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IOC-Präsident Thomas Bach:Sein Wille geschehe

IOC Praesident Dr Thomas Bach Deutschland spielt Tischtennis Aktion am 01 06 2017 Tischtennis W; Thomas Bach

Früher Fechter, heute zuständig für alles, sogar für Tischtennis: IOC-Präsident Thomas Bach, 67.

(Foto: Anke Waelischmiller/SVEN SIMON; da/imago/Sven Simon)

Seit 2013 ist Thomas Bach Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Nun steht die Wiederwahl an, und es wird deutlich, wie wenig unter ihm besser wurde: weder beim Umgang mit Russland, noch bei Korruptionsvorwürfen.

Von Johannes Aumüller und Johannes Knuth

"Uff". Das war das erste Wort, das Thomas Bach ins Mikrofon hauchte. Fast wirkte es an jenem Septembertag 2013 in Buenos Aires so, als wolle er unterstreichen, welche Anspannung von ihm abfalle. Dabei kam seine Kür zum neuen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nicht überraschend. Zwar waren auch fünf Mitbewerber in den Ring gestiegen und im finalen Wettstreit heftige Reibereien entstanden. Aber die Favoritenfrage war stets klar gewesen, nicht zuletzt dank der Unterstützung des Multifunktionärs Scheich Achmed al-Sabah aus Kuwait. Verblüffen konnte höchstens, dass Bach in einen zweiten Wahlgang musste, ehe er als erster deutscher und insgesamt neunter IOC-Chef feststand.

Siebeneinhalb Jahre ist das her. Wenn am Mittwoch bei der 137. IOC-Session die Wiederwahl des 67-Jährigen ansteht, für vier weitere Jahre, ist die Sache noch eindeutiger. Bach ist der einzige Kandidat, kein anderes der 101 stimmberechtigten IOC-Mitglieder - zu denen Scheich al-Sabah übrigens nicht zählt, er hat sich nach der Eröffnung eines Strafprozesses gegen ihn in Genf selbst suspendiert - tritt gegen Bach an. So wird es ein Krönungsakt, in dem sich zwei prägende Entwicklungen von Bachs erster Amtszeit bündeln: dass der Ringe-Konzern stark auf ihn zugeschnitten wurde, und dass es um das Renommee der Organisation nicht besonders gut bestellt ist. Auch wegen Bachs Führung.

Wirtschaftlich scheint das IOC in der Zeit manches richtig gemacht zu haben. Vor Corona spülten TV-Verträge und Sponsorendeals Rekordeinnahmen herein, die Sommerspiele sind bis 2032 an solide Standorte vergeben. Auf dem politischen und dem moralischen Geläuf aber gibt es eine immense Zahl an Vorgängen, die Kritik aufwerfen. Und dabei ragt ein Thema besonders heraus, das den ehemaligen Olympia-Fechter aus Tauberbischofsheim und späteren Wirtschaftsanwalt im Grunde seit seiner Wahl begleitet: Russland.

Sündenfälle in Sotschi

Müsste man das russische Staatsdoping in ein Bild pressen, wäre es vielleicht dieses: offene Münder und aufgerissene Augen, zwei zu Entsetzen geronnene Gesichter von Claudia Bokel und Beckie Scott, damals die Athletensprecherinnen des IOC und der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada).

Die Szene stammt aus dem Dokumentarfilm "Ikarus". Regisseur Bryan Fogel begleitet darin Grigorij Rodtschenkow, ehedem Chef des Moskauer Anti-Doping-Labors. Rodtschenkow war einer der Architekten des Betrugs, bei den Winterspielen 2014 in Sotschi etwa, als die Russen durch ein Loch in der Wand des dortigen Labors Proben vertauschten. Die Spiele waren das erste Großevent unter Bachs Aufsicht, eine 50 Milliarden Dollar teure Gigantismus-Parade von Russlands Staatschef Wladimir Putin, eine Versündigung an Natur und Menschenrechten - und an den Grundpfeilern des fairen Wettstreits. Rodtschenkow riss die Fassade des Betrugs selbst nieder, er floh in die USA, wo er sich bis heute versteckt. Regisseur Fogel präsentierte noch während der Dreharbeiten, kurz vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro 2016, einer Expertenrunde, was ihm der Kronzeuge berichtet hatte: tiefwurzelnder Betrug, quer durch alle Sportarten. Zwei Gäste damals: Bokel und Scott.

Wenn eine Sportnation derart betrügt, urteilten beide später, gehöre sie gesperrt, ohne Wenn und Aber. Doch das von Bach gelenkte IOC kam zu einem fundamental anderen Schluss. Es winkte eine fast 300 Athleten starke Mannschaft zu den Spielen nach Rio durch. Bei den Winterspielen 2018 war das ähnlich, mit dem Unterschied, dass nun die russische Flagge und Hymne verbannt waren. Danach, forderten IOC-Vertreter immer wieder, gehöre ein "Schlussstrich" unter die Affäre. Er hatte sich stets gegen einen kollektiven Bann gewehrt, Athleten, gegen die nichts vorliege, würden darunter zu Unrecht leiden. Nur: Zielte der Betrug nicht genau darauf ab? Dopingproben und Datenbanken so zu manipulieren, dass niemand mehr überprüfen konnte, wer sauber ist und wer nicht? Und wie sieht das aus, wenn einem dopenden Athleten vier Jahre Sperre drohen - und sich bei einem mehrjährigen Staatsdopingbetrug mondkratergroße Schlupflöcher öffnen?

Was sich im Laufe der Russland-Causa auch zeigte: wie sehr die Athleten wirklich im Mittelpunkt von Bachs olympischer Agenda stehen. Oder halt nicht. Claudia Bokel schilderte im Nachgang der Rio-Spiele, wie die von Bach gelenkte IOC-Exekutive eine Debatte über Russlands Teilhabe erstickt habe (das IOC bestritt das). Bokel und Scott hatten damals auf eigene Faust Athleten befragt, wie diese zur Causa standen (eine "überwältigende Mehrheit" sei für Russlands Ausschluss gewesen, so Bokel). Beide Athletensprecherinnen sagten später, sie seien im IOC und in der Wada gemobbt worden.

Immerhin: Viele Athletenvertreter haben mittlerweile verstanden, dass sie ihre Interessen in diesem Biotop nur dann durchsetzen können, wenn sie sich unabhängiger von ihren Verbänden organisieren. Wie der Verein Athleten Deutschland, der seit 2017 unter anderem dafür kämpft, die Einnahmen des IOC gerechter an die Hauptdarsteller, die Sportler, zu verteilen - noch ohne Erfolg. Oder dafür, die Regel 40 der olympischen Charta abzuschwächen, die es Athleten verbietet, während der Spiele mit persönlichen Sponsoren zu werben - schon mit Erfolg. Dass sich hier viel tut, ist, wenn man so will, auch ein Verdienst von Thomas Bach. Er hat sich die Opposition der Athleten redlich verdient.

Reisewarnung vom Präsidenten

Aber nicht nur die Athleten nehmen den Sport in die Pflicht. Sehr eifrig waren rund um den Globus zuletzt diverse Strafermittler im IOC-Kontext unterwegs. Darunter: die französische Finanzstaatsanwaltschaft. Die setzte vor sechs Jahren Lamine Diack fest, von 1999 bis 2015 Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, wobei: Pate träfe es wohl besser. Ein Pariser Gericht sah es im Vorjahr als erwiesen an, dass Diack und sein Sohn Papa Massata großflächig Gelder aus Verbandsgeschäften abgeschöpft hatten, sogar dopende Athleten konnten sich ihr Startrecht unter ihnen erkaufen. Für Bach war das doppelt brisant: Diack war über Jahre hinweg im IOC ein enger Gefährte; zudem steht ein zweites Verfahren aus, das mutmaßliche Stimmkäufe vor den Spiele-Vergaben 2016 und 2020 thematisieren soll. Auch wenn das IOC stets beteuert, dass es mit allen Ermittlungen kooperiere.

Wie so eine Kooperation bisweilen anmutet, zeigte ein vertrauliches Protokoll, über das die SZ im Herbst berichtete. Frank "Frankie" Fredericks, einst Sprint-Weltmeister aus Namibia und später IOC-Würdenträger, war im März 2017 ins Zwielicht geraten: Ein Geldtransfer mit Papa Diack legte nahe, dass er seine Stimme für die Vergabe der Spiele 2016 verkauft hatte (was er bestreitet). Kurz darauf ließ Bach Fredericks eine Botschaft zukommen: Er solle sich davor hüten, nach Frankreich zu reisen. Nanu? Fredericks war ratlos. Die einzige plausible Erklärung: Bach sorgte sich, dass die Ermittler in Frankreich auch Fredericks ins Visier nehmen könnten, und tatsächlich baten sie ihn bald nach Paris, zu einer Befragung. Bach erklärte damals auf SZ-Anfrage, er habe gar keine Untersuchungen behindern können, da gegen Fredericks zu dem Zeitpunkt nicht ermittelt wurde. Aber weshalb dann die Reisewarnung?

Keine Antwort.

Energisch im Hinterzimmer

Auch unter weithin respektierten IOC-Mitgliedern gibt es durchaus anerkennende Worte für Bach. Der Deutsche habe eine "Energie" reingebracht, an der es vorher gefehlt habe, sagt etwa Dick Pound, der 78-jährige Doyen des IOC. Nur hat diese Energie dazu geführt, dass sich vieles an Bach ausrichtet, wie Pound selbst erfuhr. Auf der Session in Pyeongchang 2018 monierte der Kanadier die Russland-Politik des IOC, einige IOC-Mitglieder attackierten ihn daraufhin außergewöhnlich scharf - als sei Kritik am Chef eine Majestätsbeleidigung. Als Bach im Vorjahr in einer virtuellen Runde seine neuerliche Kandidatur verkündete, schwoll ein derartiger Sturm der Huldigungen an, "dass es ihm eigentlich selbst peinlich gewesen sein müsste", wie ein olympischer Spitzenfunktionär meint.

Viele Umbauten gab es unter dem energischen Präsidenten, ein Beispiel: der neue Bewerbungsprozess für Olympische Spiele. Bach begründete das stets damit, dass das vormalige Verfahren zu viele Verlierer produziert habe, und bekanntlich waren manche Vergaben von diversen Merkwürdigkeiten begleitet. Nur: Jetzt trifft halt ein kleiner Zirkel um den Präsidenten weitreichende Vorentscheidungen, im Hinterzimmer. Für die Sommerspiele 2024 sind nur noch zwei Bewerber übrig? Dann werden eben beide belohnt, Paris 2024, Los Angeles 2028. Und für 2032 erhält Brisbane den Vorzug. Andere Kandidaten? Düpiert. Die Session mit allen Mitgliedern? Entmachtet.

Noch ein Beispiel aus dem Hinterzimmer? Clemens Prokop, von 2001 bis 2017 Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands, saß in vorderer Reihe, als der russische Dopingskandal die Leichtathletik erfasste. Unter Lamine Diacks Nachfolger Sebastian Coe, seit 2015 im Amt, sanktioniert der Weltverband Russland bis heute hart, dessen Leichtathleten durften erst gar nicht starten, später nur unter neutraler Flagge und mittlerweile wieder gar nicht. Zufall oder nicht: Das innige Verhältnis zwischen Coe und Bach, sagt Prokop heute, sei just dann aufgeweicht, als der Brite gegenüber Russlands Verband standhaft blieb - anders als Bach, dem stets viel an der "Einheit" der Sportfamilie lag. Coe wurde jedenfalls erst Juli 2020, fünf Jahre nach seiner Wahl zum Leichtathletik-Chef, IOC-Mitglied. Vorgeblich, weil der Lord sich erst mal um seinen reformbedürftigen Verband hatte kümmern sollen. Nicht nur Prokop hält das für vorgeschoben: "Der Präsident der Welt-Leichtathletik war in der Vergangenheit immer im IOC gesetzt. Dieses Hinhalten war aus meiner Sicht ein klarer Affront gegenüber Coe."

Acht Jahre nach Sotschi

Festen Widerstand aus dem IOC wird man wohl auch in den kommenden Jahren kaum vernehmen. Das Gremium ist längst nach Bachs Vorstellung geformt. Rund zwei Drittel der aktuellen IOC-Mitglieder kennen gar keinen anderen Ringe-Chef als Thomas Bach: Sage und schreibe 65 von ihnen wurden in den vergangenen acht Jahren berufen. Es ist ein bisschen wie in der katholischen Kirche, wo der Papst durch die Auswahl der Kardinäle die Weichen nach eigenem Gusto stellen kann. Aber die Weichen wofür?

Gemäß IOC-Charta wird die zweite auch Bachs letzte Amtszeit sein. Doch derartige Satzungen sind in der olympischen Welt ähnlich biegsam wie, nun ja, die Verfassung in Russland, mit deren Hilfe sich Bachs Sotschi-Partner Putin im Vorjahr eine Dauerregentschaft sicherte. Urgestein Pound glaubt zwar nicht, dass es im IOC so weit kommt, er sagt aber auch: "Chartas können immer geändert werden." Aus der Zeit um die Jahrtausendwende, als es nach der 21-jährigen Regentschaft von Juan Antonio Samaranch den breiten Konsens gab, die Dienstzeit auf zwölf Jahre zu reduzieren, sind keine zwei Dutzend IOC-Mitglieder mehr übrig. Auf die Frage, ob Bach es definitiv ausschließe, dass es zu einer dritten Amtszeit als IOC-Präsident kommt und er über das Jahr 2025 hinaus an der IOC-Spitze tätig sein wird, gibt es vom IOC jedenfalls kein "Ja", sondern den Hinweis, dass die Charta diese Frage eindeutig regele. In Regel 20 wird die Amtszeitbeschränkung definiert (acht plus vier Jahre), und es gebe "keinerlei Pläne, die IOC-Charta an dieser Stelle zu ändern".

Nach innen sind die IOC-Reihen also weitgehend geschlossen. Und nach außen? Die Spiele in diesem Sommer in Tokio werden, wenn sie denn stattfinden, als zähe Corona-Auflage in die Annalen eingehen. Im Februar 2022 ist schon Peking als Gastgeber der nächsten Winterspiele an der Reihe. Acht Jahre nach Sotschi steht ein Event an, das sogar Putins Sause brutal überbieten dürfte, in Sachen Gigantismus, Naturzerstörung - und Menschenrechten. Hunderttausende Uiguren werden in China in einem Lagersystem interniert, Experten sprechen von den größten Masseninternierungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Internationale Forderungen, Peking die Spiele zu entziehen, gewinnen seit Monaten an Kraft.

Wie der alte, neue IOC-Präsident das alles wohl moderieren wird?

Uff.

© SZ/cca/ska
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