Olympia in DeutschlandDer harte Wettbewerb beginnt jetzt

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Olympiavotum: Die „Leading City“, besser bekannt als Köln, lässt nach der erfolgreichen Abstimmung die Hohenzollernbrücke in den olympischen Farben leuchten.
Olympiavotum: Die „Leading City“, besser bekannt als Köln, lässt nach der erfolgreichen Abstimmung die Hohenzollernbrücke in den olympischen Farben leuchten. Christoph Reichwein/dpa
  • Nach München (66,4 Prozent) stimmt auch Nordrhein-Westfalen mit 66,0 Prozent für eine deutsche Olympiabewerbung für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044.
  • Der Deutsche Olympische Sportbund entscheidet Ende September in Baden-Baden zwischen München, KölnRheinRuhr und möglicherweise Berlin und Hamburg über den deutschen Bewerber.
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Nach 66,4 Prozent in München nun 66,0 Prozent in Nordrhein-Westfalen: Der deutsche Sport feiert nach zwei erfolgreichen Olympiareferenden eine neue Begeisterung des Landes  – und blickt Duellen zwischen den Bewerbern entgegen.

Von Johannes Knuth

Am Sonntagabend gegen 22 Uhr, der olympische Wahlabend war schon einige Stunden alt, wurden manche Enthusiasten in Köln dann doch etwas nervös. Längst hätte ihre Hohenzollernbrücke in olympischen Farben erstrahlen sollen, als rheinüberspannendes Symbol dafür, dass das Referendum der Bewerberregion „KölnRheinRuhr“ triumphal verlaufen war. 112 Strahler hatten sie eigens installiert, Sicherheitsleute die Arbeiten seit den Morgenstunden überwacht.

Blöd nur, dass sich just eine der 17 beteiligten Kommunen nicht an den Zeitplan hielt: Köln, die „Leading City“ der Kampagne, hatte auch um 23 Uhr, als die Strahler wieder abmontiert werden sollten, längst nicht alle Stimmen ausgezählt. Chaotisch gehe es zu, hieß es, der Auszählungsraum sei schlicht zu klein. Die Hohenzollernbrücke funkelte dann irgendwann trotzdem, der Zwischenstand aus Köln war ja immerhin erbaulich. Und hatten die Olympiaplaner an Rhein und Ruhr nicht zuletzt betont, sie wollten weniger mit verbissener Perfektion punkten, sondern mit rheinischer Gelassenheit?

Als Ministerpräsident Hendrik Wüst, Oberbürgermeister und Sportpolitiker kurz vor Mitternacht vor der illuminierten Brücke posierten, spiegelte sich in ihren Gesichtern jedenfalls gewaltige Freude. „Herausragend“ spannte Wüst als Überschrift über das Referendum, was sich am Montag in überraschend klaren Zahlen verdichtete: 66,0 Prozent hatten in 16 Kommunen dafür gestimmt, dass sich „KölnRheinRuhr“ für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben solle, bei etwas mehr als 30 Prozent Wahlbeteiligung. Schlanke 0,4 Prozentpunkte weniger also als beim Münchner Referendum im vergangenen Herbst, an dem gut 40 Prozent der Wahlberechtigten mitgewirkt hatten. So kommt es beim nationalen Wettrennen um den deutschen Olympiabewerber in jedem Fall zum Duell. Dazu wird sich wohl Berlin gesellen, das statt der Bürger aber nur das Abgeordnetenhaus abstimmen lässt – und, je nach Verlauf des Referendums Ende Mai, noch Hamburg. Auch Kiel, das bei allen Konzepten die Segelwettbewerbe austragen könnte, votierte am Sonntag mit 63,5 Prozent für die Spiele.

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Und so ist nun also auch offiziell der Wettbewerb darum entbrannt, welche Region der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) Ende September in Baden-Baden ins Rennen beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) schicken wird. Wie sich dieses Rennen ungefähr entspinnen dürfte, darüber lieferten die Stunden nach dem Referendum am Wochenende frisches Anschauungsmaterial.

Zunächst einmal waren sie beim DOSB schwer damit beschäftigt, den Ertrag des Wochenendes angemessen hoch einzuhängen. „Die Ergebnisse unterstreichen, dass das Thema Olympia den Sport wieder in die Mitte des gesellschaftlichen Interesses rückt und die Menschen aktiviert“, befand der Vorstandsvorsitzende Otto Fricke. Unbestritten ist, dass der Sportkonzern IOC jahrelang schwere Schlappen bei Referenden erlitten hatte, auch und vor allem in Deutschland – woraufhin Ausrichter wie Paris ihre Bürger einfach nicht mehr befragten. Ob auch das Bildergewitter der Spiele von 2024 manche Abstimmende jetzt dazu veranlasst hat, der (höchst fragwürdigen) IOC-Erzählung zu trauen, die Spiele seien nachhaltiger und günstiger geworden? Christiane Schenderlein, die Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, bündelte es jedenfalls so: „Das ist ein weiteres starkes Signal an das IOC: Menschen in Deutschland wollen die Spiele!“

Vollständig müsste der Satz wohl eher lauten: Die Spiele sind insbesondere von Menschen gewollt, denen man unaufgefordert Briefwahlunterlagen zuschickt und darin einseitige, teils längst widerlegte Thesen verarbeitet. In München fehlten in der beigelegten Broschüre jegliche Gegenargumente, was formal zwar nicht die Spielregeln verletzte, weil es sich um einen vom Stadtrat initiierten Entscheid handelte. Ausgewogen war es trotzdem nicht. In Broschüren der Kommunen von „KölnRheinRuhr“ platzierten immerhin wenige kleine Parteien kritische Positionen. Auch Hamburg will seinen Stimmberechtigten Briefwahlunterlagen direkt zuschicken, am 31. Mai zudem, wie in München, Stimmlokale öffnen.

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Wie entscheidend das sein kann, zeigte am Wochenende das Beispiel Herten, der 17. Kommune: Die Bürger dort votierten zwar sogar mit über 70 Prozent mit „Ja“, der Stadtrat hatte die Briefwahlunterlagen aber nicht direkt verschickt, sondern bloß einen Bescheid, um diese zu beantragen. Diese bürokratische Hürde reichte, um das Quorum von 15 Prozent um knapp drei Prozentpunkte zu verfehlen. „KölnRheinRuhr“ braucht deshalb wohl einen neuen Standort für die Mountainbike-Strecke, womöglich wird Essen einspringen (wo 64,3 Prozent zustimmten). Kleinigkeiten in den Augen der Befürworter. „Die Sportbegeisterung, die zwischen Rhein und Ruhr und an der Ostsee schon immer zu spüren war, spiegelt sich in diesen Wahlergebnissen wider“, sagte DOSB-Präsident Thomas Weikert.

Darin lag sogar eine treffende zweite Ebene: Die Sportbegeisterung war hierzulande ja tatsächlich immer zu spüren gewesen– nur halt nicht gegenüber Sportkonzernen wie dem IOC. DOSB-Vorstand Otto Fricke fasste am Montag recht hübsch zusammen, wie man die Olympiasympathisanten gerade besser, nun ja, aktiviere: Die Referenden von München und Rhein-Ruhr hätten gezeigt, wie wichtig es sei, „das Positive hervorzuheben“, die Kommunikation „nicht ständig“ mit den Kritikpunkten zu überladen, „die emotionale Verbindung mit der Kampagne“ hochzuhalten.

Dass der Jubel in NRW nicht ganz so brüllend ausfiel wie im vergangenen Oktober in München, dürfte am Ergebnis aus Köln liegen – jener Stadt also, die Anfang Dezember ins Zentrum der Bewerbung gerückt war; sonst hätte eine Kampagne von Bochum bis Recklinghausen bei einigen IOC-Mitgliedern vermutlich recht flott sanfte Heiterkeit ausgelöst. 57,4 Prozent Zustimmung, das war hinter vorgehaltener Hand aus München zu vernehmen, sei jedenfalls das eigentliche Resultat, das sich mit den 66,4 Prozent aus München messen müsste. Denn die meisten Kommunen, die am Wochenende mit etwas weniger oder sogar mehr als 70 Prozent zugestimmt hatten – etwa Aachen (76,3), Mönchengladbach (74,4) und Gelsenkirchen (74,2) – würden ja wenige Sportarten beherbergen, entsprechend weniger organisatorische wie finanzielle Last tragen. In die Bewertungsmatrix des DOSB, die ab Juni eine Rangliste aller deutschen Bewerber erstellt, fließen freilich trotzdem jene 66,0 Prozent ein, die am Wochenende insgesamt mit „Ja“ votiert hatten.

Die Regeln sind durchaus üppig – und durchaus dehnbar

Solche Episoden dürften als Appetithäppchen jenes Wahlkampfs gelten, der nun anrollt. Den Sieger dieses nationalen Olympiaentscheids ermittelt ja nicht die Bewertungsmatrix (deren Kriterien sich theoretisch bis kurz vor Ende der Kampagne ändern können). Es sind insbesondere die Vertreter der olympischen Sportverbände, vom Deutschen Basketball-Bund bis zu Snowboard Germany. Und da dürfte sich an der Schnittstelle zwischen Fachverbänden und Bewerberregionen noch manche, nun, spezielle Konstellation ergeben. Allein das Personal, das aus Nordrhein-Westfalen stammt, reicht vom früheren DOSB-Vorstandschef und heutigen Kölner Oberbürgermeister Torsten Burmester, dem einstigen DOSB-Vorstandschef Michael Vesper, dem ehemaligen DOSB-Direktor Bernhard Schwank, der heute in der Düsseldorfer Staatskanzlei arbeitet, bis zu DFB-Präsident Bernd Neuendorf und IOC-Mitglied Michael Mronz. Letzterer hatte vor Jahren die erste Olympiabewerbung von Rhein/Ruhr für die Spiele 2032 angeschoben und war damit scheppernd gescheitert. Auch wenn er betont, die heutige Kampagne habe mit seiner rein gar nichts zu tun.

Wie man mögliche Interessenkonflikte von Präsidiumsmitgliedern des DOSB überprüfen werde, die im Herbst in Baden-Baden ebenfalls abstimmen könnten – wie Mronz? Da reagierte Otto Fricke am Montag ausweichend: Es gebe keine festgezurrte Regel, jedoch: „Wenn es den Verdacht konkreter persönlicher Vorteile gibt“, werde man das thematisieren. Wie konkret? Blieb offen. Und was die Sitten unter den Bewerberregionen betrifft, verwies der DOSB wiederum auf den Ehtikkodex des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) – den habe man in der gemeinsamen Absichtserklärung zwischen den Regionen und der Bundesregierung im vergangenen Dezember verankert. Der ist zwar durchaus üppig, lässt aber im Kleinen viel Spielraum. So sollen die deutschen Kandidaten etwa offiziell nur zwei Termine ausrichten, an denen sie um die Gunst der olympischen Fachverbände werben. Doch was etwa die Landessportbünde der jeweiligen Regionen veranstalten, ist davon offenbar nicht berührt.

Und das alles dürfte noch eine seichte See sein im Vergleich zu jenen Gewässern, auf die der deutschen Bewerber im internationalen Wettstreit zusteuert. Es mag bei manchen Olympiaenthusiasten in Vergessenheit geraten sein, aber der einstige IOC-Präsident Thomas Bach hat die Organisation, die die Spiele vergibt, autokratischer und undurchsichtiger denn je gestaltet; das wirkt auch unter Kirsty Coventry nach, Bachs Wunschkandidatin. Und wie hatte es DOSB-Präsident Thomas Weikert – als einstiger Weltverbandspräsident der Tischtennissparte manch ruppigen Wahlkampf gewohnt –, zuletzt gesagt? „Die wichtigsten Rennen werden im Endspurt entschieden.“

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