Italien Von Juventus erzogen

Seine technische Finesse erinnert an den jungen Mario Balotelli – Moise Kean von Juventus Turin, der in Italiens Squadra überzeugt.

(Foto: Marco Luzzani/Getty Images)

Ein 36-Jähriger und ein 19-Jähriger prägen das 6:0 gegen Liechtenstein: Fabio Quagliarella stellt einen Rekord auf, Moise Kean setzt Akzente gegen den Rassismus.

Von Birgit Schönau, Rom

Na also, es läuft. 2:0 gegen Finnland, 6:0 gegen Liechtenstein, macht acht Tore in vier Tagen, so viele wie in der gesamten vorhergehenden Amtszeit von Nationaltrainer Roberto Mancini, der im Mai 2018 zur Wiederbelebung der Squadra Azzurra angetreten war. Zehn Monate später kann Mancini melden, dass der Patient nicht nur genesen ist, sondern vor lauter Vitalität Luftsprünge macht. Sicher, man muss abwarten, wie Italien gegen Gegner antritt, die mehr draufhaben als Finnland oder Liechtenstein. Die Vasallen des Zwergfürstentums verzichteten zum Beispiel am Dienstag in Parma freundlicherweise vollkommen auf Gegenwehr, sie hissten, nachdem sie dem 168 Zentimeter großen Stefano Sensi (US Sassuolo) eine einmalige Gelegenheit für einen Kopfballtreffer gewährt hatten, gleich die weiße Fahne.

Nach Sensis Führungstreffer in der 17. Minute entwickelte sich für die Italiener ein heiteres Trainingsmatch, in dem der zuvor sechs Jahre lang torlose Marco Verratti (Paris St. Germain) ebenso treffen durfte wie der seit gut acht Jahren torlose Sampdoria-Kapitän Fabio Quagliarella, der bis zur Pause innerhalb von 13 Minuten zwei Elfmeter verwandelte. Beide Strafstöße wurden fällig, weil die Liechtensteiner zur Ballabwehr stur die Hände einsetzten, vielleicht aus Verzweiflung, möglicherweise auch aus Gewohnheit. Beim zweiten Mal kassierte Verteidiger Daniel Kaufmann einen Platzverweis, weswegen die Amateurtruppe in Unterzahl weitermachen musste. Italien ließ es mit zwei weiteren Treffern gut sein - von Moise Kean (Juventus) und Leonardo Pavoletti (Cagliari).

Das 6:0 (4:0) könnte man als Pflichtübung abtun, tatsächlich handelt es sich aber um den höchsten Sieg der Azzurri seit 1962. Die Italiener sind nicht dafür bekannt, sich an der Demütigung hoffnungslos unterlegener Gegner zu delektieren - anders als die Deutschen, deren 13:0 gegen San Marino anno 2006 bis heute als abschreckendes Beispiel fürs Schießen auf das Rote Kreuz gilt. Grundsätzlich wird jeder Gegner ernst genommen, grundsätzlich verausgabt man sich nicht, und in den vergangenen Jahren hatte man sowieso vor jedem Angst. Übrigens zu Recht.

Neu ist, dass Mancini selbst einen Torreigen gefordert hatte, verbunden mit schönem Spiel. Beides wurde prompt geliefert von einer Mannschaft, die ihren Fußball zelebriert, anstatt jedes Match zu durchleiden wie die Azzurri von Mancinis unsäglichem Vorgänger Giampiero Ventura, mit dem das Kunststück gelang, die WM 2018 in Russland zu verpassen.

Die frustrierte Grundhaltung der Squadra ist einer neuen Beschwingtheit gewichen

Diese Squadra hat Struktur und Selbstbewusstsein, sie hat aber auch Temperament, und weil sie in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2020 in der Gruppe J keine größeren Kaliber bewältigen muss als Griechenland, Bosnien oder Armenien, wird sie das alles wohl auch bei den nächsten Gelegenheiten schön entfalten können. Die Erleichterung darüber ist allen anzumerken, die frustrierte Grundhaltung der Vergangenheit einer neuen Beschwingtheit gewichen. Der Teamgeist scheint auch zu stimmen, wenn man jene Selbstverständlichkeit sieht, mit der die eigentlich gesetzten Elfmeterschützen Jorginho (FC Chelsea) und Leonardo Bonucci (Juventus Turin) ihrem Kollegen Quagliarella gleich zwei Mal den Ball überließen, damit der Rückkehrer seine persönliche Statistik gewaltig aufbessern konnte. Mit 36 Jahren und 54 Tagen ist der Neapolitaner der älteste Torschütze im azurblauen Trikot der Nationalmannschaft. Dass gleichzeitig Moise Kean nach seinem Tor gegen Finnland auch gegen Liechtenstein wieder traf, zeigt die Integrationskraft von Mancinis Aufbauarbeit.

Der 19-jährige Kean ist der erste italienische Torschütze, der auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend geboren wurde. Sein Feuer und seine technische Finesse erinnern an den jungen Mario Balotelli. Noch etwas verbindet die beiden: Moise Kean ist derzeit der einzige schwarze Italiener im Team, seine Eltern stammen von der Elfenbeinküste. Was im Jahre 2019 eigentlich kein Thema mehr sein dürfte, es aber in einem Land ist, das von der rechtsextremen Lega regiert wird. Tatsächlich hatte Moise Kean sein Tor noch nicht geschossen, da gratulierte Lega-Führer und Vizepremier Matteo Salvini schon per Twitter - seinem Vater. "Danke, Signor Kean, für Ihre Worte des gesunden Menschenverstandes. Genau unser Weg. Küsschen." Kean Senior war in einer Sendung des staatlichen Hörfunkprogramms Radio1 interviewt worden und hatte unter anderem erklärt, man müsse die Einwanderung nach Italien stoppen und den Afrikanern lieber "zu Hause" helfen: "Mir gefällt die Politik von Salvini."

Der Vater des Juventus-Profis sagte außerdem, die Juve schulde ihm "noch zwei Traktoren" und kostenlosen Eintritt ins Stadion: "Aber die lassen mich nicht mehr rein." Womöglich aus guten Gründen. Kean Senior hat die Familie vor sehr vielen Jahren verlassen und kaum noch Kontakt zu seinem Sohn. Moise sei, so die Mutter des jungen Spielers, "in jeder Hinsicht von Juventus erzogen" worden, in deren Jugendmannschaft er schon mit zehn Jahren berufen wurde.

Tatsächlich äußerte sich auch Moise Kean selbst zur Einwanderungspolitik, und was er sagte, dürfte dem Rechtsaußen Salvini überhaupt nicht gefallen haben: "Es tut mir leid, dass immer noch Unterschiede gemacht werden. Wer in diesem Land geboren wird und aufwächst, ist Italiener." Dafür gab es kein Küsschen von Salvini.

Die Lega führt gerade einen regelrechten Kreuzzug gegen das Recht auf Staatsbürgerschaft für in Italien geborene Zuwandererkinder. Ein italienischer Pass sei "keine Eintrittskarte für einen Vergnügungspark" twittert ihr Anführer mehrmals täglich. In einem derart aufgeheizten Binnenklima ist es klar, dass Moise Kean als erfolgreichster italienischer Fußballprofi seiner Generation zur Symbolfigur werden muss. Sich davon nicht beeindrucken zu lassen, ist eine weitaus größere Herausforderung als das nächste Tor für die Squadra Azzurra.