Auf der kleinen Terrasse im Aorangi Park kommt plötzlich sanfte Unruhe auf, und das ist ungewöhnlich, denn das Trainingsareal des Grand-Slam-Turniers in Wimbledon ist eher ein Ort der Ruhe. Zuschauer sind hier seitlich des Court No. 1 nicht erlaubt. Jannik Sinner schreitet den Weg gemächlich entlang, er will gleich üben. Doch er wird von zwei Jugendlichen angesprochen, offenbar Hitting Partner, die sich bereithalten, falls Profis jemanden zum Bälleschlagen suchen. Sinner stellt sich bereitwillig neben den einen jungen Mann, während der andere mit dem Handy knipst.
Alle in der Nähe verfolgen die Szene, man spürt eine Veränderung der Atmosphäre, Fotografen und Kameraleute richten ihre Geräte aus. Eine gewisse Aura kann man dem Italiener nicht absprechen, da haben auch die Turbulenzen rund um seine inzwischen abgegoltene dreimonatige Dopingsperre wenig Schaden genommen. Und jetzt ist ja schon wieder eine Negativmeldung aus seinem Team nach außen gedrungen, aber Sinner bewies mal wieder, wie konsequent er Themen abblocken kann. Ohne Grund wird man nicht die Nummer eins der Tenniswelt. Auch mental braucht es Stärke.
Sinner hat sich jedenfalls überraschend von seinem Athletiktrainer Marco Panichi und seinem Physiotherapeuten Ulises Badio getrennt. Die beiden, die zuvor für den 24-maligen Grand-Slam-Sieger Novak Djokovic gearbeitet hatten, hatte er erst im Zuge seines Dopingfalles zu sich geholt. Zuvor hatte er Athletiktrainer Umberto Ferrara und Physiotherapeut Giacomo Naldi gefeuert, die er für den zweimaligen positiven Befund mit dem anabolen Steroid Clostebol indirekt verantwortlich machte. „Nein, es ist nichts Großes passiert. Nichts Großes. Ich habe mich vor Kurzem getrennt, aber das betrifft mich nicht“, sagte Sinner, in Wimbledon nun auf die Entlassungen angesprochen, und schob weitere Allgemeinsätze nach: „Ich fühle mich bereit für den Wettkampf. Ich fühle mich frei.“ Nach dem Turnier in Halle habe er sich entschieden, immerhin das verriet er.
Ein weiterer Versuch, mehr zu erfahren, scheiterte grandios, er war bestens vorbereitet. Und dann wurde Sinner, ein harter Wechsel, aber so ist das manchmal bei internationalen Pressekonferenzen im Tennis, auf einmal zu seinem Sponsor Gucci befragt und einem Lied, das er mit Opernsänger Andrea Bocelli aufnahm. Sinner konnte so natürlich alles Heikle mühelos abbügeln und umschiffen. Somit blieb auch unbeantwortet, ob eventuell ein zu offenes Interview Panichis, das er in Italien gab, dessen Aus befördert hatte. Sinner trifft in seinem ersten Match an diesem Dienstag auf seinen Landsmann Luca Nardi und äußerte viel Zuversicht. Die Finalniederlage in Paris nach drei vergebenen Matchbällen hat er offenbar verarbeitet. „Ich habe das Gefühl, dass ich auf Rasen großartiges Tennis spiele“, sagte er. „Es wird interessant zu sehen sein, was ich hier in London schaffen kann.“


