Missbrauch in Islands Fußball:Misstrauen auf allen Seiten

Aron Gunnarsson of Iceland reacts in their Group D match against Argentina during the FIFA World Cup; Aron Einar Gunnarsson

Islands Kapitän Aron Gunnarsson steht aktuell nicht im Kader der Nationalmannschaft.

(Foto: Zhong zhenbin /imago)

Kapitän Gunnarsson wird nicht nominiert, der isländische Nationaltrainer führt "externe Gründe" an, während der Verband mit der Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen kämpft. Das löst hitzige Diskussionen aus.

Von Saskia Aleythe

Die Kapitänsbinde musste Aron Einar Gunnarsson schon vor ein paar Wochen weiterreichen. Der 32-Jährige war nicht dabei, als seine Kollegen um die WM-Qualifikation spielten und dabei unter anderem ein 0:4 gegen die deutsche Elf kassierten. Eine Corona-Infektion stand in Gunnarssons Krankenakte, doch mittlerweile ist er wieder fit. Nominiert für die anstehenden Spiele wurde der Fußballer trotzdem nicht, was in Island nicht nur Erstaunen, sondern auch einigen Wirbel ausgelöst hat. Auf den Kapitän verzichtet man schließlich nicht ohne Not.

Islands Fußballer stehen in diesem Herbst unter besonderer Beobachtung, nachdem sich Missbrauchsvorwürfe gehäuft hatten und augenscheinlich wurde, dass der Fußballverband KSÍ mindestens einen Fall zu vertuschen versucht hatte. Ende August war Präsident Guðni Bergsson zurückgetreten, der Vorstand folgte ihm, seit ein paar Tagen bekleidet die ehemalige Nationalspielerin Vanda Sigurgeirsdóttir das höchste Amt. Aufarbeitung wurde zum Thema Nummer eins erklärt, doch bei manchen ist nun auch der Eindruck entstanden, dass sich der Verband dabei zu sehr in sportliche Belange einmischt. Und vorschnell Urteile fällt.

Im Verband sei eine "Ausschlusskultur" entstanden, beklagt Aron Gunnarsson

Dass der wieder genesene Aron Gunnarsson nicht für die Länderspiele gegen Armenien, Liechtenstein und Rumänien berufen wurde, erklärte Nationaltrainer Arnar Þór Viðarsson mit "externen Gründen". Eine vage Formulierung, die in der derzeitigen Gemengelage hitzige Diskussionen auslösen kann. Die Polizei in Reykjavík hat laut der Tageszeitung Vísir Ermittlungen gegen Gunnarsson wiederaufgenommen, es soll 2010 in Kopenhagen zu einem sexuellen Übergriff gekommen sein. Gunnarsson selbst bestreitet alle Vorwürfe, auch habe sich kein Polizist bei ihm gemeldet. Gleichzeitig kritisierte er seine Ausbootung aus dem Team scharf, die aufgrund von "Behauptungen, die auf vagen Gerüchten basieren" zustande gekommen sei, er hätte keine Gelegenheit gehabt, dem Verband seine Sicht der Dinge zu schildern. Und wolle jetzt selbst zur Polizei gehen, damit die Angelegenheit aufgeklärt werde.

Im Verband sei eine "Ausschlusskultur" entstanden, sagte Gunnarsson noch, er geht davon aus, dass nicht der Coach, sondern die neue Verbandsspitze über seine Nichtberufung entschieden hat. Entsprechende Medienberichte hatten vorab die Runde gemacht. Trainer Viðarsson dementierte den Verdacht der Beeinflussung, bestätigte aber Gespräche mit der neuen Präsidentin, die Nominierung habe jedoch in seiner Hand gelegen. Es sei klar, "dass dies die einzige Entscheidung war, die wir treffen konnten, um unser Team und Aron Einar zu schützen", sagte Viðarsson.

Es ist eine schwierige Situation, in die sich der isländische Fußball manövriert hat, Misstrauen scheint nun auf allen Seiten zu herrschen. Vieles hat damit zu tun, wie der Anfang der Krise gemanagt wurde: Nachdem der alte Präsident öffentlich betonte, Vorwürfe sexueller Gewalt seien im Verband nicht bekannt, und er dann der Lüge überführt wurde, wurde eiligst Stürmer Kolbeinn Sigþórsson aus der Mannschaft ausgeschlossen. Vom KSÍ, nicht vom Trainer.

Jóhann Berg Guðmundsson sagte freiwillig ab - auch weil er unzufrieden mit dem Verband sei

Der Vorfall zwischen einer Frau und Sigþórsson in einem Club 2017 war dem Verband längst bekannt gewesen, die Angelegenheit zwischen den Parteien geklärt. Es hatte eine Entschuldigung des Spielers sowie Geldzahlungen gegeben. Nach seiner Suspendierung kämpfte Sigþórsson mit seinem Anwalt im Hintergrund um eine öffentliche Entschuldigung des Verbandes, wie der Sender RÚV berichtete, seine Reputation sei zerstört. Beim IFK Göteborg, wo Sigþórsson spielt, soll gemeinsam an einer Rehabilitation gearbeitet werden. Auf dem Platz stand er wegen einer Fußoperation zuletzt nicht mehr.

"Wir sind stolz darauf, zu einer Bewegung zu gehören, die jede Gewalt ernst nehmen und verurteilen wird" sagte Präsidentin Sigurgeirsdóttir in einer ihrer ersten Ansprachen. Trainer Viðarsson muss derweil einen neuen Kapitän finden, denn auch Jóhann Berg Guðmundsson, der Gunnarsson zuletzt vertreten hatte, wird für die Länderspiele nicht zur Verfügung stehen. Er hat Probleme mit der Leiste, aber auch freiwillig abgesagt, weil er mit dem Kurs des Verbandes zuletzt nicht zufrieden gewesen sei.

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