Süddeutsche Zeitung

Investor beim TSV 1860 München:Löwen fordern Respekt und 20 Millionen

1860 verabschiedet sich nach dem 1:1 gegen Cottbus aus dem Aufstiegskampf. Gravierender: Die politische Lage spitzt sich zu. Präsident Monatzeder und Trainer Schmidt greifen Hasan Ismaik an. Es geht um viel Geld und das Auftreten des Löwen-Investors - selbst Geschäftsführer Schäfer findet deutliche Worte.

Von Philipp Schneider

Dieter Schneider war mal wieder einer der Ersten, der sich einfand zu dieser Sonntagspartie im Stadion. Seit Anfang des Monats ist er zwar nicht mehr Vereinspräsident des TSV 1860 München, auch galt es am Sonntag nur gegen Energie Cottbus zu bestehen, aber sei's drum: Schneider war da, die Wangen gerötet, die Augen klar, zum ersten Mal seit 18 Monaten sah er wieder so frisch aus wie zu jenen Zeiten, als er sich noch nicht mit dem jordanischen Geschäftsmann Hasan Ismaik hatte plagen müssen, der es vor rund zwei Jahren für eine blendende Idee gehalten hatte, 60 Prozent der Anteile am Giesinger Arbeiterverein zu erwerben.

Sportlich sah Schneider ein zähes und pointenarmes 1:1 (0:0) gegen Cottbus, nach dem der Aufstieg in dieser Saison bei sechs Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz (ja, endgültig, versprochen) in das Genre der Utopie zu verbannen ist.

Fortsetzung der Totaleskalation

Politisch aber konnte Schneider oben auf der Ehrentribüne einem Spektakel beiwohnen, das bei ihm ein trauriges Déjà-vu hervorgerufen haben wird: Die Fortsetzung der Totaleskalation jener denkwürdigen Pressekonferenz am Freitag nämlich, bei der Hasan Ismaik zum Entsetzen aller Vereinsvertreter eigenmächtig und entgegen der Absprachen den Austausch von Sportchef Florian Hinterberger gefordert hatte.

"Das hat natürlich eine Flut von Gedanken in meinem Kopf ausgelöst", sagte Schneider nun, "und auch die Frage: Hätte man nicht vielleicht gemeinsam die Dinge anders lösen können bei 1860?" Eine zarte Anspielung Schneiders war das darauf, dass ihm der Aufsichtsrat um Otto Steiner das Vertrauen entzogen hatte, in der Hoffnung, dass Nachfolger Hep Monatzeder den ungestümen Jordanier würde zügeln können. Nach Lage der Dinge ist das Gegenteil der Fall - die Klubvertreter suchen nun die maximale Konfrontation mit Ismaik.

Bislang hatte Monatzeder dem Jordanier nur auf indirektem Wege über die Medien eine Frist gesetzt: Bis Dienstag solle Ismaik die im Sommer zugesagten Raten ("13 Millionen Euro", wie sich Geschäftsführer Robert Schäfer verplapperte) für die nächsten zwei Jahre überweisen, am Sonntag ging er viel weiter: "Bevor es zu weiteren Entscheidungen kommt, er spricht ja immer von einer Strategie, muss man sehen, wie viel er auf den Tisch legt. Wenn er sagt, ich lege 20 Millionen auf den Tisch, wir holen super Spieler, dann wird man natürlich schwach." 20 Millionen! Damit würde sich Ismaiks Investment von 30 auf 50 Millionen erhöhen; welch forsche Worte des Dritten Bürgermeisters Münchens jetzt, da Ismaik längst abgereist war.

Geschäftsführer Schäfer vollzieht brisanten Umschwenk

Der Oscar für den politisch brisantesten Umschwenk des Jahres ging am Sonntag aber an Geschäftsführer Schäfer, der es in den letzten Monaten unter Präsident Dieter Schneider stets vermieden hatte, sich im Machtkampf zwischen Ismaik und altem Präsidium zu positionieren. Nun wurde auch er deutlich. Die Ereignisse bei der Pressekonferenz am Freitag habe er "zur Kenntnis genommen", sagte Schäfer: "Die Vorgehensweise ist genau abgestimmt gewesen, und Herr Ismaik ist dann vorgeprescht und einen eigenen Weg gegangen. Für die Außendarstellung des Vereins war das nicht förderlich." Warum der Verein bis Dienstag überhaupt gleich zwei Raten einfordere? "Weil das Geld fest zugesagt war. Es war Teil einer Abmachung, von unserem Investmentplan."

Solche Spitzen waren bislang nur von Dieter Schneider und seinen ehemaligen Vizepräsidenten zu hören gewesen. Jetzt also erstmals auch von Schäfer, der sich für seine Antworten sehr viel Zeit nahm, sich dafür sogar entschuldigte, um seine Worte mit Bedacht zu wählen: "Wir haben seitens des Vereins jetzt alles unternommen, um auf Ismaik zuzugehen. Wir haben uns auch mit seiner Kultur beschäftigt." Ja, und sie hatten eigens den Präsidenten getauscht - allein diesen Satz sprach Schäfer nicht aus.

Eine Zeit lang geisterte am Sonntag das Gerücht durchs Stadion, Hassan Shehata würde erstmals erscheinen, jener 63-jährige ehemalige Nationaltrainer Ägyptens mit einer Vorliebe für zutiefst gläubige Profifußballer (die bei Sechzig derzeit durchaus rar sein dürften), dessen sportlicher Expertise Ismaik in Zukunft vertrauen möchte. Shehata erschien aber nicht.

Doch auch in dieser Causa gab sich Schäfer ungewohnt direkt: "1860 München bekommt sicher keinen neuen Berater, sondern nur Hasan Ismaik. Das kann auch nicht schaden. Er (Ismaik, d. Red.) ist jetzt keiner, der im Fußball viel gemacht hat, bevor er bei uns war." Deutlicher konnte er den fußballerischen Sachverstand des Jordaniers, der schon einmal den gealterten Sven-Göran Eriksson bei Sechzig durchdrücken wollte, kaum öffentlich in Frage stellen. Überhaupt sei Ismaiks Umgang mit Hinterberger, "wie auch der mit Alexander Schmidt nicht fair", sagte Schäfer: "Aus den eigenen Reihen so viel Feuer zu bekommen, und Ismaik gehört zur eigenen Reihe, ist nicht in Ordnung. So kann man mit mir als Geschäftsführer umgehen, nicht aber mit meinen Leuten."

Am Dienstag werde er auf das Vereinskonto blicken, wenn das Geld bis dahin nicht eingegangen sei, sagte Schäfer, "dann gehen wir unseren bisherigen Weg weiter". Ob er den Vertrag von Hinterberger verlängern wird, sollte Ismaik nicht überwiesen haben? "Ich bin auf alles vorbereitet", sagte er nur, und: "Ich lasse Florian Hinterberger sicher nicht hängen."

"Ich erwarte mir von jedem Menschen Respekt"

Dabei hat Alexander Schmidt sportlich mal wieder nicht allzu große Werbung in eigener Sache betrieben am Sonntag. Nach dem Führungstreffer von Daniel Halfar (58.) hätte Sechzig den Sieg vielleicht verdient gehabt, doch Cottbus kam mit seiner einzigen, immerhin fein herausgespielten, Chance noch zum Ausgleich (70.). Wie so oft. Und in den Katakomben der Arena stöhnte mal wieder Benny Lauth, der Kapitän: "Wir hätten das Spiel gewinnen müssen, sind in Führung gegangen gegen einen Gegner, der uns nicht gerade überrannt hat." Tja, wahrlich nicht, und "wenn du so ein Spiel nicht gewinnst, dann wirst du niemals oben ran kommen".

Da passte es zum politischen Tage, dass Trainer Schmidt eine andere Strategie zum Joberhalt erwählte. Maximale Konfrontation nämlich, auch er entsandte Worte an Ismaik: "Unabhängig vom Kulturkreis erwarte ich mir von jedem Menschen Respekt." Viel Glück damit, Herr Schmidt.

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SZ vom 08.04.2013/mane
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