Island Die Rückkehr des Huh

Wurfgewaltig und umsichtig: Als der Isländer Aron Palmarsson realisiert, dass er in eine Doppeldeckung gerät, steckt er den Ball zu einem Mitspieler.

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Gudmundur Gudmundsson soll Islands Handballer wieder zu alter Blüte führen - es fehlt aber der Top-Torjäger.

Von Ralf Tögel

Man kennt das aus diversen Filmen. Irgendwo geht ein Drachenboot an Land, finstere Gestalten springen von Bord und ziehen brandschatzend durch die Gegend. Als am Mittwoch eine Horde Wikinger in München landete, gestaltete sich dies aber etwas kultivierter. Diese Nordmänner sind auch nicht zum Plündern in die Landeshauptstadt gekommen (obwohl sie hier reiche Beute zu erwarten hätten), diese Isländer haben anderes im Sinn. Sie kommen nach Deutschland, um Handball zu spielen, in der Vorrundengruppe B, die in der Münchner Olympiahalle über die Bühne geht. Primäres Ziel ist die Hauptrunde in Köln, wie Trainer Gudmundur Gudmundsson mitteilte, freilich ist mit Mannschaften wie Europameister Spanien oder Doppel-Olympiasieger Kroatien in der Gruppe auch für dieses Unterfangen reichlich Widerstand zu erwarten.

Das Wetter vermittelte den Ankömmlingen hingegen schon einmal eine heimelige Atmosphäre, es war kalt, schneite und eisiger Wind pfiff über das Rollfeld am Flughafen. Ob das die Laune der Gäste erhellte, sei dahingestellt, jedenfalls fand sich entgegen aller Klischees eine Gruppe gut gelaunter und freundlicher junger Männer ein, die in ihr Hotel chauffiert wurden, um sich fortan auf ihren Sport konzentrieren zu können. Ein Spieler fehlte, der wohl bekannteste: Top-Torjäger Gudjon Valur Sigurdsson hat sich im Testspiel gegen die Niederlande verletzt, der pfeilschnelle Linksaußen von den Rhein-Neckar Löwen muss also passen. Es sei aber keine längere Verletzungspause zu erwarten, erklärte sein Trainer, was Spekulationen darüber zulässt, dass er doch wieder in den WM-Kader zurückkehrt. Nachrücker ist erst mal Bjarki Mar Elisson von den Füchsen Berlin, der nun mit Stefan Rafn Sigurmannsson, vom ungarischen Spitzenklub Pick Szeged, das Gespann auf Linksaußen bildet.

Auch Torhüter Aron Edvardsson wird dem Olympia-Zweiten von 2008 fehlen, der 29-jährige Routinier, der beim Zweitligisten HSV Hamburg unter Vertrag steht, musste sich einem Routine-Eingriff am Bauch unterziehen. Für die Hoffnungen der Isländer ist der Ausfall von Sigurdsson ein empfindlicher Nackenschlag, denn trotz seiner 39 Jahre gehört der in Reykjavik geborene Rechtshänder nach wie vor zu den besten Linksaußen der Welt - Sigurdsson hält mit 1797 Treffern den Weltrekord für die meisten Länderspieltore. Einen weiteren Weltklassespieler haben die Isländer aber im Team, und zwar im Vollbesitz seiner Kräfte: Aron Palmarsson. Auch in Deutschland noch gut aus seiner Zeit beim THW Kiel bekannt, zählt der Spielmacher, der für den spanischen Topklub FC Barcelona antritt, zu den Besten seines Fachs. Er soll die Mannschaft auf den dritten Gruppenplatz und damit in die Hauptrunde nach Köln führen. Denn der siebte Platz im Endklassement würde die sichere Teilnahme an einem der drei Qualifikationsturniere für Olympia 2020 in Japan bedeuten. Der vermeintlich härteste Konkurrent dürfte dabei das Team der Mazedonier sein, denn Spanien und Kroatien muss man eine Kategorie höher einstufen.

Das Spiel der Mazedonier steht und fällt mit Kiril Lazarov. Der Rechtshänder im linken Rückraum ist mit seinen 39 Jahren zwar schon in die Jahre gekommen und hat etwas von seiner immensen Torgefährlichkeit eingebüßt, er ist jedoch Takt- und Ideengeber des Teams vom Balkan. Wie unangenehm sein Zusammenspiel mit Kreisläufer-Routinier Stojanche Stoilov und Linksaußen Dejan Manaskov ist, durfte schon die deutsche Auswahl bei der jüngsten EM in Kroatien erfahren, als Torhüter Silvio Heinevetter ein 25:25-Remis rettete. Mazedonien wurde dennoch Gruppenerster.

Die Isländer beendeten dieses Turnier auf Rang 13, die großen Erfolge der kleinen, aber handballverrückten Nation (berühmt auch für den Huh-Schrei der Fans) liegen schon etwas zurück: Olympia-Silber 2008 und EM-Bronze 2010. Der Trainer seinerzeit: Gudmundur Gudmundsson. Nicht die einzigen Erfolge, die der 58-Jährige gesammelt hat: Mit den Rhein-Neckar Löwen gewann er den EHF-Pokal, mit Dänemark Olympia-Gold in Rio, mit Bahrain wurde er Zweiter der Asienmeisterschaft. Nun soll er die Isländer zu alter Blüte führen. Gudmundsson steht damit in einer Reihe erfolgreicher Trainer von der Insel der Geysire, allein in der Gruppe B trifft er auf zwei weitere Landsmänner.

Einer ist Aron Kristjansson, 46, der frühere Nationalspieler gewann als Trainer mit Aalborg 2017 die dänische Meisterschaft und war isländischer Nationalcoach. In München betreut er Bahrain. Auch wenn er als Coach von Hannover-Burgdorf eine Bundesliga-Vergangenheit hat, ist Kollege Dagur Sigurdsson hierzulande weitaus populärer. Er machte sich als Trainer der Füchse Berlin einen Namen und mit dem EM-Titelgewinn der Deutschen 2016 in Polen unsterblich. Dann übernahm der 45-Jährige zum Bedauern des Deutschen Handballbundes die Auswahl Japans. Die WM ist nun ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu den Spielen 2020. Damit ist Sigurdsson der einzige Isländer, der sicher in Tokio dabei ist.