Jan Ullrich und die Medien Das goldene Lenkrad

Ein ganz besonderer Vertrag der ARD: Je besser Jan Ullrich fuhr, desto teurer wurden die TV-Interviews mit ihm.

Von Hans Leyendecker

Der Vertrag ist nur wenige Seiten dick. Und doch braucht es eine Weile, bis der Leser den Sinn der Vereinbarung versteht. Die von den Bürgern gebührenfinanzierte ARD, das geht aus dem Papier hervor, zahlte dem Radprofi Jan Ullrich - mit Unterbrechung von einem Jahr - seit 1999 jährlich heimlich eine sechsstellige Summe. Warum? Die Beteiligten tun sich schwer, die Frage zu beantworten.

Jan Ullrich und die Medien: Spezielle Verträge.

(Foto: Foto: dpa)

Aus dem letzten, auf den 1.Januar 2003 rückdatierten Vertrag ergibt sich, dass Ullrich am Ende jährlich 195000 Euro von der Rechteagentur Sporta dafür erhielt, dass er Radsportstar war und gelegentlich mit der ARD sprach. Prinzip ,,goldenes Lenkrad'': Das Geld musste jedes Vierteljahr in einer Tranche über 48750 Euro auf ein Schweizer Konto Ullrichs überwiesen werden. Ausdrücklich wird in der Abmachung darauf hingewiesen, dass in der Summe auch die von dem Radprofi in der Schweiz zu zahlenden Steuern eingeschlossen seien.

Dieser Vertrag, dessen Details jetzt bekannt werden, weist viele Besonderheiten auf und stellt grundsätzliche Fragen an das öffentlich-rechtliche System, das sich eigentlich definitiv vom kommerziellen Gewusel der Privatsender unterscheiden soll. Danach bekam Ullrich für einen Etappensieg bei der Tour de France zusätzlich 20000 Euro von der ARD, für den Tour-Sieg waren noch mal 65000 Euro vereinbart. Ein Sieg bei der Deutschland-Tour brachte ihm 40000 Euro, für einen Platz auf dem Podest der ersten drei gab es immerhin noch 20000 Euro. Wenn er weder bei der Tour de France noch bei der Deutschland-Tour startete, waren Abzüge von 40000 Euro beziehungsweise 25000 Euro fällig.

Rad ab? Dass Sport für Fernsehsender eine Ware ist und Journalismus oft auf der Strecke bleibt, ist in vielen Abhandlungen beschrieben worden. Einschlägige Betrachtungen stellt beispielsweise das jüngst erschienene Werk Korruption im Sport an. Aber für die Kumpanei zwischen Sportlern und TV-Gewaltigen findet sich selten so viel Anschauungsmaterial wie im Kontrakt mit Ullrich, der übrigens häufig im ZDF auftrat, obwohl die Mainzer nicht extra zahlten.

Es wird eine klebrige Nähe zwischen der ARD und dem Sportstar erkennbar. Von 1997 bis 2004 war die ARD Kooperationspartner des radelnden Teams Telekom, das heute T-Mobile Team heißt. Der umstrittene Sportkoordinator Hagen Boßdorf moderierte für Sport-Telekom und schrieb mit Ullrich dessen Biografie Ganz oder gar nicht. Wie sich jetzt zeigt, schloss der Saarländische Rundfunk (SR) im Auftrag der ARD-Sender 1999 mit Ullrich einen eigenen Vertrag ab, weil dieser vom Kooperationspartner Telekom angeblich zu stark abgeschottet wurde. Ullrich musste für drei Events - wie Auftritte im Tigerenten-Club - zur Verfügung stehen, bei der Gestaltung der Trailer für die Tour exklusiv helfen und Einsicht in sein Training geben.

Ganz komplett wird der Einblick, wie sich in diesen Tagen zeigt, wohl nicht gewesen sein. Im Jahr 2002 geriet Ullrich erstmals in Doping-Verdacht. Weil es im SR-Vertragswerk einen Passus gibt, dass bei erwiesenem Doping der Vertrag gekündigt wird, zahlte die ARD ab Sommer 2002 nicht mehr. Im Sommer 2003 wurde dann, rückwirkend zum 1.Januar 2003, ein neuer Vertrag mit Ullrich geschlossen. Das beschlossen die ARD-Intendanten am 4.Februar 2003 in Hamburg. Ein Senderchef erklärt auf Anfrage zu den Vertragsdetails, er habe ,,von so was noch nie gehört - ungeheuerlich''.

Ein anderer mag nicht ausschließen, dass beim ,,Absacker mal darüber gesprochen wurde, aber mir ist das nicht bekannt gewesen''. Boßdorf sagt, den Vertrag hätten zumindest alle Sportchefs der ARD gekannt. Drei von denen erklären, sie möchten mit der Sache nicht in Verbindung gebracht werden und hätten auch davon nie gehört. Boßdorf verweist auf den Saarländischen Rundfunk, der für Radsport zuständig ist und deshalb ,,der Speichensender'' genannt wird. SR-Intendant Fritz Raff eilte am gestrigen Montag aus einer Sitzung, um zu erklären, dass er den letzten Ullrich-Vertrag, der jetzt zum Jahresende gekündigt wurde, auch nicht gekannt habe.

Am Ende verständigten sich die Beteiligten: ARD-Programmdirektor Günter Struve sei zuständig. Der wartete schon auf den Anruf: ,,Hauen Sie auf meine Nase!'', sagte er: ,,Die ist schon platt.''