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VAR-Debatte in Italiens Fußball:Plötzlich ist alles Elfmeter!

Elfer für Juve und wer trifft? Natürlich Cristiano Ronaldo.

(Foto: AFP)

Italien wundert sich über die Hyperinflation von Elfer-Pfiffen in der Serie A: Nirgends in Europa gibt es so oft Strafstoß - Profiteur ist aktuell wieder einmal Juventus Turin.

Von Oliver Meiler, Rom

In der Wirtschaft würde man von einer Inflation sprechen, vielleicht sogar von einer Hyperinflation. Im Jahr eins nach der Einführung der neuen und hoch umstrittenen Regel für Handelfmeter im Fußball ist die Anzahl ebendieser in der höchsten italienischen Meisterschaft, der Serie A, exponentiell gewachsen. Und, was die Sache kulturpolitisch spannend macht, stärker als in allen anderen großen Ligen Europas.

Seitdem die Schiedsrichter nicht mehr nach der Absicht urteilen müssen, die einen Spieler zum unbotmäßigen Berühren des Balls im Strafraum verleitet haben könnte, pfeifen die Herren Referees in Italien mittlerweile fast in jeder Situation Elfmeter, auch in scheinbar absurden. Ein Streifschuss an den Unterarm? Ein leicht angewinkelter Ellbogen? Plötzlich ist alles Penalty. "La mania dei rigori", titelte die Gazzetta dello Sport - ein Wortspiel: Im Wort "mania", Besessenheit, steckt "mani", also Handspiel. Und "rigore" ist das italienische Wort für Elfmeter (und, nebenbei bemerkt, auch für Disziplin).

50 waren es schon in der laufenden Saison, und die ist lange nicht vorbei: Sechs Spieltage stehen noch aus. Italiens Zeitungen zeigen Statistiken aus den fünf großen Fußballligen Europas, um sich einen Reim zu machen. Da sieht man, dass die Serie A führend ist, was die Verhängung der fußballerischen Höchststrafe betrifft: 158 Elfmeter gab es bislang schon. Fast jeder dritte erfolgt wegen Handspiels: 32 Prozent. Vor zehn Jahren hatte diese Quote in Italien bei nur 14 Prozent gelegen.

Zum Vergleich: Die Saison der deutschen Bundesliga schloss mit 73 Strafstößen insgesamt, davon waren 18 Handelfmeter. Die abgebrochene französische Ligue 1? 89 Penaltys, davon 23 wegen Handspiels. In der Premier League wurden bisher 89 gepfiffen, nur 15 nach Handspiel, was nun jene Theoretiker bestärkt, die in der Kulanz britischer Unparteiischer, dem Spielenlassen, eine metakulturelle Konstante wähnen. Nur in Spanien ist die Quote der Handelfmeter ähnlich hoch wie in Italien: 44 von 142, 31 Prozent.

Doch wenn die Italiener so weitermachen, distanzieren sie die Spanier am Ende locker. Dass endlich ernsthaft über das neuartige Phänomen diskutiert wird, ist dem Trainer von Atalanta Bergamo zu verdanken. Nach dem 2:2 seiner Mannschaft in Turin gegen Tabellenführer Juventus sagte Gian Piero Gasperini mit viel Ironie in der Stimme: "Das waren ja wieder mal zwei sonnenklare Elfmeter." Gemeint waren die zwei Strafstöße für Juve, beide wegen Handspiels, beide verwandelt von Cristiano Ronaldo.

Zieht man die neue Regel heran, waren die Entscheide legitim. Der Ball traf in beiden Fällen den Arm oder die Hand eines Spielers von Atalanta. Die Frage ist eher, wie schlau die Regel ist, wie fußballfreundlich, wie konform mit dem Charakter dieses Sports. Und, nicht weniger zentral, wie der Schiedsrichter die Regel auslegt. Es gibt da nämlich immer auch Spielraum für Interpretationen, man könnte auch sagen: für gesunden Menschenverstand. Die Spieler können sich ja schlecht in Luft auflösen.

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