Italien in den Playoffs zur WM:Der Europameister entehrt sich selbst

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Nordirland - Italien

Ups, gibt's das wirklich? Italiens Trainer Mancini kann es kaum glauben, dass man nun in die Playoffs zur WM muss.

(Foto: Liam Mcburney/dpa)

Die Azzurri enttäuschen beim 0:0 in Belfast auch ihre feurigsten Anhänger mit einer ohnmächtigen, teilweise überheblichen Darbietung. Jetzt droht die große Zitterpartie, um es nach Katar zu schaffen.

Von Oliver Meiler, Rom

Als es endlich vorbei war und die Lichter ausgingen im Windsor Park von Belfast, da trat Roberto Mancini vor die Medien und führte wieder seine beste Nummer auf - die Kunstform des Gottvertrauens wider alle irdische Evidenz. "Wir fahren zur Weltmeisterschaft in Katar", sagte er, "aber eben über die Playoffs. Und vielleicht gewinnen wir sie dann auch." Gemeint war die WM. Ein Mix aus Trotz und Selbstmotivation. Das muss man auch einmal schaffen, Minuten nach der größten Enttäuschung, die ihm seit seiner Berufung zum Commissario tecnico vor drei Jahren widerfahren ist: 0:0 gegen Nordirland und dabei näher an der Niederlage als am Sieg.

Ganz zu schweigen vom hohen Sieg, wie er nötig gewesen wäre, je länger der Abend dauerte. Die Schweiz, punktgleich und mit minimal schlechterer Tordifferenz ins Fernduell der Gruppe C gestartet, schoss gegen Bulgarien in Luzern Tor um Tor. 1:0, 2:0, 3:0, 4:0. Auf Rai Uno, dem ersten italienischen Staatssender, reichten die Kommentatoren die Treffer der Schweizer immer mit drei, vier Minuten Verspätung nach. Sie wollten wohl die Fans schützen. "Was für ein Albtraum", titelt jetzt die Gazzetta dello Sport.

Der Europameister muss in die Zusatzrunde, um nach Katar zu fahren

Der Europameister muss also in die Playoffs, auf Italienisch: spareggio. Spätestens seit 2017, als man gegen Schweden in der Relegation für die WM in Russland scheiterte, ist es ein Trigger-Wort für Angst geworden. Die Azzurri, finden wenigstens die italienischen Zeitungen in einem selten harmonischen Chor, haben sich dieses riskante und auch etwas entehrende Zusatzexamen im März tatsächlich verdient.

Nichts war mehr da von dem, was diese Mannschaft im Sommer, vor weniger als fünf Monaten, auf das Dach Europas trug: dieser ansteckende Spielspaß, die Geschlossenheit in den Reihen, der weltmeisterliche Kollektivsinn einer technisch eher mittelmäßigen Mannschaft, dieser unbedingte und irgendwie unitalienische Drang zum Tor, diese Dosis gesunder Tollheit. In jeder freien Minute sang man fröhliche Lieder. Alles verschwunden, die ganze Leichtigkeit. Verpufft wie eine Momentaufnahme.

Alle Schwächen Italiens offenbaren sich in Belfast

Im Windsor Park offenbarten sich alle Schwächen dieses Teams so deutlich, dass es fast wie eine Karikatur wirkte. Klar, die Nordiren stellten sich hinten rein, eine Fünferreihe vor dem Torhüter, eine Dreierreihe gleich davor - dicht und massiert auf 20 Metern, volle Platzbreite. So war das zu erwarten gewesen, und genauso kam es dann auch. Doch der Sturm einer Big five, wie die Italiener sich sehen, also eine der fünf besten Nationalmannschaften der Welt, sollte da schon einen Weg durch die Mauer finden. Man fand aber keinen. Eine Zeitung schreibt: "Es war, als wollten wir zur Stoßzeit zum Kolosseum, blieben aber auf der Ringstraße stecken."

Italien hat eben gerade keinen Mittelstürmer auf Weltniveau, seit geraumer Zeit schon nicht mehr. Und selbst wenn der jetzt verletzte Ciro Immobile von Lazio Rom bei Kräften war, war es doch oft so, als spielten die Azzurri ohne Neuner. Dreizehn Mittelstürmer hat Mancini schon ausprobiert, keiner überzeugte ihn. Nun denkt man über Lorenzo Lucca nach, der ist erst 21 Jahre alt, 2,01 Meter groß und spielt für Pisa in der Serie B, Italiens zweiter Liga.

Auch das Mittelfeld hinterlässt einen orientierungslosen, beinahe ohnmächtigen Eindruck. Jorginho verlor sich nun offenbar ganz, nachdem er drei Elfmeter in Folge verschossen hatte, davon zwei entscheidende gegen die Schweiz. Der Trainer wechselte ihn früh aus, was noch nie vorgekommen war: Jorginho war immer der Kommandeur gewesen, alle hörten auf seine Anweisungen. Ohne Marco Verratti, den Dauerverletzten, gebricht es dem italienischen Spiel ganz dramatisch an gescheiten Ideen.

"Harvard der Abwehr"? Ohne Chiellini ist Bonucci weniger als die Hälfte

Die Abwehr? José Mourinho sagte einmal, Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci, das Veteranen-Duo in der zentralen Verteidigung, seien "das Harvard der Abwehr": höchste Schule, Professoren ihrer Rollen, mittlerweile je 114 Länderspiele. Doch wenn einer von beiden fehlt, was mit fortschreitendem Alter nun mal dazugehört, bleibt weniger als die Hälfte übrig, dann ist die italienische Verteidigung höchstens eine Provinz-Uni. Chiellini, 37, war in den letzten Spielen nicht dabei, da öffneten sich enorme Löcher in der Hintermannschaft. Die Nordiren hatten tatsächlich die besseren Torchancen als die Italiener. Am Ende waren sie enttäuscht, dass sie den Europameister nicht schlagen konnten, einfach so, fürs Prestige, und für eine noch beschwingtere Runde später im Pub.

Sogar der Torwart der Italiener, Gianluigi Donnarumma, der beste Spieler der EM, hat ein Problem, das offenbar so groß ist, dass es sein sonst recht üppiges Selbstvertrauen anfrisst. Vor ein paar Tagen erzählte "Gigio", die Rivalität, die er seinem Verein PSG erlebe, störe ihn schon sehr. Dort spielt die zweite Nummer 1, Keylor Navas aus Costa Rica, deutlich öfter als Donnarumma, was nicht unwesentlich daran zu liegen scheint, dass er auf die mächtige Lobby der anderen Lateinamerikaner im Team zählen kann: etwa von Neymar, Lionel Messi und Ángel Di María. Kurz vor Schluss im Spiel gegen Nordirland stürmte Donnarumma recht unbeholfen aus seinem Strafraum, um eine Offensivaktion der Gegner zu unterbinden, unterlief den Ball und stand dann weit weg von seinem leeren Tor. Bonucci klärte auf der Linie.

Das Versagen, es erfasste die ganze Mannschaft. Auf Rai Uno, wo sie normalerweise vor lauter Elogen und Ergebenheit gegenüber den Azzurri die Klarsicht etwas verlieren, hieß es nun, das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten sei weg, wie weggewischt. "Die Körpersprache verrät es, in den letzten Minuten haben sie nicht einmal versucht, das Spiel zu gewinnen."

Und das ist natürlich besonders ärgerlich, eine Spur respektlos. Der große alte Fußballlehrer Arrigo Sacchi sagt es so: "Wir sind geschafft und auch ein bisschen überheblich." Ungefähr das Gegenteil von dem, was sie im Sommer waren. Man fragt sich in Italien nun sogar, ob dieser Europameistertitel vielleicht am Ende nur einer besonders guten Sternkonstellation zu verdanken war. Einem zufälligen Zauber.

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