bedeckt München 17°

IOC:Pharma-Affären stören nur

Auf den Punkt bringt die Absurdität des Kommerztheaters im Zeichen der Ringe jene Selbstbeweihräucherung, mit der nun das IOC jede seiner Betrugsmeldungen garniert. Die Kernbotschaft lautet, wie wild entschlossen man den Dopingkampf führe. Das ist blühender Unfug. Die Kernbotschaft jeder späten Enthüllung ist ja nicht die saubere Linie des IOC, sondern dass es stark verschmutzte Spiele veranstaltet. Dass hin und wieder etwas aufgedeckt wird, ist unvermeidlich und die minimale Bringschuld eines Olympiakonzerns, der über all die Werbe- themen rund um Jugend, Erziehung und Sportethik Milliarden verdient.

Sonst könnte das IOC ja gleich Witali Mutko zum Dopingbeauftragten machen. Der russische Sportminister findet es nämlich total unfair, dass man jetzt Athleten - etwa seine - mit Nachtests überführt. Wer bei den Spielen durchging, sollte für immer unbehelligt bleiben, lautete sein jüngster Beitrag. Das ist ein interessanter Fairplay-Ansatz. Demnach wäre es nur fair, polizeiliche Telefonmitschnitte zu verbieten, weil die armen Verbrecher beim Aushecken ihrer Pläne ja gar nicht wissen, dass sie belauscht werden.

Doping Für das IOC sind Doping-Whistleblower Nestbeschmutzer
Doping

Für das IOC sind Doping-Whistleblower Nestbeschmutzer

IOC-Chef Bach predigt eine harte Linie, ignoriert aber die Enthüller von Russlands Dopingsystem. Und das suspendierte Moskauer Labor darf schon wieder arbeiten.   Von Thomas Kistner

Die Sportwelt will ihre Spektakel optimieren

Tatsächlich hat die Dopingproblematik, vom Publikum unbemerkt, den reinen Pharmasumpf sogar schon verlassen. Sie taucht zunehmend im Umfeld organisierter Kriminalität auf. Zur Leichtathletik wird gerade ermittelt, ob Helden des Sports von Angehörigen des Ex-Weltverbandschefs erpresst wurden, des IOC-Ehrenmitglieds Lamine Diack. Und nun gerät der Amateurbox-Weltverband Aiba in den Fokus. Britischen Medien zufolge haben Wada-Inspektoren festgestellt, dass Aiba keine Trainingstests mache: einen 2014, keinen 2015.

Zeigt das schon, wie der Sport im Tagesgeschäft mit dem Betrugsthema verfährt, werfen auch hier dubiose Deals und Netzwerke Fragen auf. Laut einem Buchprüfer-Report besiegelte Aiba 2010 einen Kreditvertrag über zehn Millionen Dollar mit einer schillernden Firma in Aserbaidschan. Die soll wenig Interesse an der seit 2013 fälligen Rückzahlung zeigen, aber auf ein tolles Abschneiden der nationalen Boxer in Rio hoffen. Aiba-Chef Ching Kuo-Wu sitzt im IOC-Vorstand. Ein Aiba-Vize, den er 2014 ins Amt holte, war im Jahr 2000 von den Sydney-Spielen verbannt worden; das FBI hatte vor dem Usbeken gewarnt.

Diese Sportwelt will keine unabhängige Dopingkontrolle. Sondern nur eines: ihre geldwerten Spektakel optimieren. Pharma-Affären stören enorm. Gerade mühen sich Olympias Granden, die schwerstbelastete Russen-Armada irgendwie noch nach Rio zu bringen. An der Realität bemessen, sind die paar Fälle, die es immer mal gibt, als Pannen im System zu sehen.