Süddeutsche Zeitung

Irland unterliegt Kroatien 1:3:Fehlerhafter Trapattonismus

Erst eine aufgehobene Abseitsstellung, dann ein Ball, der über den Hinterkopf des eigenen Keepers ins Tor prallt: Irlands Nationalelf unterlaufen viele Missgeschicke, das Team von Trainer Giovanni Trapattoni verliert verdient 1:3 gegen Kroatien. In der schweren Gruppe C könnte dies fast schon das Aus bedeuten.

Für eine Viertelstunde war Ruhe im Stadion Miejski von Posen. Früh hatte Kroatien zur Führung getroffen, schon in der dritten Minute, was gewaltig auf die Stimmung der irischen Fans drückte. Die Iren dürfen normalerweise für sich reklamieren, stets die lautesten zu sein, egal, in welchem Stadion sie gerade sind. Doch nun? Stille, 15 Minuten lang.

Dann ließ Aiden McGeady einen Freistoß von halblinks in den Strafraum fliegen, vorbei an allen kroatischen Köpfen, direkt auf das Haupt seines Teamkollegen Sean St. Ledger. Der ist eigentlich Zweitligaspieler bei Leicester City, hat in seinem Leben noch keinen Erstliga-Rasen betreten. Doch St. Ledger traf tatsächlich ins Tor - und die irischen Fans waren wieder da. Sie brüllten, tobten, grölten. Und skandierten: "You never beat the Irish."

Am Ende wurden die Iren dennoch besiegt, nach einer Partie voller Fehler gewannen die Kroaten 3:1 (2:1). Den Treffern von Mario Mandzukic (3., 48.) und Nikica Jelavic (43.) hatten die Iren von Trainer Giovanni Trapattoni nur das Tor von St. Ledger entgegenzusetzen. "Es ist sehr schwer zu erklären, was in diesem Spiel passiert ist", sagte Trapattoni nach dem Spiel, "wir haben schon nach zwei Minuten diesen Fehler gemacht und ein unnötiges Tor kassiert." In der kniffligen Gruppe C, mit den Schwergewichten Spanien und Italien, könnte dies fast schon das Aus bedeuten.

Das Spiel hatte noch gar nicht richtig begonnen, da lag Irland schon zurück. Nach einer Flanke von Darijo Srna war Trapattonis Defensive erstmals konfus. So konnte sich Mandzukic, der sein Geld zumindest aktuell noch in Wolfsburg verdient, sogar den Luxus erlauben, zunächst auf den Hosenboden zu rutschten, anschließend aufzustehen und unbedrängt aus zehn Metern das Führungstor zu köpfen. Shay Given, Irlands Keeper, streckte seinen alten Körper nach Kräften, kam jedoch nicht mehr heran. Fassungslos blickte der 36-Jährige dem Ball hinterher: So hatten sich die Iren, denen man eine große Liebe zu torlosen Unentschieden nachsagt, den EM-Auftakt nicht vorgestellt.

Doch die Tristesse währte nicht lange. Der Kopfballtreffer von St. Ledger zum 1:1 war gar ein historisches Ereignis: Es war das erste irische Tor bei einer EM seit 24 Jahren, 1988 in Deutschland war das kleine Land zum letzten Mal dabei gewesen. Mit Pech schieden sie damals aus, nur durch ein Abseitstor des Niederländers Wim Kieft, das den Iren den Einzug ins Halbfinale gegen Gastgeber Deutschland vermasselte.

Billard-Eigentor von Given

Nach den beiden frühen Toren entwickelte sich auch jenes Spiel, das von Beginn an erwartet worden war. Die Iren ließen die Kroaten kommen, fast bis an den eigenen Sechzehnmeterraum, und empfingen sie dort geballt und mit unbändigem Abwehrwillen. Der Trapattonismus, jenes wenig ansehnliche System ihres italienischen Trainers, der sie jedoch immerhin überraschend zur EM geführt hatte, schien da noch zu funktionieren.

Die Kroaten konnten mit den üppigen Räumen zunächst nicht viel anfangen. Sie hatten sich erst in letzter Sekunde für die Titelkämpfe qualifiziert, in den Playoffs der Qualifikation gegen die Türkei. Gegen die Iren fanden sie kaum Mittel: nicht Darijo Srna, nicht der frühere Schalker Ivan Rakitic, nicht Ivan Perisic. Nach 23 Minuten zog der Dortmunder von der Strafraumgrenze kräftig drauf - Given flog und klärte den Ball.

Es brauchte schon eine kleine Tölpelei der Iren, um Kroatien kurz vor der Pause wieder in Führung zu bringen. Nach einem Distanzschuss klärte Steven Ward irrtümlicherweise in Richtung seines eigenen Keepers. Stürmer Jelavic, der weit im Abseits stand, erkannte die neue Spielsituation am schnellsten, der kroatische Angreifer sprintete dazwischen und hob den Ball über Given hinweg ins Tor. Drei Tore in der ersten Halbzeit zwischen Irland und Kroatien, damit war nicht unbedingt zu rechnen gewesen.

Die zweite Halbzeit begann erneut mit einem Stimmungskiller für die Iren. Mandzukic, bereits Schütze des 1:0, köpfte scharf auf den Kasten von Given, der Ball prallte zunächst an den Pfosten, dann unglücklich an Givens Hinterkopf und von dort ins Tor (48.).

Nun setzte sogar Trapattoni auf die Offensive, brachte in Jonathan Walters und Simon Cox zwei frische Stürmer, jedoch ohne Ertrag. Die irischen Fans sangen trotzdem wieder. Die gute Laune wollten sie sich vom fehlerhaften Auftritt ihrer Elf dann doch nicht vermiesen lassen.

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SZ vom 11.06.2012/ebc
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