25 Jahre danach: Wie der DDR-Fußball zu Ende ging Sammer verewigt sich

Im September 1990 bestritt die DDR ihr letztes Länderspiel - und Matthias Sammer schoss die Tore. Die anschließende Integration der früheren Ost-Spieler ins West-Team gelingt mühevoll.

Von Saskia Aleythe, Berlin

10 000 Zuschauer sahen am 12. September 1990 in Brüssel eine besondere Partie: den letzten Auftritt der DDR-Nationalmannschaft. Allerdings ist es Ansichtssache, ob die Truppe damals wirklich noch als DIE Nationalmannschaft bezeichnet werden konnte: Etliche Spieler hatten trotz Einladung den Dienst verwehrt. Matthias Sammer (3.v.li.) hatte keine Ausrede parat und lief auf, auf 24 Spieler musste Trainer Eduard Geyer aber verzichten. Unter anderem sagten ihm Ulf Kirsten, Thomas Doll und Andreas Thom ab. "Ich habe wie ein Blöder rumtelefoniert, dass wir überhaupt 16 Spieler zusammenbekommen", schreibt Geyer später in seinem Buch, "doch einer nach dem anderen gab mir einen Korb. Jeder hatte irgendwelche Ausreden oder Ausflüchte." Viele planten bereits eifrig an ihrem Fußballerleben nach der DDR, Rainer Ernst erklärte offen, ihm fehle für ein Länderspiel der DDR die Motivation. Er spielte bereits für Kaiserslautern in der Bundesliga.

Am Ende reisten nur 14 Fußballer mit nach Brüssel. Eigentlich war die Partie als Qualifikationsspiel für die EM 1992 gedacht, doch die Wiedervereinigung Deutschlands machte das nichtig, der Status wurde in den eines Freundschaftsspiels abgewandelt. Immerhin: Umsonst fuhr keiner der Spieler nach Belgien, alle kamen in der Partie zum Einsatz (im Bild vorne: Uwe Rösler). Obwohl die Belgier als Favorit galten, bestimmte die DDR die Partie und gewann 2:0. "Einen schöneren Abschied hätte es nicht geben können", sagte Geyer.

Die DDR-Bilanz: 138 Siege in 293 Spielen

Die letzte Gelegenheit für ein Länderspiel nutzte Jens Adler, er wurde für Torwart Jens Schmidt (3.v.l.) in der 90. Minute eingewechselt - und kam so zu seinem ersten und einzigen Länderspiel für die DDR. Kurz vor seiner Einwechselung war gerade das 2:0 gefallen, so ging Torschütze Matthias Sammer in die Geschichte ein: In der 74. Minute hatte er das 500. DDR-Tor erzielt. Sammer spielte damals schon beim VfB Stuttgart, in Brüssel war er als einzig renommierter Spieler im Einsatz. Die Länderspiel-Erfahrung des Teams betrug durch die vielen Absagen gerade mal zehn Spiele, Sammer kam zu seinem 23. Einsatz.

Der Auftritt in Brüssel war der 293. einer Fußballnationalmannschafft der DDR und die Bilanz war am Ende positiv: 138 Siege feierte das Team zwischen 1952 und 1990. 69 Partien endeten unentschieden, 86 gingen verloren. Eduard Geyer hatte selbst vier Partien für die Junioren-Auswahl absolviert, im September 1989 wurde er Cheftrainer der DDR - bei seinem letzten Einsatz war er noch hoch motiviert und engagiert an der Seitenlinie.

Nach der Partie ist Sammer der gefragteste Gesprächspartner. Aber über mangelndes Interesse von anderer Seite müssen die restlichen Spieler nicht klagen. "Ich weiß noch genau, wie nach dem Spiel diverse Spielerberater um uns herumturnten. Es war beschämend, wie sich einige von denen aufführten", sagte Geyer.

Sammer konnte das egal sein, er hatte ja schon einen neuen Verein. Und sich ohnehin längst einen Namen gemacht, so wurde der gebürtige Dresdner als erster Spieler der DDR in die gesamtdeutsche Nationalmannschaft berufen.

Ursprünglich sollte es am 21. November 1990 noch zu einem Vereinigungsspiel zwischen West- und Ostdeutschland kommen, es wäre die zweite Begegnung der Teams gewesen. 1974 war die DDR im einzigen Aufeinandertreffen als Sieger hervorgegangen, Jürgen Sparwasser hatte in der WM-Vorrunde das 1:0 erzielt. Doch Sicherheitsbedenken führten zu einer Absage des geplanten zweiten Duells. Am 3. November war es zu Ausschreitungen bei einer Oberliga-Partie zwischen Sachsen Leipzig und FC Berlin gekommen, dabei erschoss die Polizei einen 18-Jährigen.

"Auf Jahre hin unschlagbar", franzelte es

Das erste gesamtdeutsche Länderspiel absolvierte das Team von Berti Vogts am 19.12.1990 gegen die Schweiz. Die Schweiz hatte ohnehin immer wieder das Vergnügen, historischen Begegnungen beizuwohnen: Auch nach dem ersten und zweiten Weltkrieg bestritt die deutsche Mannschaft immer gegen die Schweiz das jeweils erste Länderspiel. Berti Vogts hatte nicht nur die Aufgabe, das Erbe von Franz Beckenbauer zu wahren, der nach dem WM-Titel prognostizierte: "Auf Jahre hinaus wird unsere Nationalmannschaft unschlagbar sein." Er musste auch eine gesamtdeutsche Mannschaft formen. Der ostdeutsche Fußballverband DFV hatte sich am 20. November 1990 aufgelöst und als Regionalverband Nordost dem DFB angeschlossen.

Vogts hielt an der bewährten Mannschaft fest, schließlich hatte die erst vor wenigen Monaten den WM-Titel geholt. Gegen die Schweiz fand sich immerhin ein Ostdeutscher in der Startelf wieder: Natürlich Matthias Sammer.

Eine Ersatzbank voller Ostfußballer

Die Ersatzbank war da schon üppiger mit Ostfußballern bestückt: Thomas Doll, Andreas Thom und Torwart Perry Bräutigam (v.l.n.r.) durften ebenfalls mit nach Stuttgart zum Länderspiel reisen. Andreas Möller (re.) nahm neben ihnen Platz. Das Spiel gegen die Schweiz bestritt die Mannschaft erfolgreich, Rudi Völler (mi.) traf schon in der ersten Minute zum 1:0. Matthias Sammer absolvierte 74 Minuten, dann wurde er gegen seinen ehemaligen DDR-Kollegen Andreas Thom ausgewechselt - der schoss eine Minute später das 3:0, Lothar Matthäus vollendete zum 4:0-Endstand.

Von den ehemaligen Ostfußballern bewährten sich nur Sammer und Ulf Kirsten dauerhaft im Team. Spieler wie Andreas Thom, Dirk Schuster oder Bernd Hobsch spielten schon bald keine große Rolle mehr. Was man dem Team auch zwei Jahre später noch anmerken sollte: Integration braucht Zeit. Die gefestigten Hierarchien um Stefan Effenberg und Co. sollten Matthias Sammer noch lange begegnen. Durchgesetzt hat sich der heutige Sportchef des FC Bayern trotzdem. Hartnäckig war er also schon immer.