde. Oder auch, als der Sprinter Asuka Cambridge, der einen Vater aus Jamaika hat, Erfolg hatte. Auch Japans erfolgreichste Missen sind Hafu. Der Vater der Miss World 2016, Priyanka Yoshikawa, kommt aus Bangladesh, Ariana Miyamoto, eine Miss Universum-Finalistin, ist die Tochter eines schwarzen US-Soldaten. Beide wurden in den sozialen Medien rassistisch beschimpft, als nicht reine Japanerinnen hätten sie kein Recht, Nippon zu vertreten. Miyamoto erzählte von Mitschülern, die nicht im gleichen Schwimmbecken baden wollten wie sie. Ihre Bekanntheit, verkündete sie, wolle sie nun nutzen, um die Haltung der Japaner zu beeinflussen. Verändert hat sie aber kaum etwas.

Naomi Osaka ist in Japan geboren. Als sie drei Jahre alt war, zogen ihre Eltern mit den beiden Töchtern in die USA, um sich solchen Diskriminierungen zu entziehen. Naomis Großvater hatte Tamaki Osaka, ihre Mutter, verstoßen, als er von deren Beziehung zu Naomis schwarzem Vater erfuhr. Inzwischen sei er stolz, nach Naomis Sieg gegen Serena Williams habe er vor Glück geweint, hieß es in Japans Medien.

Naomis Vater Leonard François hat seine Töchter in Florida nach dem Vorbild der Williams-Schwestern jahrelang gezielt auf eine Tenniskarriere vorbereitet. Als Naomi zehn Jahre alt wurde, entschied er, sie spiele für Japan. Mit 15 wurde sie Profi. Sie hat einen japanischen und einen amerikanischen Pass. Nach Japans Gesetzen durfte sie als Jugendliche zwei Staatsbürgerschaften haben, als Erwachsene nun eigentlich nicht mehr. Japans Regierung setzt das Verbot freilich nicht durch, sie bestraft Doppelbürger nicht, sondern ermahnt sie nur dazu, einen der beiden Pässe aufzugeben. Tun sie das nicht, dann schaut der Staat einfach weg. Doch ist das auch im Falle eines Stars möglich, über den jedes Detail an die Öffentlichkeit gezerrt wird? Und was passiert, wenn dieser Star in Ungnade fallen sollte?

Japan kann unerbittlich sein mit seinen Sportlern. Der Tennisspieler Kei Nishikori, zeitweise die Nummer vier der Weltrangliste, hat dem Boom um Osaka mit seinen Erfolgen den Weg geebnet. Zeitweise standen viele Japaner, auch solche, die sich sonst kaum für Tennis interessieren, mitten in der Nacht auf, um Nishikori in Europa oder in den USA live spielen zu sehen. Heute schlägt ihm eher Verachtung entgegen. Er gewinne ja nie, klagt eine Nachbarin. Und für einen Tennis-Champion sei er zu klein. Manche Athleten zerbrechen an diesem Druck, der auf Hafu noch schwerer lastet. Scheitern sie, dann heißt es, sie seien keine richtigen Japaner. Das musste das Eistanzpaar Chris und Harry Reed erleben. Und auch Japans Rugby-Nationalmannschaft, von der es nach ihrer Pleite bei der WM 2011 hieß: "Zu viele Ausländer." Dabei hatten alle Spieler japanische Pässe.

Naomi Osaka macht den Medienzirkus der Erwachsenen geduldig lächelnd mit. Sie zeigt Charme, obwohl sie doch auch desinteressiert wirkt. Sie wird Japans Darling bleiben, solange sie sich nach den strengen japanischen Maßstäben korrekt verhält. Sie sollte sich also nicht mit dem Schiedsrichter anlegen wie Serena Williams in New York. Sie bleibt der Liebling, solange sie sich benimmt. Und natürlich, solange sie für Japan gewinnt.

© SZ vom 22.09.2018
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