Süddeutsche Zeitung

Italien bei der EM:So geht Euphorie

Im Eröffnungsspiel ist die Sehnsucht Italiens nach Glück deutlich spürbar. Beim 3:0 über die Türkei flackert die Nacht wieder zauberhaft normal - und Trainer Roberto Mancini muss schon Fragen nach dem Finale beantworten.

Von Oliver Meiler, Rom

Natürlich ist es vermessen, einem Fußballspiel nationale Heilkraft zuzuschreiben, grotesk sogar. Doch was ist die Lust nach der Überhöhung groß. "Ridi Italia", titelt die Gazzetta dello Sport nach dem Auftakt der Azzurri: "Lach, Italien!" Nach allem, was war, was noch ist. Drei Tore gegen die Türken, eines davon ein Eigentor - und schon ist das Flimmern wieder da, dieses Flackern zauberhaft normaler Nächte. Homöopathisch normal noch, aber immerhin. "Das ist die Nationalmannschaft eines Landes, das eine verrückte Sehnsucht in sich trägt, endlich wieder glücklich zu sein", hatte der Corriere della Sera vor dem Spiel geschrieben. Alles muss rein in den Fußball, den Calcio, Metapher fürs Leben im Großen und Ganzen. Wieder einmal.

Am Autoradio raus zum Olympiastadion im Norden Roms reden sie ohne Atempause, alles Zappen nutzlos: nur Fußball. Es reden sogar die von Fußball, die sonst nie von Fußball reden, die dann auch noch immer daran erinnern, dass sie nichts von Fußball verstehen. Auf Rai Due zum Beispiel, im Programm "Europei Europei", da geht es dann gleich noch um kambodschanische Häppchen, serviert bei Freunden in Mailand, die sich das Spiel zusammen anschauen. Zusammen? Bei jemandem zu Hause? An den Ampeln wieder der ganze Wahnsinn des römischen Verkehrs, steht man mal eine Weile, kann man die Flüche der Vorbeifahrenden bald von den Lippen ablesen. Der Lungotevere, die Tiberstraße, ist auf weiten Strecken gesperrt, wegen 15 000 Zuschauern.

Dann Olimpico, abgeschirmt von einem Polizeiaufgebot wie für einen G-7-Gipfel, ein Monument in der Leere, ein bisschen Taj Mahal. Die meisten türkischen Fans sprechen Deutsch und sind euphorisch sommerlich gekleidet an diesem höchstens vorsommerlichen Abend, daran erkennt man sie auch, sie werden zur Nordkurve gewiesen, die italienischen Anhänger zur Südkurve. Geht fix, der Einlass ist kadenziert, im Halbstundentakt. Und wer sich bei aller Übersichtlichkeit doch verloren fühlen sollte, den nimmt ein junger Steward bei der Hand. Oder eben eine Stewardess. Der italienische Fußballverband hat so viele von ihnen rekrutiert für die vier Spiele in Rom, dass sie auch mal Spalier stehen. So aufgeräumt war es hier noch nie.

Der Stadionsprecher kann Englisch, aber Italienisch kann er nur sehr leidlich

Andrea Bocelli posaunt "Nessun dorma" in die Nacht, wer denn sonst? In der Pandemie hat der Startenor nicht eben die beste Figur gemacht, ein Seuchenrelativierer war er, nahe am Negationisten, auch noch, als sich seine Familie infiziert hatte. Doch jetzt schraubt er sich hoch zum "Vincerò", fast ohne Tremolo, begleitet von donnerndem Feuerwerk. Eine "americanata", sagen die Italiener zu solchen Feiern, eine amerikanische Show, nicht so ihr Ding. Die Uefa hat auch den Stadionsprecher mitgebracht, der kann Englisch, aber Italienisch kann er nur sehr leidlich. Den Namen des linken Außenverteidigers der Italiener, Leonardo Spinazzola, spricht er gleich drei Mal falsch aus, ohne dass ihn jemand darauf aufmerksam machen würde: Er betont das erste "a" statt des "o" - Spinazzola. Und das ist auch deshalb ein bisschen ärgerlich, weil "Spina", 28 Jahre alt, vielleicht der auffälligste Mann des Abends ist, der Mauerbrecher, der Dorn in der Flanke der massiv rückwärts gestaffelten Türken. Spina ist das italienische Wort für Dorn. Spinazzola spielt im normalen Leben für die AS Roma, und wenn die Welt jenseits Italiens erst jetzt von ihm Notiz nimmt, dann liegt das daran, dass sein Talent sich spät entfaltete. Neulich erzählte er, sein Zahnarzt habe seine Zähne in Ordnung gebracht, seitdem gehe alles leichter, auch das schnelle, freie Laufen. Und was läuft er doch schnell und frei.

Im Auftaktspiel gab Spinazzola den vierten Stürmer neben dem nominellen Angriffstrio aus Lorenzo Insigne, Domenico Berardi und Ciro Immobile. Ja, "Ciro d'Italia", wie eine Zeitung ihn nun mit einem Wortspiel nennt, oft belächelt nach seinen missglückten Wanderjahren in Deutschland und Spanien und seit seiner Rückkehr nach Italien ein ziemlich blühender Torjäger, hat mit einem Treffer und einer Vorlage seine Ambition deponiert. Noch spektakulärer und kraftvoller präsentierte sich Berardi, der Provinzler auf dem rechten Flügel, prägende Figur der Unione Sportiva Sassuolo - so heißt eine Kleinstadt in der Emilia. Ein Mann mit erstaunlichem Spielvolumen, immer im Licht. Jedes Jahr heißt es, Berardi wechsle zu Juventus Turin. Und jedes Jahr bleibt Berardi in Sassuolo.

Mancini wird nachgesagt, er habe ein Kollektiv für die Glorie gebaut

So geht Euphorie, sie labt sich schon am Kleinen. Ob man denn schon vom Finale im Wembley träumen dürfe, fragte ein Reporter in der Medienkonferenz nach dem Spiel den Commissario Tecnico, Roberto Mancini. "Bleiben wir ganz ruhig", sagte der, "bis zum Finale ist noch ein weiter Weg - sechs Spiele." Die Zeitungen verkürzten die Antwort so: "Noch sechs Spiele, dann sind wir im Finale im Wembley." Klingt natürlich besser. Unter Mancini, der vor drei Jahren übernommen hat, ist die Nazionale nun schon seit 28 Spielen ungeschlagen. 30 ist der Allzeitrekord, vorgelegt von Vittorio Pozzo, Trainer von 1935 bis 1939. Eine trübe Zeit, als Diktatoren auch in Europa den Sport für ihre politische Propaganda nutzten. Zwei Mal wurde Italien damals Weltmeister.

Mancini wird nun nachgesagt, er habe ein Kollektiv für die Glorie gebaut, ein feuriges Team ohne Stars und Allüren, aber mit einer Menge Substanz in allen Abteilungen. Mit Namen ohne bekannte Klangfarbe, wenn sogar der Stadionsprecher sie nicht richtig betonen kann, aber die man sich dann vielleicht merken wird. Vielleicht.

Auf dem Heimweg in der leeren Stadt, kurz vor Mitternacht. Beim Stadion stehen Dutzende Busse bereit, um die Zuschauer zurück ins Zentrum zu bringen, das gibt es sonst auch nie. Auf Radio Due, im Programm "Europei Europei", erzählt der zugeschaltete Sportjournalist und Fußballstatistiker Giuseppe Pastore, er habe das Spiel bei Freunden in Mailand geschaut, zu kambodschanischen Häppchen und Bier. 0,3-Liter-Flasche oder 0,6-Liter?, fragen sie ihn. Pastore: "0,6." Er teile sie sich immer schlecht ein, zur Halbzeit sei die Flasche jeweils leer. Muss man das wissen? Natürlich nicht. Die Banalität des Banalen, es schleicht sich leise und wohlig zurück in den Alltag. Und bald darauf beginnt die Ausgangssperre.

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