bedeckt München 21°

Leichtathletik:Wenn Medaillen gar nicht das Ziel sind

Hürdenläuferin Jackie Baumann

Jackie Baumann: Karriereende mit 24 Jahren

(Foto: dpa)

Jackie Baumann stellt mit 24 Jahren fest, dass sie zwar Deutschlands beste Hürdenläuferin ist, aber gar nicht um große Siege kämpfen will. Ihr Karriereende wirkt wie eine große Befreiung.

Von Saskia Aleythe

Ihr perfektes Rennen lief Jackie Baumann am ersten Tag ihres neuen Lebens. Im Tübinger Stadion sprintete sie die Tartanbahn hinauf zur ersten Hürde, ein Junge aus der Trainingsgruppe startete die ersten 200 Meter mit ihr, dann war sie allein unterwegs. Sie nahm Hürde für Hürde ohne Stolpern, immer im Rhythmus. Es war ein Trainingslauf, am Ende stand eine Zeit, die sie über 400 Meter vorher noch nie geschafft hatte. "Sie lief mit einer Selbstverständlichkeit und einer Leichtigkeit, es war eine ganz fröhliche Stimmung", sagt ihre Mutter und Trainerin Isabelle Baumann: "Da wurde mir das erste Mal klar, wo die Diskrepanz liegt zwischen 'sehr gut laufen können' und 'unbedingt gewinnen wollen'." Am Tag zuvor hatte Jackie ihre Karriere im Spitzensport beendet.

Die Leichtigkeit und Fröhlichkeit hat Jackie Baumann in ihrem Leben als Hürdenläuferin bei Wettkämpfen immer gesucht; akribisch, aber vergeblich. Am vergangenen Mittwoch fiel ihr Entschluss, sich mit 24 Jahren aus dem Leistungssport zu verabschieden, trotz aller Fakten, die sie derzeit als beste deutsche Hürdenläuferin ausweisen: Erst im Juli hatte sie ihre persönliche Bestzeit auf 55,53 Sekunden gedrückt, damit wäre sie am vergangenen Wochenende zum dritten Mal deutsche Meisterin geworden, seit zehn Jahren war in Deutschland niemand schneller. Und nun, Karriereende? Was wie die Geschichte einer großen Verzweiflung klingt, ist tatsächlich die einer wichtigen Erkenntnis. Und es ist die Geschichte einer Befreiung.

Baumann hat sich in Wettkampfsituationen nie wohl gefühlt, "der mentale Stress hat mich immer unter Druck gesetzt, auch mit gesundheitlichen Folgen, zum Beispiel Schlafstörungen", begründete sie ihren Entschluss, den Profisport aufzugeben. Standen größere Rennen an, zog sie sich schon Tage vorher in sich zurück, verlor Energie an die eigenen Zweifel und Ängste. Als beste Europäerin reiste sie 2017 zur U23-EM in Tallin. "Wir waren fünf Tage da, und ich merkte jeden Tag, dass ein bisschen weniger von dieser großen Athletin vor mir stand", sagt Isabelle Baumann.

Ihre Tochter, Olympia-Teilnehmerin von 2016, wollte ihre Probleme bewältigen, arbeitete mit Psychologen. Die Gespräche halfen, doch die lähmenden Gefühle vor den Wettkämpfen verschwanden nicht. Es musste also noch tiefer nach Ursachen geforscht werden, die Fragen wurden grundsätzlicher: Was ist eigentlich die Motivation, ihren Sport zu betreiben? Und Jackie Baumann merkte, dass sie gar nicht um Medaillen kämpfen will. "Ihr hat das gereicht, für sich selbst eine hohe körperliche Form und Präzision zu erarbeiten", glaubt ihre Mutter, "sich im Wettkampf zu präsentieren, war im Grunde ihres Herzens nie ihre wirkliche Intention." Was man eben erst mal herausfinden muss, wenn man in eine Familie von Leistungssportlern geboren wird. Und dann auch noch so viel Talent hat, dass Medaillen erreichbar wären.

"Als hätte sie einen ganz großen Rucksack abgelegt"

Als Tochter von 5000-Meter-Olympiasieger Dieter Baumann waren die Augen immer auch auf sie gerichtet. "Ich muss davon ausgehen, dass unsere Kinder nicht nur Vorteile haben davon", sagt Isabelle Baumann, beim Olympiasieg 1992 schon Trainerin ihres späteren Mannes; aber sie glaubt nicht, dass der prominente Name ihre Probleme mit den Wettkämpfen verstärkt hat. "Ich hatte nie das Gefühl, dass das Umfeld Druck auf mich ausübt", sagte Jackie Baumann dem Deutschlandfunk, "ich glaube, für Spitzensport braucht es mehr, als nur körperliches Talent und körperliche Fähigkeiten." Der Körper macht den Athleten, der Kopf den Gewinner. Die Liebe zum Sport trägt sie nun auch weiterhin in sich, "sie hat sofort zu mir gesagt: Mutter, ich bin dann montags, mittwochs, samstags immer im Training, das weißt du ja", sagt Isabelle Baumann. Nur eben zum Spaß, nicht mehr mit dem Ziel, das eh nie wirklich ihres war: Medaillen zu gewinnen.

Die positiven Folgen ihres Entschlusses waren nicht nur beim perfekten Trainingslauf sofort ersichtlich. Jackie Baumann hat neue Pläne geschmiedet für ihr Lehramtsstudium, sie war laufen, stundenlang Beachvolleyball spielen. "Da ist sofort Energie entstanden und das war für mich auch ein Zeichen, dass die Entscheidung richtig ist", sagt Isabelle Baumann, "als hätte sie einen ganz großen Rucksack abgelegt." Nun ist da Energie, die in andere Bahnen fließen kann. In welche, die sie selber für sich entdeckt hat.

© SZ vom 11.08.2020/ska
Leichtathletik - DM

Leichtathletik
:Zu schnell, um Fußball zu spielen

Deniz Almas belebt mit einer Zeit von 10,09 Sekunden den deutschen Sprint und prophezeit seiner Generation "eine goldene Zukunft". Beflügelt hat ihn ausgerechnet der Teamgedanke.

Von Johannes Knuth

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite