Der Blick des Gennaro Gattuso, er war an diesem verrückten Abend der gleiche wie zuvor in seiner Karriere. Ein wilder, furchteinflößender, bisweilen grimmiger Gesichtsausdruck ist einst sein Markenzeichen als Spieler gewesen, dem es in keiner Sekunde seiner Karriere an Intensität mangelte. Wer nun aber Milde erwartete beim 47 Jahre alten Gattuso, angekommen im ehrwürdigen Amt des italienischen Nationaltrainers, der musste am Montagabend nur an die Seitenlinie blicken, um zu sehen: Der Wahnsinn in den Augen ist Gattuso erhalten geblieben. Ganz unabhängig davon, was auf dem Feld passierte.
Ein schier unglaubliches Auf und Ab ergab sich vor den Trainerbänken, ein Spiel „da morire“, „zum Sterben“, sei es gewesen für ihn als Trainer, sagte Gattuso später. 5:4 für Italien stand es nach 90 Minuten und Nachspielzeit gegen Israel in Debrecen in Ungarn, wo Israel wegen des Krieges seine Heimspiele austrägt. Eine große Fußballnation rettete mal wieder gerade so ihre Ehre – und erhielt sich die Chance, an der Weltmeisterschaft 2026 teilzunehmen.

WM-Qualifikation:Wie soll der Fußball mit Israel umgehen?
Boykott? Suspendierung? Oder wäre es falsch, Athleten für die Politik der Regierung in Mithaftung zu nehmen? Der internationale Sport ringt um eine Haltung. Norwegen, Israels Gegner in der Fußball-WM-Qualifikation, hat eine Kompromissidee.
Zweimal gerieten die Italiener gegen mutige, kreative Israelis in Rückstand, zwei Eigentore erzielten sie, ließen nach einer 4:2-Führung zehn Minuten vor Schluss noch einmal den Ausgleich zu und gewannen erst in der 90. Minute durch ein Tor von Sandro Tonali. Man konnte sich den Wahnsinn auf dem Spielfeld ansehen – oder ihn sich in aller Kürze von Gattuso zusammenfassen lassen. Neunmal wurde er eingeblendet im Verlauf des Abends, neunmal war derselbe Gesichtsausdruck irgendwo zwischen Entsetzen und trotziger Begeisterung zu sehen. „Das war ein Albtraum“, sagte die Milan-Legende: „Das war mit Sicherheit das verrückteste Spiel, das ich jemals als Trainer an der Seitenlinie miterlebt habe. Es war furchtbar. Aber wir haben uns zurückgekämpft.“
Für die Italiener geht es nach dem katastrophalen Auftakt im Juni gegen Norwegen schon um alles
Man konnte nach den ersten zwei Auftritten unter ihrem neuen Nationaltrainer durchaus ein positives Fazit ziehen. Gegen Estland (5:0, am vergangenen Donnerstag) und nun Israel hatte Italien insgesamt zehn Tore erzielt, was zumindest dafür spricht, dass einer der entscheidenden Mängel des Vorgängers Luciano Spalletti behoben wurde. Dessen enttäuschende EM-Bilanz im vergangenen Jahr etwa (drei Tore in vier Spielen) kam allen voran durch zu wenige Offensivszenen zustande, der Fußballstil der Squadra Azzurra löste – freundlich formuliert – nur sehr wenig Begeisterung im Land aus.
Dass Gattuso indessen in Windeseile einen Weg fand, die Stürmer Moise Kean (drei Tore in zwei Spielen) und Mateo Retegui (zwei Tore, vier Vorlagen) gemeinsam zur Bestform zu bringen, führte daher zu schneller Euphorie. „Gattuso gibt uns Italien zurück“, schrieb die Gazzetta dello Sport schon nach dem ersten Spiel, laut Tonali führe das Wirken des Trainers an der Seitenlinie dazu, dass die Italiener „elf Gattusos auf dem Feld sind“. Was aber manchmal offenbar auch zu Konfusion führen kann.

Gegen Israel nämlich zeigte sich, dass die neu gewonnene offensive Entschlossenheit einen hohen Preis hat. Womöglich nur beim blamablen 0:3 im ersten WM-Qualifikationsspiel gegen Norwegen im Juni, dem letzten Auftritt unter Spalletti, hatte man schon einmal eine so orientierungslose italienische Mannschaft über ein Fußballfeld laufen sehen. Die Dribbelkünste des Außenstürmers Manor Solomon allein reichten teilweise aus, um vier Italiener zu beschäftigen, es war keine Organisation und Disziplin zu erkennen – alle Spieler wirkten zwar energisch, aber planlos. Mit erzwungenen Eigentoren und simplen Freistoßvarianten schaffte es Israel, Italiens Hintermannschaft zu bezwingen – in der auch Torwart Gianluigi Donnarumma sich dem wilden Dasein zwischen Genialität und Wahnsinn hingab und Fehler mit Paraden abwechselte.
„Wir sind zu zerbrechlich“, sagte Gattuso später, als er über die ersten Erkenntnisse sprach, die Schuld jedoch auf sich nahm: „Das ist keine Kritik an den Spielern, das ist mein Problem, das ich mit meinem Stab verbessern muss.“
Nach dem Fiasko unter Spalletti soll Gattuso die Mannschaft emotional vereinen
Darin lag dann auch die finale Lehre dieser ersten Phase unter dem Nationaltrainer Gattuso, der nicht ohne Grund als Gegenmodell angetreten ist. Taktische Brillanz, diszipliniertes Verteidigen, moderne Systeme, all das hatte man sich von Spalletti erwünscht und war doch krachend gescheitert. Gattuso hat daher die Aufgabe mit auf den Weg bekommen, eine Mannschaft emotional zu vereinen und so ein zweifelndes Land wieder für sich zu gewinnen – und bei aller Kritik an den Details ist ihm das vorerst gelungen. Die Squadra, sie sieht in Gattuso dem Vernehmen nach eine schützende Vaterfigur, keinen versessenen Übungsleiter, und womöglich könnte das bereits ausreichen, um in dieser WM-Qualifikation die Ereignisse umzukehren.
Es geht für die Italiener nach dem katastrophalen Auftakt gegen Norwegen schließlich bereits in jedem Spiel um alles oder nichts. Wobei „nichts“ die dritte (!) verpasste WM-Endrunde nacheinander wäre, die Verlängerung einer blamablen Bilanz, die sich durch die Vorrunden-Abschiede 2010 und 2014 ergänzen lässt und zu der erschreckenden Erkenntnis führt, dass Italien seit dem Finale 2006 in Berlin kein WM-K.-o.-Spiel mehr bestritten hat. An derlei Statistiken wird man auch im Oktober und November in der Qualifikationsgruppe I erinnern, in der Norwegen mit einer perfekten Bilanz um drei Punkte enteilt ist und Israel punktgleich mit Italien weiterhin gute Chancen darauf hat, ein Spielverderber zu sein. Etwa beim Rückspiel im Oktober.
Gattusos Position hat sich daher nach dem Auftakt nur unwesentlich verändert, bei allem spürbaren Wohlwollen in der italienischen Öffentlichkeit und dem positiven Echo aus der Mannschaft: Er steht mit seiner Elf bis auf Weiteres mit dem Rücken zur Wand. Es bleibt ihm nur die Hoffnung auf Zusammenhalt und mehr defensive Stabilität. Und natürlich dieser Gesichtsausdruck, den er wohl nie verlieren wird, egal, was auf dem Spielfeld passiert.

