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Italien:Zu gut gespielt!

Die Squadra Azzurra schimpft vor dem Achtelfinale gegen Spanien auf die Turnier-Organisation. Ausgerechnet die Dauer-Weltmeister in Strategiefragen haben sich verrechnet.

Von Birgit Schönau, Rom

Die schon wieder. "Francia o Spagna, basta che si mangia", sagt der Volksmund in Neapel: "Frankreich oder Spanien, Hauptsache, es gibt was zu essen." Die von den Griechen gegründete Metropole des italienischen Südens war im Laufe der Jahrhunderte von Franzosen und Spaniern beherrscht worden, daher die Volksweisheit. Franzosen, Spanier, ganz egal. Hauptsache, essen. Hauptsache, weiterkommen, heißt es jetzt für die Azzurri. Und das Achtelfinale gegen Spanien am Montag überstehen.

Die schon wieder. Zuletzt hatte man sich in einem großen Turnier vor vier Jahren bei der EM getroffen, im Finale von Kiew. Italien, das Deutschland im Halbfinale 2:1 besiegt hatte, erlitt die höchste Finalniederlage der Geschichte. 4:0 siegten die Spanier - und das, obwohl sie in den letzten Minuten den Schongang eingelegt hatten und Iker Casillas den Referee bat, auf die Uhr zu sehen: Abpfeifen, bitte, reicht jetzt.

Spanien hatte nach der WM 2010 auch den EM-Titel geholt, also das vollbracht, was Deutschland heute anstrebt. Und Italien war bedient. Bereits 2008 war die Squadra Azzurra bei der EM in Österreich und der Schweiz von der "Roja" aus dem Wettbewerb gepustet worden, damals im Viertelfinale, per Elfmeterschießen. Die Wachablösung war damit eingeleitet. Italien, Weltmeister 2006, trudelte dem Niedergang entgegen. Spanien wurde Europameister, 2010 Weltmeister und verteidigte 2012 den Europa-Titel. Erst zwei Jahre später, bei der WM in Brasilien, waren beide Südländer im Unglück vereint: Aus nach der Vorrunde, große Schmach inklusive.

Ausgerechnet die Juve-Abwehr muss nun den Teamkollegen Alvaro Morata stoppen

Die vorerst letzte Begegnung, ein Freundschaftsspiel im März in Udine, endete 1:1. Spanien dominiert weiter den europäischen Klub-Fußball, die lange Ära der Nationalmannschaft schien vorbei zu sein, doch die Niederlage gegen Kroatien ist eine Sensation. Und Italien? Hat nie eine Ära dominiert, befindet sich aber seit zehn Jahren in einer Dauerkrise. In den Klubwettbewerben spielen die Italiener unter ferner liefen. Inter Mailand gewann zwar 2010 die Champions League, aber das war ein klassischer Ausreißer. Juventus Turin unterlag 2015 im Finale dem FC Barcelona, das war schon weniger zufällig. Juve ist durchaus wieder konkurrenzfähig, als einziger italienischer Klub.

Und Juve stellt jene äußerst solide BBC-Abwehr, die zum Auftakt Italiens Garant bei der EM war: Bonucci, Barzagli, Chiellini, im Tor das dritte B wie Buffon. Sie treffen nun auf ihren bisherigen Teamgefährten Álvaro Morata, der in diesem Sommer zu Real Madrid zurückkehrt. Wenn einer Morata berechnen kann, dann die Defensive der Azzurri, wenigstens theoretisch. Denn praktisch haben sich ausgerechnet die Italiener, diese Dauer-Weltmeister der großen Strategie, diesmal ordentlich verrechnet. Zu gut gespielt! Gruppenerster bereits vor dem letzten Vorrundenspiel! Das muss man sich mal vorstellen. Nahezu irrelevant war deshalb die 0:1-Niederlage am Mittwochabend in Lille gegen die kampfstarken Iren.

"Italien spielt diesmal sehr wie Italien, und das könnte gefährlich werden."

"Vielleicht ist es besser so", tröstete zwar La Repubblica und stellte die These auf, die Kroaten seien eigentlich viel gefährlicher: "Eine Überraschungsmannschaft voller Talente." Während die Spanier . . . nun, man kennt sich halt. Die Gazzetta hingegen nutzt die Gelegenheit, um die "schlechte Organisation dieses Turniers" zu beklagen, welche die großen Mannschaften vorzeitig aufeinander hetze. "So ist das Hindernis schon im Achtelfinale groß, um nicht zu sagen: enorm." Besonders empörend: "Morata ist in Top-Form, und wir Italiener haben ihn dahin gebracht."

Man muss halt immer aufpassen, welche Leute man sich ins Haus holt. Aber auch die Spanier scheinen sich Sorgen zu machen, ein bisschen wenigstens. "Italien spielt diesmal sehr wie Italien, und das könnte gefährlich werden", äußerte Gerard Piqué: "Die stehen hinten hervorragend und können damit auch sehr gute Gegner schlagen." Belgien zum Beispiel 2:0. Für den nicht gar so guten Gegner Schweden (1:0) mühten sich die Azzurri schon mehr.

Immerhin startet Italien als Außenseiter gegen den Titelverteidiger, das ist schon mal viel besser als umgekehrt. Italien wird jedenfalls sehr wie Italien spielen, soviel steht fest. Jetzt muss Trainer Conte nur noch erreichen, dass Spanien nicht so sehr wie Spanien spielt. Wenn das klappt, könnten die Italiener eigentlich auch die Franzosen schlucken.

© SZ vom 23.06.2016

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