Die Sonne scheint, der Starnberger See liegt spiegelglatt da, und nach einer kühlen Wetterphase in der Vorwoche hat sich das Wasser wieder angenehm auf 22 Grad erwärmt. Ideale Voraussetzungen für Janis McDavid, der an diesem Sonntagvormittag den See auf einer Strecke von 2,4 Kilometern durchschwimmen will. Dass der 33-Jährige, geboren ohne Arme und Beine, ein solches Vorhaben wagt, grenzt für ihn selbst an ein Wunder. Noch vor eineinhalb Jahren hatte er panische Angst vor Wasser – ausgelöst durch ein Kindheitstrauma, als er kopfüber von einer Treppe in einen See stürzte. Freiwasserschwimmen? Wettkämpfe? Damals unvorstellbar. Sport insgesamt war ihm lange fremd; die Leidenschaft, mit der andere Menschen trainierten, erschien ihm rätselhaft.
Erst im Frühjahr 2024 machte McDavid – aufgewachsen in Bochum, wohnhaft in Berlin – eine entscheidende Erfahrung: Im Schwimmbad von Lauf an der Pegnitz spürte er zum ersten Mal, was Schwimmen für ihn bedeuten kann – Freiheit. Auf Einladung der Stiftung „Deutschland schwimmt“ wagte er dort einen neuen Versuch, ganz behutsam, im Kinderbecken. Heute ist Schwimmen für ihn mehr als reine Bewegung – es ist Ausdruck von Selbstbestimmung und ein Gefühl von Unabhängigkeit, das er auch anderen ermöglichen möchte.
Als Botschafter der Stiftung will McDavid auf ein drängendes gesellschaftliches Problem aufmerksam machen: Immer weniger Kinder in Deutschland können sicher schwimmen, die Zahl tödlicher Badeunfälle steigt. Schwimmen, sagt er, müsse als Grundbildung und Sicherheitskompetenz verstanden werden – nicht als Freizeitluxus.
Sein ehrgeiziges Projekt am Starnberger See ist eingebettet in die Veranstaltung Cross’n Chill 2025, organisiert vom Hotel La Villa in Pöcking – dessen Ufer auf der Westseite des Sees zugleich sein Ziel markiert. Nach ihm werden rund 120 weitere Schwimmerinnen und Schwimmer die gleiche Strecke absolvieren.
Die Bedingungen im Freiwasser sind für McDavid ungleich härter als im Schwimmbad
Auf sein Projekt hat er sich gründlich vorbereitet, zumal das Freiwasser neue Herausforderungen für ihn bereithält. Während die Bedingungen im Schwimmbad immer annähernd gleich sind, kann der See unberechenbar sein: Wellen, Strömung, trübe Sicht, Wasserpflanzen oder plötzliche Temperaturschwankungen können zur mentalen Belastung werden. Noch vor einer Woche trainierte er mit dem österreichischen Rekord-Eisschwimmer Josef Köberl im Grundlsee in der Steiermark, um sich besser auf alle Eventualitäten im offenen Wasser einstellen zu können.

Nach der Überfahrt zum Westufer zeigt sich McDavid zufrieden mit den Bedingungen. „Die Wellen sind easy“, sagt er. Trotzdem nehme die Anspannung zu: „Meine größte Herausforderung wird sein, nicht zu ambitioniert zu starten und gleich ein gutes Wassergefühl zu bekommen“, sagt er, bevor er um 10.58 Uhr startet. Zwei Personen auf dem Stand-up-Paddle begleiten ihn zur Orientierung – denn durch seine niedrige Lage im Wasser kann er die großen roten Bojen oder die Uferlinie kaum erkennen. Zwei Freunde schwimmen direkt neben ihm, um bei Bedarf eingreifen zu können. Er trägt einen dünnen Neoprenanzug, der ihm zusätzlichen Auftrieb gibt, und zieht eine gelbe Boje hinter sich her, die an einer langen Leine an einem Gürtel um seinen Rumpf befestigt ist.
Schon kurz nach dem Start stellt sich ein gutes Gefühl ein. McDavid erreicht rasch die erste Boje, die die erste 500-Meter-Marke anzeigt. Mehrmals muss er kurz stoppen, um Bootswellen in Rückenlage abzuwarten – Pausen gönnt er sich aber keine. Er schwimmt konzentriert weiter – zwischen Euphorie und Erschöpfung. Besonders zwischen der zweiten und dritten Boje wird es hart. Die Wellen bringen ihn aus dem Rhythmus. Gedanken wie: „Warum machst du hier so einen Blödsinn?“, schießen ihm durch den Kopf. Doch er bleibt fokussiert, konzentriert sich auf seine delfinartigen, wellenförmigen Schwimmbewegungen – und erreicht das Ziel viel schneller als erwartet.
Nach einer Stunde und 31 Minuten hat er es geschafft. Seine Wunschzeit von unter zwei Stunden hat er damit deutlich unterboten. Jubelnd nehmen ihn Freunde, Unterstützerinnen und Badegäste in Empfang. Er selbst wirkt überwältigt – und fast ungläubig. „Jetzt hier zu stehen – das ist ein Gefühl von Unbesiegbarkeit“, sagt er strahlend.

Paraschwimmer McDavid und Mockridge:Er findet Lösungen, wo andere Witze reißen
Der Hamburger Janis McDavid kam ohne Arme und Beine auf die Welt. Er bestieg den Kilimandscharo, fährt Autorennen und bereitet sich im Paraschwimmen auf Wettkämpfe vor – auf Häme wie von Luke Mockridge hat er seine eigenen Antworten.
Der Weg dorthin war lang – und technisch anspruchsvoll. McDavid, der für die SG Fürth an den Start geht, hat sich nicht nur das Brustschwimmen mühsam erarbeitet, sondern sich bis an die nationale Spitze seiner Startklasse (SB1) vorgekämpft. Besonders im Brustschwimmen ist Präzision gefragt: Die Atmung muss exakt mit dem Beinschlag abgestimmt sein. Anfangs verschluckte er sich häufig oder verlor den Rhythmus. Durch gezieltes Techniktraining, konsequenten Muskelaufbau in Rumpf und Rücken sowie viele Stunden im Wasser entwickelte er nicht nur körperliche Stabilität, sondern auch eine Atemtechnik, die heute beinahe automatisch abläuft. Bei der Internationalen Deutschen Meisterschaft in Berlin vergangenen Monat stellte er mit 1:28,55 Minuten den deutschen Rekord auf 50 Meter Brust in seiner Startklasse auf.
Rekorde und Zahlen sind das eine, das Schwimmen hat ihm aber auch ein ganz neues Körpergefühl gegeben. Zum ersten Mal kann er sich aus eigener Kraft fortbewegen – ohne Rollstuhl, Auto oder fremde Hilfe. Diese Erfahrung hat sein Verhältnis zum eigenen Körper grundlegend verändert: Statt auf Defizite zu blicken, erkennt er heute die Möglichkeiten. Mittlerweile hat er seinen Körper angenommen, wie er ist. Und auch wenn er einen Wunsch frei hätte, würde er ihn „nicht mehr dafür verschwenden, sich Gliedmaßen zu wünschen“, sagt er. Wichtiger wäre ihm dann Weltfrieden, oder sein eigenes Lebensglück – das er sowieso schon proaktiv gestaltet.
Ein neues Projekt hat McDavid aktuell noch nicht. Zunächst steht eine Trainingspause an. Im Herbst beginnt dann die Vorbereitung auf die deutschen Kurzbahnmeisterschaften. Solche Ziele seien nach so einem großen Erfolg wichtig, um nicht in ein Loch zu fallen, sagt er. Bis dahin genießt er das Gefühl, eine seiner größten Herausforderungen gemeistert – und damit seine persönlichen Grenzen wieder ein Stück weiter verschoben zu haben.

