Judo bei Olympia:Japans verlässlichster Hingucker

Judo - Olympics: Day 1

Erleichterung bei Naohisa Takato: Der Judoka holt bei den Olympischen Spielen die erste Goldmedaille für Japan.

(Foto: Harry How/Getty Images)

Naohisa Takato beschert Japan die erste Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Damit wächst die Hoffnung der Regierung, die Erfolgserlebnisse fast dringender braucht als die Sportler.

Von Thomas Hahn, Tokio

Bevor der Goldgewinner Naohisa Takato die Tatami verließ, kniete er sich noch mal nieder zu einer kurzen Andacht. Für einen japanischen Judoka ist das Nippon Budokan in Tokio ein besonderer Ort, und dort das erste Gold seiner Mannschaft bei Olympia gewonnen zu haben, eine besondere Ehre. Später erzählte Takato, dass er auch die Zuschauer nicht vermisst habe, die zum Coronavirus-Schutz wegbleiben mussten, im Gegenteil, er habe sogar die Ruhe in der Arena genossen. "In der Mitte des Budokans konnten wir unseren Atem hören, das war eine großartige Erfahrung." Und nervös sei er auch nicht gewesen. "Ich war total auf die Goldmedaille fixiert", sagte er. Und die bekam er dann ja auch in der Gewichtsklasse bis 60 Kilo, nachdem der Schiedsrichter seinen taiwanesischen Finalgegner Yang Yung-wei in der Verlängerung wegen dessen dritten Fouls disqualifiziert hatte.

Naohisa Takato ist also einer von denen, die die Spiele in Tokio retten sollen. Rührende Medaillengewinne im Fernsehen können Landsleute versöhnlich stimmen - auch Japanerinnen und Japaner, die frustriert sind, weil sie selbst seit Monaten nervige Einschränkungen hinnehmen müssen, während der Staat mit seinen Verbündeten bei relativ hohen Infektionszahlen das größte Sportfest der Welt feiert. IOC-Präsident Thomas Bach hat neulich selbst laut gehofft, mit der Freude über japanische Spitzenleistungen würde "die Haltung weniger aggressiv". Und Premierminister Yoshihide Suga scheint für die Unterhauswahlen im Oktober fast ganz auf Sportlererfolge zu setzen. Seine Sympathiewerte sind gerade durchwachsen wegen der Spiele und seiner lauen Corona-Politik. Er braucht Erfolgserlebnisse. Fast dringender als die Sportler.

Die pandemischen Spiele haben wenig mit dem Gedanken des Judos zu tun

Judo ist in dieser Hinsicht Japans verlässlichster Hingucker. Der Kampfsport ist ja sozusagen eine eigene Erfindung. Bei den ersten Tokioter Spielen 1964 hatte es Olympia-Premiere. Die Nation war damals derart siegesgewiss, dass es auf den Rängen Tränen gegeben haben soll, als in der offenen Klasse der Niederländer Anton Geesink Gold gewann; ansonsten siegten nur Japaner. Mittlerweile geht der Trend wieder zur japanischen Dominanz. 2016 in Rio war Japan die erste Nation, die bei Olympia mehr als zehn Judo-Medaillen gewann (zwölf). In der ewigen Nationenwertung ist Japan Erster. Pannen kommen vor, Funa Tonaki verlor am Samstag etwa im Finale der Gewichtsklasse bis 48 Kilo gegen die Kosovarin Distria Krasniqi. Aber im Grunde ist klar: Das Nippon Budokan, für die 64er-Spiele erbaut, ist eine japanische Festung.

Skepsis gibt es trotzdem. Immerhin geht es um Judo, eine Sportart, die sich ihr Schöpfer Jigoro Kano Ende des 19. Jahrhunderts eigentlich nicht ausgedacht hatte, um damit Siege für das nationale Selbstbewusstsein zu sammeln. Judo, der sanfte Weg, ist sehr grob gesagt ein System körperlicher und mentaler Techniken auf wissenschaftlicher Basis, die auf eine maßvolle, wirksame Verteidigung abzielen. Im Grunde geht es darum, klug zu kämpfen. "Sanftheit heißt, nachgeben bis zum richtigen Augenblick", hat Jigoro Kano mal gesagt. Demnach haben diese pandemischen Spiele mit Judo wenig zu tun. Denn deren Veranstalter haben ja nicht bis zum richtigen Augenblick nachgeben wollen. Und was die japanische Medaillen-Maschine angeht - auch dazu hat Kaori Yamaguchi eine Meinung.

"Heute gibt es die Tendenz, dass man die Technik möglichst früh beibringt", sagt die Sportwissenschaftlerin, "früher war die Erziehung wichtiger - warum man sich verbeugen soll zum Beispiel." Yamaguchi, 56, war selbst mal eine dekorierte Judoka. Weltmeisterin, Dritte 1988 in Seoul, als Frauen-Judo noch ein Demonstrationswettbewerb war. Sie entdeckte Judo als Kind im Fernsehen. In einer Serie fiel ihr dieser seltsame Kampfstil auf, bei dem es offenbar nicht nur darum ging, den anderen aufs Kreuz zu legen. "Mit Judo wächst man als Mensch, auch geistig" - diese Botschaft interessierte sie, aber damals war Judo für Mädchen noch nicht vorgesehen. Sie ging in Klubs, kämpfte mit Jungs, musste sich manche Hänselei gefallen lassen, setzte sich durch und wurde eine Pionierin des japanischen Judos.

Medaillen werden auch in Japans genutzt, um die eigene Stärke vorführen zu können

1992 kam Frauenjudo fest ins olympische Programm. Heute ist es nicht mehr wegzudenken. Und Japans Kämpferinnen müssen Medaillen bringen wie alle anderen auch, klar. "Das wird von der Bevölkerung erwartet", sagt Kaori Yamaguchi, "deshalb ist das Gewinnen ein Ziel geworden."

Kaori Yamaguchi, bis vor kurzem Vorstandsmitglied des Japanischen Olympischen Komitees, sieht das kritisch. "Dieser Leistungssport ist etwas stark geworden", sagt sie, die Balance mit den anderen Werten stimmt für sie nicht mehr. "Wir müssen sowohl die Leistungssportler als auch die Judo-Liebhaber wichtig nehmen - das funktioniert gerade nicht so gut."

So gesehen ist das Vermächtnis des Budokan ein wenig aus der Spur geraten. Medaillen werden auch in Japan wie Produkte gehandelt, die man als Staat nutzt, um der Bevölkerung die eigene Stärke vorführen zu können. Zur Belohnung gibt es dann vielleicht bessere Wahlergebnisse. Dass man den Sport, aus dem diese Medaillen kommen, auch selbst machen könnte, bekommen die Leute teilweise gar nicht mehr mit. "Wenn wir früher Gold gewonnen haben, haben viele Leute mit Judo angefangen", sagt Kaori Yamaguchi, "heute sind es leider nicht mehr so viele." Und wenn das Reservoir der Talente schrumpft, leidet irgendwann auch das Leistungsjudo.

Bei Olympia weist noch wenig darauf hin. Naohisa Takato und Funa Tonaki haben nicht enttäuscht. Und am Sonntag siegte Japan gleich weiter in den Gewichtsklassen bis 52 und 66 Kilo. Erst gewann Uta Abe Gold. Dann Hifumi Abe, ihr Bruder.

© SZ/cch/jki/jkn/lib
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