Fußballverfahren in Italien:"Ich hasse Juventus"

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Serie A: Fans von Juventus Turin

Die Fans von Juventus sind in Aufruhr, sie hielten schon den Abzug von 15 Punkten, die der Fußballverband ihrem Verein wegen der Tricks auf dem Transfermarkt auferlegt hatte, für eine Ungerechtigkeit.

(Foto: Massimo Pinca/Reuters)

Ein Staatsanwalt, der gegen den Turiner Skandalklub ermittelt, äußert sich feindschaftlich gegen den Verein. Das Video ist alt, geht viral und befeuert die Theorien der Fans. Zu Recht?

Von Oliver Meiler, Rom

Ein altes Video wächst sich in Italien gerade zur hellen Aufregung aus, vor allem unter Anhängern von Juventus Turin. Man sieht darauf den Turiner Staatsanwalt Ciro Santoriello, einen von drei Ermittlern im Fall "Prisma" gegen Juve. 2019, eine Konferenz in Rom - er spricht zu Juristen. Es geht dabei um sein Spezialgebiet: Santoriello ist ein Experte für Unternehmensrecht, Bilanzfälschung, betrügerischen Bankrott. 2016 beschäftigte er sich schon einmal mit der Geschäftskultur von Juventus. In seiner Ansprache unterbricht sich Santoriello plötzlich selbst und sagt: "Okay, ich bin ein Superfan von Napoli, und ich hasse Juventus." Gelächter im Saal. Jemand fragt: "Was wiegt schwerer?" Santoriello: "Beides wiegt gleich schwer: Als Fan ist mir Napoli wichtig, als Staatsanwalt bin ich Anti-Juventino, also gegen die Diebe auf dem Feld." Dann fügte er noch einen Beisatz an, aber dazu später.

Die Juventini sind in Aufruhr. Sie hielten schon den Abzug von 15 Punkten, die der Fußballverband ihrem Verein wegen der Tricks auf dem Transfermarkt auferlegt hatte, für eine Ungerechtigkeit. Nun soll bald der Strafprozess beginnen: mutmaßliche Bilanzfälschung, Ausstellung falscher Rechnungen, Täuschung der Börsenaufsicht. Die Ermittlungsakte dazu stellen Santoriello und seine zwei Kollegen zusammen. Das Video ging deshalb schnell viral. Wie, sagen die Fans, soll so ein gerechter Prozess möglich sein?

Der Verein selbst gibt sich etwas zurückhaltender. Man fordere Respekt ein, heißt es, und zwar im gesamten Justizverfahren. Die Videosequenz mit dem Staatsanwalt sei aus dem Kontext gerissen, räumt Francesco Calvo ein, ein Führungsmitglied von Juventus Turin. Dasselbe müsse aber auch gelten, wenn man die abgehörten Telefonate interpretiere, die als Beweis für das System der künstlich überteuerten Transfers dienen. Calvo deutet da wahrscheinlich die Strategie an, mit der sich Juventus Turin zu verteidigen gedenkt. Offenbar überlegen sich Juves Anwälte auch, ob sie eine Verlegung des Verfahrens von Turin nach Mailand oder Rom fordern wollen. Damit gewänne man etwas Zeit. Aber ob das am Ende etwas ändern würde?

Wie genau deutet man das Wort Hass?

Ciro Santoriello lässt ausrichten, er sei "sereno", also gelassen. Als Staatsanwalt kann er ja auch nicht vom Verfahren ausgeschlossen werden, wie das bei einem Richter möglich wäre - außer natürlich, er kommt selbst zum Schluss, dass er allzu befangen ist und deshalb die Akte freiwillig abgibt. Sehr wahrscheinlich ist das nicht, und hier zum Beisatz aus dem Video: "Es kam schon vor," sagte Santoriello, "dass ich Ermittlungen (gegen Juventus; Anm. d. Red.) ad acta legen musste." Weil, nun ja, die Indizien 2016 nicht stark genug waren für einen Prozess.

Von Ciro Santoriello aus Latina, einer Stadt zwischen Rom und Neapel, heißt es, er sei ein hoch gebildeter, ausgeglichener Magistrat, der Recht nie mit Fußball vertauscht habe. Ironiker sei er auch, immer habe er einen geistreichen Spruch auf der Zunge. Dass er öffentlich sagt, er hasse Juve, ist gerade in seinem Fall natürlich hochgradig unangebracht. Aber so reden in Italien alle, wenn sie über Fußball reden, auch Politiker. "Das ist unsere Volkskultur", sagt dazu Giuseppe Santalucia, Präsident der Vereinigung der Untersuchungsrichter im Land. "Wenn wir über Calcio reden, tolerieren wir verbale Exzesse und Tonfälle, die wir auf anderen Gebieten nicht akzeptieren würden." Hass sei ein Wort aus dem Slang des Fußballs, sagte er noch, als Fan wisse man ja, dass damit nicht echter Hass gemeint sei. Und damit wieder zu den Akten.

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