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Italien - Serbien: Terror in Genua:Hooligans: Nützliche Idioten

Am Mittwoch, als in Genua schon die ersten Haftstrafen erlassen wurden und aus Belgrad offizielle Entschuldigungen eingingen, gab es in Italien nur eine Frage: Wie konnte das geschehen? Man sei nicht vorgewarnt worden, beteuerte die italienische Polizei. Die serbischen Kollegen hatten zunächst behauptet, ein Fax mit Informationen geschickt zu haben, wollten darauf aber später lieber nicht mehr bestehen. Tatsächlich hatten der serbische Fußballverband den Gastgebern gegenüber kein Wort über seinen problematischen Anhang verloren.

Dabei waren die Kurvenrowdys bereits am Freitag bei der 1:3-Heimniederlage der Serben gegen Estland aufgefallen, bevor sie sich am Sonntag an der Straßenschlacht am Rande einer Schwulen-Parade in Belgrad beteiligten. Sprecher der serbischen Regierung vermuteten ganz offen politische Motive als Grund für die Ausschreitungen in Genua - mit den Krawallen solle die Annäherung Serbiens an die EU sabotiert werden. Rechte Kräfte wollen die Öffnung des Westbalkans mit allen Mitteln verhindern und sie bedienen sich der Hooligans, um ein Klima politischer Destabilisierung zu schaffen und vorgezogene Neuwahlen zu erzwingen.

An dem schmutzigen Spiel sind Kriegstreiber, Faschisten und Mafiosi beteiligt, die Kurvenschläger sind ihnen nützliche Idioten. "Das ist eine Attacke gegen den Staat, und die Drahtzieher sitzen in Belgrad", sagte der Fußballverbandspräsident Tomislav Karadzic - leider erst, nachdem vor dem entsetzten italienischen Publikum eine albanische Flagge verbrannt worden war.

In Genua hatten sich offenbar Anhänger der Lokalrivalen Stella Rossa und Partizan Belgrad vereint, unterstützt von rechten Gruppen aus Novi Sad. Der Held dieser jungen Männer ist der tote Kriegsverbrecher Zeljko Raznatovic, genannt Arkan. Auch in Italien ist Arkan kein Unbekannter, seit Ultras von Lazio Rom für den damaligen Lazio-Spieler Sinisa Mihajlovic das berüchtigte Spruchband entrollten: "Ehre dem Tiger Arkan." Das ist zehn Jahre her, inzwischen trainiert Mihajlovic den AC Florenz und über seinen toten Freund Raznatovic spricht er nicht mehr. Am Dienstag saß Mihajlovic in Genua auf der Tribüne, als die ersten Leuchtraketen gezündet wurden, verließ er wortlos das Stadion.

"Er zitterte wie Espenlaub"

Da hatte Serbiens Torwart Vladimir Stojkovic schon Zuflucht in der italienischen Kabine gesucht. "Er zitterte wie Espenlaub", berichtete später Italiens erschütterter Nationaltrainer Cesare Prandelli. Stojkovic war gegen Italien vorsorglich nicht aufgestellt worden, nachdem er bereits beim 1:3 gegen Estland zur Zielscheibe der serbischen Hooligans geworden war. Wussten also die Spieler, was sie in Genua erwartete?

Angeblich zur "Beruhigung" der Randalierer stellten sich Kapitän Dejan Stankovic und andere unter die Kurve und entboten mit drei Fingern den umstrittenen "serbischen Gruß". Gott, Zar, Vaterland - oder Serbien, Montenegro, Bosnien? Nicht doch, beschwichtigte Italiens Verteidigungsminister Ignazio La Russa. "Die wollten ihren Leuten sagen: hört auf, sonst verlieren wir 0:3."

Italiens Sieg wird die Europäische Fußball-Union Uefa am 28. Oktober, nach dem Ermittlungsverfahren, wohl beschließen. Weitere Sanktionen können bis zum Ausschluss der Serben aus dem Wettbewerb reichen (aber auch den Italienern droht eine Platzsperre). Aber all das wird die Gewalttäter aus Belgrad ungefähr so beeindrucken wie vor dem Spiel, das sie zerstörten, die Schweigeminute für vier in Afghanistan gefallene Italiener: Null.

© SZ vom 14.10.2010
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