Intoleranz im Fußballstadion Man kennt sich, man duldet sich offenbar

Mario Weiße, der Queerpass vor neun Jahren gründete, sitzt in einem Café im Stadtteil Pasing. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpullover, "Fight Homophobia" steht darauf. Der 41-Jährige erzählt, wie Queerpass jüngst beim Heimspiel des FC Bayern gegen Dortmund ein Banner entrollte: "Love has no gender", lautete die Botschaft. Liebe hat kein Geschlecht. Doch kann man mit einem Plakat und einer Fahne die Zuschauer wachrütteln?

Weiße nippt an seinem Milchkaffee. "Die Pöbler gibt es noch immer, die meisten denken einfach nicht nach", sagt der Bayern-Fan. Doch er findet: "Es ist besser geworden." Wenn in der Südkurve ein homophober Spruch fällt, sind es meist nicht mehr die Queerpass-Mitglieder, die sich beschweren, das übernehmen andere. "Aber noch immer ist es 80 Prozent der Zuschauer egal, sie würden nicht eingreifen", sagt Weiße. 1860-Fan Schröger ist der Meinung: "Die Neonazis sind nur eine unserer Baustellen, die andere ist der Alltagsrassismus." Das Verhalten Einzelner in der Masse, es ist ein weniger sichtbares Problem im Fußballstadion als die Neonazis in Block 132. Dagegen anzugehen aber ist ebenso schwer.

Bei jedem Heimspiel dabei: Die Regenbogenfahne in der Südkurve

(Foto: Bongarts/Getty Images)

2009 erhielten die "Löwenfans gegen Rechts" für ihr Engagement gegen Rassismus und Diskriminierung den Julius-Hirsch-Preis des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). In diesem Jahr bekam ihn die "Schickeria", die Ultra-Gruppierung des FC Bayern, mit der Queerpass in engem Kontakt steht. Zudem versucht der DFB etwa mit einer Broschüre gegen Homophobie oder der Kampagne "Rote Karte gegen Rassismus" für mehr Toleranz zu werben. Der Verband ist sich bewusst, dass er die Stadien nicht sich selbst überlassen kann. Doch ist diese Strategie ausreichend?

Schröger kritisiert: "Der DFB sollte lieber etwas gemeinsam mit den Initiativen vor Ort machen." Weiße findet: "Es kann nur von den Fans ausgehen, nicht von oben." Beim DFB heißt es auf Anfrage dazu: In einigen Arbeitsgruppen seien sehr wohl Vertreter von Fanklubs eingeladen. Doch nur durch breit angelegte Kampagnen lasse sich Aufmerksamkeit erzielen, nicht durch vereinzelte Aktionen vor Ort.

Mario Weiße (rechts) bei einem Heimspiel des FC Bayern

(Foto: Queerpass Bayern)

Auch mit dem Verhalten ihrer Vereine sind Schröger und Weiße nicht immer zufrieden. Queerpass hakte im Januar beim FC Bayern nach, warum der Klub sein Wintertrainingslager ausgerechnet in Katar abhalte, einem Land, in dem Homosexualität unter Strafe steht. Die Antwort? "Sie sagten, sie wüssten nichts von Menschenrechtsverletzungen", berichtet Weiße. Der FC Bayern teilt auf Anfrage dazu mit: "Wir fahren ins Trainingslager, um Fußball zu spielen, nicht um Politik zu machen."

Die "Löwenfans gegen Rechts" haben bei 1860 München einiges durchgesetzt. Auf ihre Anregung hin begann der Verein, die eigene Nazi-Vergangenheit aufzuarbeiten. Die Hausordnung wurde geändert, Kleidung von Thor Steinar, die oft in rechten Kreisen getragen wird, ist nun in der Arena verboten. Norman Bordin, einem der bekanntesten Neonazis Bayerns, wurde die Mitgliedschaft verweigert. "Doch der Verein sollte noch öfter mutig sein", sagt Schröger. Ein Stadionverbot auch aussprechen, nicht nur androhen.

Nach dem Heimspiel des TSV 1860 München verlassen die Neonazis den Block 132. Sie unterhalten sich dabei mit anderen Besuchern, verabschieden sich von manchen mit Handschlag. Man kennt sich und duldet sich offenbar. Die "Löwenfans gegen Rechts" lehnen oben an der Brüstung. Sie geben den Kampf nicht auf.

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