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Jahn Regensburg:Ruhe bewahrt

17.06.2020, Fussball, GER, Saison, 2019/2020, 2.Bundesliga, 32. Spieltag, SSV Jahn Regensburg - Karlsruher SC Jubel nach

Erleichtert: Sebastian Stolze (Mitte) nach seinem 2:0 gegen den KSC.

(Foto: Sascha Janne/Imago)

Zweitligist Jahn Regensburg sichert sich mit einem 2:1 gegen den Karlsruher SC den Klassenverbleib. Ein Erfolg für für den Klub mit einem der kleinsten Etats.

Von Johannes Kirchmeier

Im Sport ist es oftmals ein Schrei, der die Anstrengungen von Minuten, eines Tages, von Monaten oder Jahren am Ende bündelt. Zwei Buchstaben nur, mehr braucht es an dieser Stelle oft nicht, die voller Inbrunst gerufen ihren Weg aus den Kehlen der Athleten, Trainer und Funktionäre in die Atmosphäre finden. Ein donnerndes "Ja!" war am Mittwochabend daher auch im Jahnstadion Regensburg aus vielen Mündern zu vernehmen. Trainer Mersad Selimbegovic etwa klatschte dazu mit seinem Co-Trainer Sebastian Dreier ab, Mittelfeldspieler Max Besuschkow sank dabei auf dem Feld auf die Knie und auf der Tribüne freute sich der Geschäftsführer Christian Keller.

Der SSV Jahn Regensburg hat nach einem 2:1 (1:0) gegen den Karlsruher SC auch im dritten Zweitliga-Jahr in Serie den Klassenverbleib geschafft. Das hat es in der eingleisigen zweiten Liga noch nie gegeben, da war ja bereits der erste Jahn-Verbleib 2018 ein Novum. "Die Freude ist riesig. Das ist schwer zu beschreiben, was das für uns bedeutet", sagte Selimbegovic. "Wir spielen auch ein viertes Jahr zweite Bundesliga - und das ist für diesen Verein ein Riesenerfolg." Der Sieg gegen Karlsruhe war entscheidend - mit einer Niederlage wäre der KSC auf Relegationsrang 16 noch einmal auf drei Punkte herangekommen vor den letzten beiden Partien. Über die bayerische Schützenhilfe vom Rivalen aus dem Süden freute sich daher auch der abstiegsbedrohte 1. FC Nürnberg, der mit 36 Zählern nun drei Punkte vor dem KSC steht.

Erik Wekesser (42. Minute) und Sebastian Stolze (62.) brachten den Jahn am Mittwoch in Führung, nach dem Anschlusstor von Babacar Gueye (77.) musste er sich aber noch einmal einigen Angriffen erwehren. Doch das Team um den Startelf-Debütanten Alexander Weidinger im Tor, der den Stammtorwart Alexander Meyer (Innenbandzerrung) solide ersetzte, stemmte sich erfolgreich dagegen. Auch deshalb war die Erleichterung so groß.

Selimbegovic, 38, hat in seiner ersten Saison als Cheftrainer sein oberstes Ziel also vorzeitig erreicht, zuvor assistierte er zwei Jahre seinem Vorgänger Achim Beierlorzer: "Der Schlüssel zum Erfolg war, dass wir immer an uns geglaubt und Ruhe bewahrt haben." Sein Team stand ja nie auf einem Abstiegsplatz, hatte aber eine schwächere Phase zu Jahresbeginn, als es in sechs Spielen fünf Mal verlor (unter anderem 0:6 beim Aufsteiger Bielefeld), danach mit vier Remis aus der virusbedingten Pause startete und vom einstelligen Tabellenplatz nach unten rutschte. Trotzdem stand der Coach nie in der Kritik - weil sie beim Jahn wissen, wo sie herkommen: Jedes Jahr in der zweiten Liga ist für den Klub mit einem der kleinsten Etats in der Klasse ein Erfolg für sich. Und Selimbegovic hat nicht nur tabellarisch sein Soll erfüllt: "Meine Aufgabe war, schnell eine funktionierende Mannschaft zu bauen nach den Abgängen, die wir im Sommer hatten. Und das ist uns Gott sei Dank gelungen."

Im Angriff stach etwa der variable Stolze (acht Tore, sieben Vorlagen) in diesem Jahr heraus, nachdem sich vor der Saison die Stammkräfte Sargis Adamyan (Hoffenheim) und Hamadi Al Ghaddioui (Stuttgart) verabschiedet hatten - und Mittelstürmer Marco Grüttner, 34, dieses Jahr ausnahmsweise nicht jünger wurde. "Sebastian hat das überragend gemacht", sagt Selimbegovic. "Aber er ist noch nicht am Ende seiner Entwicklung." Neben Stolze wurden zum Beispiel auch die Zugänge Besuschkow und der Linksverteidiger Chima Okoroji zu wichtigen Stammkräften. Erneut hat es der Jahn geschafft, mit einer schlagkräftigen Truppe aufzutreten, "ein 'Wir' zu erzeugen" (Selimbegovic).

Mit dieser Aufgabe darf er dann auch in der neuen Saison wieder starten: Kapitän Grüttner wird im Sommer zu seinem Jugendverein SGV Freiberg in die fünfte Liga gehen, wo er nicht nur spielen, sondern auch als sportlicher Leiter arbeiten wird. Zudem zieht auch sein Stellvertreter Andreas Geipl weiter, nach sechs Jahren Jahn zum 1. FC Heidenheim. Und auch andere Spieler wie eben Stolze wecken nach den Branchengesetzen Begehrlichkeiten.

Doch erst einmal geht der Blick von Selimbegovic auf die abschließenden Aufgaben beim FC St. Pauli und gegen Aue an den kommenden beiden Sonntagen. Der Coach hat ein neues Ziel: "Wir wollen noch mehr, weil wir wissen, was jeder Tabellenplatz bringen kann - gerade in dieser schwierigen Zeit, wo alle um jeden Euro kämpfen." Er spielt auf die Rangliste der TV-Gelder an. Je besser sich der Jahn platziert, desto mehr Geld würde er in der kommenden Saison bekommen. Daher will der Trainer nun auch nicht groß rotieren. Es soll am Mittwoch noch nicht das letzte laute Regensburger "Ja!" in dieser Saison gewesen sein.

© SZ vom 19.06.2020
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