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Jahn Regensburg steigt in die zweite Liga auf:Nie wieder kalt duschen

Einer Ära des Größenwahns mit geplatzten Träumen von der Bundesliga folgt beim SSV Jahn Regensburg der verblüffende Zweitliga-Aufstieg. Dabei plagten den Traditionsklub aus der Oberpfalz vor kurzem noch solche Geldsorgen, dass selbst das warme Wasser fehlte. Die bisher geschickte Transferpolitik dürfte jetzt erneut gefragt sein.

Andreas Glas, Regensburg

Eine halbe Stunde vor Anpfiff bekam es Selcuk Alibaz mit der Angst zu tun. Während er sich warm lief, blickte er immer wieder zur Stadionuhr. "Mir war richtig bange", erzählte Regensburgs Spielmacher später. Nach dem Relegations-Hinspiel gegen den Karlsruher SC (1:1) hatte Alibaz sein Trikot an einen Jungen verschenkt.

Karlsruher SC  - SSV Jahn Regensburg 2:2

Auf Händen in die zweite Liga: Jahn-Trainer Markus Weinzierl wird von seinem Team gefeiert.

(Foto: dpa)

Nun fehlte es im Alukoffer, den der Zeugwart mit ins Stadion gebracht hatte. Hektisch wurde im Regensburger Vereinsheim ein neues Trikot beflockt, ein ohnehin verspäteter Fanbus bekam den Auftrag, es nach Karlsruhe zu liefern. Am Ende konnte Alibaz spielen und führte den SSV Jahn Regensburg zu einem 2:2 - und damit zum Aufstieg in die zweite Liga.

Die Trikot-Geschichte ist eine, die viel erzählt über die Strukturen beim Jahn. Mit 1,5 Millionen Euro verfügte der Verein über den niedrigsten Etat aller Drittligisten, es herrscht Sparzwang. Auch die Trikots werden deshalb nicht getauscht oder verschenkt, sondern gewaschen und wieder verwendet.

"Falls die Waschmaschine mal funktioniert", wie Jahn-Torwart Michael Hofmann witzelt. Es ist eine Anspielung auf die Saison 2008/09, als der örtliche Stromanbieter dem Verein den Strom abstellte, weil er seine Rechnungen nicht bezahlen konnte. Die Spieler mussten kalt duschen.

"Als ich vor drei Jahren angefangen habe, war der Jahn völlig am Ende", erinnert sich Manager Franz Gerber. Damals galt der SSV als Chaos-Klub mit Hang zu provinziellem Größenwahn. Nach dem bislang letzten Zweitliga-Aufstieg 2003 träumte man von der ersten Liga. Es folgte der Wiederabstieg in die Regionalliga, zwischenzeitlich ging es in die Bayernliga. Zum Misserfolg kamen Geldsorgen, die Drittliga-Lizenz war in Gefahr.

Im Gegensatz zu anderen bayerischen Klubs wie dem FC Augsburg oder dem FC Ingolstadt fehlt es in Regensburg trotz ortsansässiger Großunternehmen an Investoren. Wann ein neues Stadion gebaut wird, ist weiter unklar. Dass unter diesen Voraussetzungen nun der Aufstieg gelang, ist eine Überraschung - und hat mit Gerbers kluger Transferpolitik zu tun.

Geschichte Talentsichtung

Wegen des Sparkurses konnten zu Saisonbeginn die Verträge mehrerer wichtiger Spieler nicht verlängert werden. Doch Gerber behielt die Ruhe und vertraute seinem Instinkt für verkannte Talente. Er holte kostengünstige Spieler, die als gescheitert galten. Der 22-jährige Alibaz spielte vor drei Jahren in der ersten türkischen Liga, zuletzt aber nur mehr in der sechstklassigen Westfalenliga. In Regensburg blühte Alibaz auf, in beiden Relegationsspielen war er auffälligster Jahn-Spieler.

Karlsruher SC v Jahn Regensburg - 2. Bundesliga Relegation 2012

Nach dem Schlusspfiff jubelten in Karlsruhe die Regensburger - währender einige KSC-Fans über die Stränge schlugen.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Ähnlich ist es bei Außenverteidiger Ronny Philp, 23, der in drei Jahren bei Greuther Fürth nie den Sprung ins Profiteam geschafft hatte. Beim Jahn wurde er auf Anhieb Stammspieler und hat gezeigt, dass er selbst für die zweite Liga zu gut sein könnte. In der kommenden Saison wird er wohl in der Bundesliga für den FC Augsburg spielen.

Schweinsteiger zu Bayern II

Im Mittelpunkt der Erfolgsgeschichte steht jedoch Trainer Markus Weinzierl. Er hat es geschafft, dem Team eine erfolgreiche Underdog-Philosophie zu vermitteln: Er setzt auf eine stabile Defensive, der es immer wieder gelingt, nach Balleroberung blitzartig auf Angriff zu schalten.

Dass er wohl ebenfalls nach Augsburg wechselt, bezeichnet SSV-Kapitän Tobias Schweinsteiger, Bruder der Bayern-Größe Bastian, als "großen Verlust". Auch der 30-jährige Torjäger verlässt jedoch nach dem Coup den Klub - er spielt künftig für den FC Bayern II in der Regionalliga.

"Ich fürchte, dass auch andere schon woanders unterschrieben haben und dass diese unglaubliche Mannschaft auseinanderfällt", sagt Manager Gerber. Der SSV geht unter schwierigen Bedingungen in die nächste Saison. Aber das ist man dort ja gewöhnt.

© SZ vom 16.05.2012/jbe
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