Das tschechische Skiteam wirkt klein, sehr klein sogar, eigentlich wirkt da nur ein einzelner Mann. Und der stand, stapfte und hüpfte am Freitag durch den Zielraum von Gröden und hatte ein erkennbares Problem: Zu wenige Augenpaare, um zu erfassen, was da alles geschah. Den unversehrten Sturzhelm hatte er soeben durch eine schiefe Mütze ersetzt, da schritt eine personell viel besser aufgestellte Reporter-Gruppe auf ihn zu. Und ehe eine Lawine an Fragen ins Rollen kam, schaute er noch einmal hinauf, dorthin, wo er sein Meisterstück begonnen hatte.
Unter dem Langkofel zerschellten schon Träume, andere rasten im Schatten des Gipfels ins Rampenlicht des Skisports. Italiener wussten ihren Heimvorteil im Grödener Tal zu nutzen, Österreicher wie Schweizer schossen wie Kanonenkugeln ins Ziel, und auch für deutsche Skirennläufer entpuppte sich die Saslong-Piste als Terrain für Triumphe. Ein Klassiker-Berg für klassische Skinationen – bis zu diesem Freitag im Dezember 2025, als sich Jan Zabystran aus dem Starthaus stürzte.

Deutsche Alpin-Abfahrer:Die große Lücke und der lange Luis
Das einst triumphale deutsche Speed-Team hat nach den Rückzügen von Josef Ferstl und Thomas Dreßen den Anschluss an die Weltspitze verloren. Hoffnung macht der 23-jährige Luis Vogt – wenn er gesund bleibt.
Dem 27-Jährigen war es im Super-G-Rennen gelungen, den Dauersieger Marco Odermatt aus der Schweiz zu einem verlegenen Lächeln und vom roten Sessel des Führenden zu zwingen. Zabystran gewann sein erstes Weltcuprennen, als erster tschechischer Profi im Männerskisport. Und nicht nur der Belegschaft aus der Schweiz war die Verblüffung anzusehen: Ist das derselbe Jan Zabystran, der tags zuvor als 32. ins Ziel gewackelt kam?
Die berüchtigten Kamelbuckel sind der Wesenskern des Grödener Spektakels, das war an allen drei Renntagen zu erkennen. Kaum zählbar, wie viele Athleten das hinterlistige Hügelensemble von der Piste in schwindlige Höhen katapultierte, dem Skifahrerhimmel sei Dank liefen die Stürze auch am Samstag glimpflich ab. Zabystran indes fand am Freitag die richtige Würzmischung aus Kantendruck und Speed, abgeschmeckt mit einer mittelscharfen Prise Risiko. Man muss auf die Linie achten, besonders wenn es in den zweiten Hauptgang dieses Hanges geht: die Chaslat, welche dem Kurssetzer einmal mehr als Anlass für ein knifflig platziertes Tor diente. Aber nicht für Zabystran. Nicht an diesem Tag.
Die Kante hat ihn schon früh mehr inspiriert als die Kufe, was im Eishockeyland Tschechien ungewöhnlich ist
Fragerunde im Zielraum also, statt Zappeln im Fangzaun. „Ich habe versucht, alles wegzudrücken, einfach mehr klassisches Skifahren als gestern“, sagte Zabystran danach. Denn prinzipiell würden ihm solche Bedingungen liegen, „dieser Schnee und diese Buckel“, also Griffigkeit trotz erzwungener Mischung aus Natur- und Kunstschnee, wie sie in den Südtiroler Dolomiten zuletzt vorzufinden war. „Wie Skicross“ habe er seine Fahrt empfunden, so Zabystran, eine Disziplin, bei der kupiertes Hügelgelände wie auf der Saslong zum Standardprogramm zählt, wenngleich im direkten Duell samt Ellenbogeneinsatz – zumindest das bleibt den Alpinisten erspart. „Im Ziel habe ich mich dann umgedreht, es leuchtete Grün auf, wow.“
Der Zwerg bezwingt den Riesen, das waren schon immer die schönsten Geschichten. Im Skisport wird dieses Phänomen zunehmend zur Rarität, auch weil die Professionalisierung so einseitig fortschreitet, angetrieben eben von den Riesen unter den Skinationen. Alexander Ginnis, um ein Beispiel zu nennen, wurde im Februar 2023 nach seinem zweiten Platz beim Slalom von Chamonix mitunter „Sirtaki-Taktik“ angedichtet. Zur Wahrheit gehört, dass der in Athen geborene Grieche seine Skikarriere zuvorderst in Nordamerika mithilfe des US-Verbands formte. Andere sogenannte Exoten der jüngeren Skigeschichte sind keine: Lucas Pinheiro Braathen, der seit diesem Winter für Brasilien startet, wurde vom norwegischen Skiverband zum Weltklassemann ausgebildet, Teenager-Ass Lara Colturi, offiziell für Albanien unterwegs, hat die italienische Schule genossen. Alle Fälle eint, dass Vater und Mutter aus unterschiedlichen Ländern stammen. Und Zabystran?

Die Biografie des 27-Jährigen ist eine Erwähnung wert. Am Keilberg, tschechisch Klínovec, fing alles an. Die Kante habe ihn schon früh mehr inspiriert als die Kufe, was im Eishockeyland Tschechien ungewöhnlich war und ist. Seit seinem Debüt im Skiweltcup 2017 rumpelte Zabystran im Zirkus der Weltbesten weitestgehend chancenlos mit, sieben Jahre lang begab er sich ins Gefecht mit den Eispisten mit den stumpfesten Waffen, die das alpine Arsenal der Profis zu bieten hatte. Ein Sportenthusiast war er längst, man sah ihn zwischendurch an Kletterwänden, an der Hantel, auf Rennrädern und Beachvolleyball-Feldern. Der große Wurf gelang ihm nie, nicht einmal der kleine. Dem tschechischen Verband blieb er treu, einem wahrhaftigen Zwerg der Szene. Die Skifahrerei habe ihn fasziniert wie angetrieben, berichtete er in Gröden. Und so kam es zu einer neuen Konstellation.
2024 fanden sich schließlich zwei, die eine sogenannte Win-win-Situation erahnten: Zabystran, der sich bis dato mit den raren Mitteln des tschechischen Skiverbands durchkämpfte. Und der Deutsche Skiverband, der dem Vernehmen nach hohes Potenzial sah – und dessen Reihen sich verletztungsbedingt lichteten. „Wir sind total froh, dass wir ihn in der Mannschaft haben“, ließ DSV-Rennfahrer Romed Baumann in Gröden wissen, der offenbar sportliche Einsamkeit verspürt hatte: „Sonst wäre ich die ganze Zeit alleine unterwegs gewesen.“ Er selbst konnte wegen seiner aus Deutschland stammenden Frau die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen und vom ÖSV zum DSV wechseln, Zabystran konnte das nicht, weil er keine deutschen Verbindungen habe, wie der DSV am Sonntag auf Nachfrage mitteilt.
Wer also ist Riese? Wer ist Zwerg? Vielleicht nicht die wichtigsten Fragen, wenn es um Integration geht, oder Nachbarschaftshilfe. Den Ertrag dürfen sich die deutschen Ski-Männer jedenfalls nicht zuschreiben, der geht nach Tschechien. Die Deutschen, „sie haben mich als einen der ihren aufgenommen“, sagt Zabystran, der Sieger. „Er ist ein Teammitglied wie jeder andere“, sagt Baumann, Nummer 17 Tagesranking. Und so verschwindet mit der Sonne über dem Grödener Tal der Schatten unter dem Langkofel.

