Süddeutsche Zeitung

Irland gegen Deutschland:"Dramatischer 1:1-Sieg"

Die irischen Medien glorifizieren ihre Mannschaft nach dem überraschenden Unentschieden gegen Deutschland. Die Spieler feiern das 1:1 wie einen WM-Titel. Und lassen den Weltmeister perplex zurück.

Stephen Ward sprang dem Torschützen John O'Shea in die Arme, David Meyler reckte beide Fäuste in die Luft. Und die Fans? Sie hörten plötzlich auf zu singen. Stattdessen hüpften sie, schrien laut, küssten sich. In der 94. Minute gelang Irland, Platz 62 in der Fifa-Weltrangliste, tatsächlich der Ausgleich gegen eine überlegene DFB-Elf. Das musste gefeiert werden, und zwar so intensiv wie ein Triumph im WM-Finale. Auch wenn es nur ein Spiel der EM-Qualifikation war.

"Well", sagte Irlands Trainer Martin O'Neill, nachdem er alle Spieler, Ersatzspieler und Betreuer geherzt hatte. "Dieser Punktgewinn ist großartig. Die Mannschaft hat nie aufgegeben und unglaubliche Anstrengungen unternommen."

Die Analyse von O'Neill war etwas unpräzise, aber durchaus treffend. Denn es waren nicht technische Raffinessen, genaue Pässe oder blitzartig ausgeführte Konter, die Irland einen Punkt im Spiel gegen den Weltmeister sicherten, sondern es war die Einstellung seines Teams.

An diesem Abend in Gelsenkirchen trafen nicht zwei ebenbürtige Mannschaften aufeinander, sondern es duellierten sich Siegessichere mit Kämpfern, Ungeduldige mit Hartnäckigen. Es war alles andere als eine gewöhnliche Fußballpartie.

Die DFB-Elf dominierte, sie hatte mehr Ballbesitz, sie zeigte einen Angriff nach dem anderen. Die irische Mannschaft stellte sich hinten rein - und machte dies sehr gut. Sie ließ sich nicht einschüchtern, sie rannte und sie kämpfte, wenn auch manchmal ein wenig zu rabiat. Sie hatte wenig Mühe, dem Weltmeister den Schwung zu nehmen, aber die Elf hatte lange keine einzige Torchance.

Als Toni Kroos in der 71. Minute mit einem Schuss, so präzise wie der Handgriff eines Chirurgen, den Favoriten doch noch in Führung brachte, hielten die meisten die Partie für entschieden. Nicht jedoch die elf Spieler im irischen Nationaltrikot.

Kurioses Spiel, kurioser Tabellenstand

Joachim Löws Mannschaft hakte die Partie innerlich schon als Sieg ab, sie kümmerte sich kaum noch um den Ball. In der 85. Minute verhinderte nur der Fuß von Erik Durm, dass Wes Hoolahan zum Ausgleich kam. Der zweite Versuch saß: Eine eigentlich ziemlich ungeschickte Flanke segelte in den Strafraum, irgendwie kam John O'Shea an den Ball - und traf.

"Der Ball am Ende war vom besten Torwart der Welt nicht abzuwehren", sagte der 33-jährige Verteidiger vom AFC Sunderland. "Das war ein toller Moment." Es war sein erst dritter Treffer in 100 Spielen für die Nationalef, es war ein ganz besonderer. Denn es gelang ihm, den Weltmeister perplex zurückzulassen. Während die DFB-Elf in die Kabine trottete, ließen sich die Iren von den 3000 mitgereisten Fans besingen und feiern.

Auch die irische Presse jubelte am Morgen nach der Partie. Ein derart überraschendes Unentschieden wird da schon einmal wie ein Erfolg gezählt. "Ein dramatischer 1:1-Sieg für Irland", schreibt die Irish Times. Das Blatt The Irish Independent wird noch pathetischer: "Glorious night in the Ruhr" - eine glorreiche Nacht im Ruhrgebiet also haben sie beobachtet, es sei "wie im Himmel".

Es war ein kurioses Spiel an diesem Dienstagabend auf Schalke - und auch die Tabellensituation in Gruppe D der EM-Qualifikation ist nun alles andere als normal. Deutschland liegt nach drei Spielen nur auf Platz vier, ganz nach oben haben sich dagegen Polen und die Iren geschoben. Beide Teams haben sieben Punkte.

Sollten die Iren sich tatsächlich für die EM 2016 in Frankreich qualifizieren, ein nicht unwahrscheinliches Szenario, wäre dies ein großer Erfolg für die Fußballnation. Bei einer WM waren sie zuletzt 2002 dabei. Für die EM 2012 qualifizierten sie sich erstmals seit 24 Jahren wieder - nach drei Niederlagen schieden sie allerdings als Gruppenletzter aus.

Trainer O'Neill wies in Gelsenkirchen noch darauf hin, dass sein Team auf wichtige Spieler verzichten musste. Auf Séamus Coleman zum Beispiel und der ist laut O'Neill "der beste Verteidiger in Britannien". Es klang wie eine Drohung an die nächsten Gruppengegner.

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