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Jamal Musiala beim FC Bayern:Hoch geschätzter Slalomdribbler

Zu den Erkenntnissen, die Trainer Hansi Flick beim 1:1 bei Atlético Madrid gewinnt, zählt eine, die sich schon seit Saisonbeginn andeutet: Der 17-jährige Offensivspieler ist das wohl größte Talent im Kader.

Von Sebastian Fischer, Madrid/München

Eine Fußballkabine kann ein beeindruckender Ort sein, wenn man sie noch nicht kennt. "Ich war sehr nervös. Ich wusste nicht was ich anziehen sollte, was ich sagen sollte, wo ich mich hinsetzen sollte", das hat Jamal Musiala, 17, neulich in einem Interview mit dem Vereinssender über den Tag erzählt, an dem er sich zum ersten Mal mit den Profis des FC Bayern umziehen sollte. Er lächelte, denn die Lösung, die er für sich fand, war eine fast schon rührende: Er habe dann nur dagesessen und gewartet, bis er auf den Platz gehen konnte. Dort, spätestens, das weiß man inzwischen, hießen ihn die Spieler des Rekordmeisters sehr willkommen.

Musiala sei "hoch geschätzt" im Kreise der Profis des FC Bayern, das hat Trainer Hansi Flick in der Pressekonferenz nach dem 1:1 bei Atlético Madrid in der Champions League am Dienstagabend erklärt. Es war eine Partie, in der er viele Spieler für die Begegnung mit RB Leipzig in der Bundesliga am Samstag geschont hatte, weil der Gruppensieg schon vorher feststand; Manuel Neuer, Robert Lewandowski und Leon Goretzka waren zu Hause geblieben. Bright Arrey-Mbi, ein weiterer, noch etwas jüngerer 17-Jähriger, spielte überhaupt zum ersten Mal, als linker Außenverteidiger in einem System mit drei Innenverteidigern, was so ebenfalls eine Seltenheit bleiben dürfte. Es war somit eine Partie, in der es um "einige Erkenntnisse" ging, wie der Trainer später erklärte.

Zu diesen Erkenntnissen gehörte zwar einerseits, dass es die Einwechslung von Serge Gnabry und Thomas Müller nach einer Stunde war, die laut Flick "mehr Dynamik" brachte. Es war Müller, der im Strafraum gefoult wurde und per Elfmeter in der 86. Minute das Führungstor von Joao Felix aus der 26. Minute ausglich. Zu den Erkenntnissen gehörte aber auch, dass Musiala bis zu seiner Auswechslung nach 76 Minuten in seinem ersten Champions-League-Spiel von Beginn an der auffälligste Münchner auf dem Platz war, auf der Müller-Position im offensiven Zentrum.

Atletico Madrid v FC Bayern Muenchen: Group A - UEFA Champions League

"Er hat enorme Ruhe und Qualität am Ball, er ist im Dribbling und im Eins-gegen-Eins schwer zu stoppen": Jamal Musiala, hier im Duell mit Atlético Madrids Marcos Llorente, ist für Trainer Hansi Flick der derzeit am weitesten entwickelte Nachwuchsspieler des FC Bayern.

(Foto: Gonzalo Arroyo Moreno/Getty Images)

Er gewann Raum mit seinen Dribblings, spielte ein paar Pässe, die ein feines Gefühl für den Raum um sich herum andeuteten, setzte nach, wenn es sein musste. Nach 30 Minuten dribbelte er aufs Tor zu, dass es an ein Solo gegen den Fünftligisten Düren im DFB-Pokal im Oktober erinnerte, als er sein Startelf-Debüt für die erste Mannschaft gegeben hatte. Damals lief er im Slalom auf engem Raum im gegnerischen Sechzehner Haken schlagend um drei Gegner herum und schoss an den Außenpfosten. Diesmal schoss er aus etwas weiterer Distanz zwar ein bisschen weiter vorbei, aber den Verteidiger Mario Hermoso spielte er vorher mit einer ähnlich geschmeidig-schnellen Links-rechts-Bewegung aus.

Musiala kam, genau wie der deutsche U17-Nationalspieler Arrey-Mbi, im Sommer 2019 aus der Jugend des FC Chelsea ans Campus genannte Nachwuchsleistungszentrum nach München. Musiala ist in Stuttgart geboren, doch seine Jugend verbrachte er in England. Nach zwei Einsätzen für die deutsche U16 ist er vorerst englischer Junioren-Nationalspieler, zuletzt gab er sein Debüt für die englische U21. Empfohlen hatte er sich dafür mit einer Reihe an auffälligen Offensivaktionen und bereits zwei Toren gegen Schalke 04 und Eintracht Frankfurt, nach fünf Einwechslungen in der Bundesliga. Gegen Bremen zuletzt spielte er von Beginn an.

Flick sagte am Dienstag ungefähr wortgleich, was er oft sagt, wenn er nach Musiala gefragt wird: Dass man vorsichtig sein müsse, ihn zu loben, dass er körperlich noch Nachholbedarf habe im Duell mit Erwachsenen, "da arbeiten wir dran". Tatsächlich wirkt Musiala auch im Vergleich mit anderen, ähnlich jungen Talenten in der Bundesliga, zum Beispiel seinem englischen Kumpel Jude Bellingham, 17, von Borussia Dortmund, noch jugendlicher und schmächtig. Aber, auch das betont Flick stets: "Was rein fußballerisch zu sehen ist, da kann der FC Bayern sehr zufrieden sein." Und zwar: "Er hat enorme Ruhe und Qualität am Ball, er ist im Dribbling und im Eins-gegen-Eins schwer zu stoppen."

Münchner Debütanten in der Champions League

Bright Arrey-Mbi 17 Jahre und 250 Tage

Jamal Musiala 17 Jahre und 251 Tage

David Alaba 17 Jahre und 258 Tage

Berkant Göktan 17 Jahre und 292 Tage

Gianluca Gaudino 18 Jahre und 29 Tage

Roque Santa Cruz 18 Jahre und 30 Tage

Samuel Kuffour 18 Jahre und 60 Tage

Bastian Schweinsteiger 18 Jahre und 104 Tage

Julian Green 18 Jahre und 174 Tage

Joshua Zirkzee 18 Jahre und 203 Tage

Der enge Terminkalender dieser Saison könnte Gelegenheiten für die Münchner Talente bieten, auf so viel Einsatzzeit zu kommen, die in einer nicht so zusammengestauchten Spielzeit wohl nicht möglich wäre. Zuletzt beim 3:1 in Stuttgart gab der zu Saisonbeginn noch verletzte und deshalb nicht für die Champions League nominierte Innenverteidiger Tanguy Nianzou, 18, sein Erstliga-Debüt, in Madrid wurde noch Mittelfeldspieler Angelo Stiller, 19, eingewechselt. Doch Musiala, das hat Flick schon früh in der Saison auf eine der vielen Nachfragen gesagt, "ist am weitesten von unseren ganzen Nachwuchsspielern". Mit der Vorsicht beim Loben könnte es also in Zukunft kompliziert werden.

Andererseits: Flick hat offenbar ganz gute Methoden, dem Lob etwas entgegenzusetzen. Der Trainer, auch das erzählte Musiala in besagtem Interview etwas peinlich berührt, habe ihm im Training den Ball durch die Beine geschossen.

© SZ vom 03.12.2020
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