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Jahn Regensburg:DJ bei der Maiandacht

SSV Jahn Regensburg - Holstein Kiel

Ungewohnt ruhig: Nach dem Elfmeter von Regensburgs Andreas Albers zum 2:2 gegen Kiel waren nur Tormusik und eigener Jubel zu hören.

(Foto: Alexander Hassenstein/dpa)

Nach fünf Niederlagen in sechs Spielen schafft Jahn Regensburg ein spätes Remis gegen Kiel. Die Wende gelingt aber erst spät, die Regensburger haben mit der Atmosphäre im eigenen Stadion zu kämpfen.

Von Johannes Kirchmeier

Andreas Albers legte sich den Ball also auf den Elfmeterpunkt, während noch ein paar Spieler von Holstein Kiel mit dem Schiedsrichter Martin Petersen diskutierten. So recht wollten sie es nicht wahrhaben, dass sie nun in dieser zweiten Minute der Nachspielzeit einen Strafstoß gegen sich zugesprochen bekamen, doch die Szene zuvor war unstrittig ein Foul. Albers durfte am Samstagnachmittag für den SSV Jahn Regensburg antreten - beim Stand von 1:2 nach mehr als zwei Monaten Fußballpause. Im Regensburger Stadion kehrte eine Ruhe ein, wie sie in dieser Situation eben üblich ist, alle Augen waren auf den Strafraum gerichtet.

Petersen pfiff, der Stürmer Albers lief, schoss - und traf unbeirrt ins linke Eck zum späten Ausgleich. Der Stadion-DJ schmiss die Tormusik an. Nun beginnt üblicherweise der Moment, in dem die Emotionen, der Jubel der Fans, die gesamte Arena erfüllen und in dem neue Dezibelrekorde aufgestellt werden. Am Samstag herrschte jedoch eine Ruhe wie bei der Maiandacht, mit Ausnahme des kurzen, lauten "Jaaaa"-Schreis, den die Jahn-Spieler ausstießen. Aber wer sollte auch groß brüllen außer ihnen? Die Anhänger durften ja erstmals in dieser Saison aufgrund der Corona-bedingten Regeln nicht auf den Rängen dabei sein. Auch die übliche Freudentraube der Kicker fiel aus, Albers freute sich alleine. "Leider werden die Tore nicht so bejubelt", bedauerte der defensive Mittelfeldspieler Marc Lais die Situation: "Aber für uns als Mannschaft zählt jedes Tor gleich."

Der Treffer zum 2:2 (0:1) war daher der skurrile Abschluss eines Nachmittags, an den sich die Protagonisten noch gewöhnen müssen. "Es ist ein beschissenes Gefühl, ohne Zuschauer zu spielen", sagte Jahn-Coach Mersad Selimbegovic, wohlwissend, dass sich das erst einmal nicht ändert. An anderen Tagen wäre Albers' Schuss der Anlass dafür gewesen, dass ganz Regensburg in einen samstäglichen Jubelabend startet. Die Kneipendichte in der oberpfälzischen Hauptstadt ist eine der höchsten in Deutschland, es gäbe also genug Lokale, um nach einem erfolgreichen Spiel zu feiern. Doch die hatten ja auch noch geschlossen am Samstag.

So richtig hätte das Publikum seine Freude am Spiel der Gastgeber wohl erst weit in der zweiten Hälfte gehabt. Zuvor dominierten die spielstarken Kieler, die Jahn-Geschäftsführer Christian Keller nach der Partie zu den Top drei der Liga zählte. Besonders die offensiv flexiblen Kicker Lee Jae-Sung, Salih Özcan und Alexander Mühling wurden vom SSV nur selten gestoppt. Der Südkoreaner Lee erzielte bereits in der dritten Minute das historische erste Tor des ersten Geisterspieltags in den beiden Bundesligen und legte nach einer feinen Kombination im Jahn-Strafraum das 2:0 des früheren Hachingers Finn Porath auf (58.) - die Partie schien entschieden zu sein. "Wir haben nicht aufgegeben. Nach einem 0:2 nochmal an sich zu glauben, das ist grandios", sagte Selimbegovic, der dem Spiel mit der Einwechslung von Lais (70.) eine Wendung gab. Zweimal durfte Lais in dieser Saison zuvor nur mitspielen, als er die verletzten Benedikt Gimber und Andreas Geipl im November vertrat.

Die virusbedingte Pause scheint dem Badener, der seit 2015 beim Jahn kickt und 2017 zwei der drei Jahn-Tore in der erfolgreichen Relegation gegen den TSV 1860 München schoss, gut getan zu haben. Nach seiner Hereinnahme wurde er schnell zum DJ auf dem Feld, gab den Takt der Regensburger vor und assistierte Sebastian Stolze (74.) beim Anschlusstor. Kurz vor Schluss foulte ihn der Kieler Phil Neumann im Strafraum, Albers traf per Elfmeter zum Ausgleich - nach zuletzt fünf Niederlagen in sechs Spielen. "Wir sind alle happy über den Punkt", sagte Lais, den Selimbegovic lobte: "Marc hat das richtig gut gemacht." Es freue ihn für Lais, weil dieser "zuletzt nicht so eine einfache Zeit hatte", aber sich im Training empfohlen habe. Eine Einsatzgarantie für das nächste Spiel in Sandhausen bekam Marc Lais trotz seines starken Auftritts nicht.

© SZ vom 18.05.2020
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