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IOC-Präsident Bach:Als ob die Kanzlerin dem Verfassungsgericht droht

IOC-Präsident Thomas Bach.

(Foto: AFP)

IOC-Präsident Bach will den Internationalen Sportgerichtshof umstrukturieren, weil der im Fall russischer Athleten nicht so urteilt, wie er hoffte. Er denkt, er steht über den Instanzen.

Man stelle sich vor, das Bundesverfassungsgericht kippt einen Beschluss der Bundesregierung. Woraufhin die Kanzlerin scharfe Urteilsschelte betreibt und die Umstrukturierung des Gerichts androht. Vorstellbar?

Im demokratischen Rechtsstaat kaum. Im Sport aber spielt sich das, auf vergleichbarer Ebene, gerade so ab. Der oberste Gerichtshof Cas hatte am Freitag die vom IOC verfügten lebenslangen Sperren gegen 39 russische Athleten aufgehoben bzw. verkürzt. Ein Schlag für Thomas Bach, dem seine Spiele aus dem Ruder laufen - zumal ja auch seit dem Wochenende Blutdaten von Langläufern einen starken Verdacht auf rund hundert WM- und Olympiamedaillen der letzten Jahre werfen. Nur schäumt der IOC-Chef nicht still im Kämmerlein. Er tut es öffentlich, er greift den Cas an. Bach will eine Strukturreform, um "Qualität und Konstanz der Rechtsprechung" zu garantieren. Das Risiko bestünde, dass der Cas die "Glaubwürdigkeit bei den Athleten verliert". Starker Tobak. Zumal noch gar keine Urteilsbegründungen vorliegen. Wenn der IOC-Chef, selbst Jurist, die Qualität der Sportjustiz so im Argen sieht, dass er sie verändern will, dürfte sich die Kritik also kaum auf ein paar Urteile stützen, deren Feinheiten noch nicht bekannt sind. Klemmt es wirklich so gewaltig in der Sportrechtsprechung? Oder ist der Boss nur sauer, weil ihm Widerstand entgegenschlug und sein IOC blamiert wurde? Will Bach nun die Widerständler abstrafen?

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Für die erste Version spricht wenig. Bach, seit 2013 IOC-Chef, saß zuvor 20 Jahre selbst in der Juristischen Kommission im IOC, seit 2001 als Vorsitzender. Zudem wurde er 1994 Chef der Berufungskammer des Cas. Lief damals alles gut, was jetzt schlecht läuft? Eine solche Suada zu Qualitäts- und Glaubwürdigkeitsdefiziten des Cas gab es jedenfalls noch nie, schon gar nicht von Sportgremien. Im Gegenteil.

Es war bisher die juristische Welt, die den Cas kritisch beäugt hat, als allzu verbands-zugeneigtes Schiedsgericht. Das OLG München sah 2015 sogar dessen Neutralität "grundlegend in Frage gestellt". Bach zählt zu den prägenden Figuren hinter dem Cas und mancher Personalie. Seine Kritik fällt auf ihn selbst zurück. Es gibt daher mehr Grund zu der Annahme, dass sich der IOC-Chef nun von Leuten im Stich gelassen fühlt, die er hinter sich wähnte. Die russische Staatsdoping-Affäre wollte das IOC nie hart sanktionieren, es wollte die im Sport höchst einflussreichen Kreml-Herrn nicht zu sehr verärgern. Dabei wäre der Komplett-Ausschluss Russlands angemessen gewesen - und er hätte vor den Cas-Juristen Bestand gehabt.

Schon bei den Rio-Spielen 2016 hatte der Cas so einen Komplett-Ausschluss für Russlands Leichtathleten und Paralympics-Sportler abgesegnet. Trotz dieser Rio-Urteile trieb das IOC vor Pyeongchang lieber ein Gaukelspiel. Es sanktionierte nicht das Staatsdoping-System, sondern pickte sich - um Härte zu simulieren - den Einzelnen heraus, der vom System profitierte. Und jetzt der Schock: Just der meist auf IOC-Linie liegende Cas torpediert diese Strategie. Bach und das IOC haben sich verzockt. Der Cas ist kein unabhängiges Organ, aber das IOC hat ihn als serviler eingeschätzt, als er es ist. Russlands Ausschluss wäre juristisch möglich gewesen - der Versuch, den Einzelnen fürs System abzustrafen, ist es nicht. Das Cas-Urteil impliziert auch, dass der Herr der Ringe nicht über allen Instanzen steht. Womöglich ist es das, was Bach nun ändern will.

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