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Fußballer in Quarantäne:"Es ist wünschenswert, dass man aus der Krise etwas mitnimmt"

16.01.2020 - Fussball - 2. Fussball-Bundesliga - Saison 2019 2020 - 1. FC Nürnberg Nuernberg FCN Club - Trainingslager W

„Ab und zu haben wir auch Yoga gemacht, um aktiv runterzukommen“, sagt Nürnbergs Torwart Felix Dornebusch, der sich umstellen muss in der Coronapause des Fußballbetriebs.

(Foto: Daniel Marr/imago)

Die Mannschaft des 1. FC Nürnberg war wegen eines Coronfalls zwei Wochen in Quarantäne. Torwart Felix Dornebusch spricht über seine Zeit in einer Fußballer-WG.

Die Saison 2019/2020 ist für Felix Dornebusch, 25, schon länger alles andere als gewöhnlich. Der langjährige Ersatztorwart des VfL Bochum war im Herbst ohne Job. Dann wurde er auf Anhieb Zweitliga-Stammkeeper, weil ihn der 1. FC Nürnberg verpflichtete, der zu dem Zeitpunkt drei verletzte Keeper im Profi-Kader hatte. Fünf Spiele absolvierte er bis zur Winterpause, dann verletzte sich auch Dornebusch. Er war gerade ins Training zurückgekehrt, als die Mannschaft in der zweiten März-Woche in Quarantäne musste. Der Mittelfeldspieler Fabian Nürnberger war positiv auf das Coronavirus getestet worden.

Herr Dornebusch, am Donnerstag endeten für Sie zwei Wochen in Quarantäne. Was war das erste, das Sie gemacht haben?

Ich habe mir einen Wecker gestellt auf 0 Uhr. Wir haben aber gerade eine Serie geguckt über das brasilianische Nationalteam bei der Copa America, relativ interessant. Da lief gerade eine entscheidende Phase. Also haben wir schnell den Wecker wieder ausgestellt.

Und am ersten Morgen?

Wir haben uns einzeln am Trainingsgelände Pulsgurte geholt, Trainingspläne und so weiter, für ein ordentliches Heimtraining. Wir dürfen ja weiterhin nicht auf die Trainingsplätze. Es tat gut, mal wieder am Trainingsgelände zu sein, wenn auch nur kurz. Ungezwungene Gespräche, auch mal Quatsch zu machen, der Zusammenhalt in der Kabine - das merkt man schon extrem, wenn das wegfällt.

Sie hatten in Quarantäne die besondere Situation, in einer Fußballer-WG zu leben - mit Ihrem Mitspieler Philip Heise. Ist Ihnen die Zeit dennoch schwergefallen?

Ich habe mir vorher überlegt: Wie wird das ablaufen? Ich habe mir im Kopf einen kleinen Plan erstellt, wie ich damit umgehen kann, wenn ich einen leichten Durchhänger habe. Ich habe mich an den Film "Das Experiment" erinnert.

Mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle, angelehnt an das Stanford-Gefängnis-Experiment zur Erforschung menschlichen Verhaltens in Gefangenschaft...

Ja, wobei unsere Situation natürlich nicht mit dem Inhalt des Films zu vergleichen ist. Es gab zwei, drei Tage, an denen wir unbedingt rauswollten. Weil wir immer wieder dieselben Tagesabläufe hatten. Das hat wirklich an den Nerven gezehrt. Wir hatten das Glück, dass wir zu zweit waren.

Was war dann Ihre Strategie?

Dass wir drüber geredet haben. Wir haben oft den Fernseher oder die Musik ausgemacht und wirklich lange gequatscht. Das hat uns auch noch mal ein Stückchen nähergebracht. Dabei ist uns aufgefallen, wie wenig man über seine Mitspieler weiß, obwohl man täglich miteinander zu tun hat. Und eines ist klar: Wir sind uns bewusst, dass wir als Profifußballer eine absolute Luxus-Situation haben. Uns geht's gut, wir sind gesund, unsere Angehörigen auch. Meine Eltern arbeiten im Krankenhaus, als Krankenpfleger und Krankenschwester. Ich bin froh, dass es allen gut geht. Es soll nicht so rüberkommen, als wäre es uns schlecht gegangen.

Auch Ihrem positiv getesteten Mannschaftskollegen Fabian Nürnberger ging es gut, er zeigte keine Symptome.

Ja, glücklicherweise. Luca Kilian vom SC Paderborn hatte ja mehr damit zu kämpfen, habe ich gelesen. Auch junge Leute sollten das Ganze nicht unterschätzen, wenn ich Professor Dr. Drosten richtig verstanden habe.

Christian Drosten, den Virologen der Charité, der die Bundesregierung berät und derzeit in einem täglichen Podcast über die Corona-Krise informiert.

Der ist schon ein Fixpunkt geworden für mich in der Quarantäne-Zeit. Er erklärt total besonnen, total abgeklärt, ohne Panik zu machen.

Wie haben Sie in Quarantäne trainiert?

Wir wurden gut versorgt vom Verein. Jeder hat nach Hause ein Spinning-Rad bekommen, auf Anfrage auch Hanteln, das haben wir uns alles bringen lassen. Wir haben Trainingspläne bekommen, ab und zu haben wir auch Yoga gemacht, um aktiv runterzukommen. Und wir haben auch Fußball gespielt, zum Beispiel Fußball-Tennis auf der Terrasse. Philip hat mir ein paar Bälle in die Hände geschossen. Ein Ball ist verloren gegangen. Er wollte mich abschießen, hat mich aber nicht getroffen (lacht).

Wo ist der Ball hingeflogen?

Der lag unten auf der Straße, ein Passant wollte ihn hochschießen, und irgendwie ist er ihm abgerutscht. Er hat ihn drei Häuser weiter in den Garten von einem Nachbarn geböllert. Wir durften ja nicht raus und hatten auch nicht die Telefonnummer. Wir hoffen, dass er da noch liegt. Wir gehen gleich mal vorbei.

Haben Sie die Zeit für Dinge genutzt, die Sie sonst nicht tun würden?

Ja, schon. Ich habe viel nachgedacht. Ob es vielleicht Dinge gibt, die man vorher schon hätte anders machen können? Dass man in der aktuellen Situation der Politik und den beratenden Experten mehr Vertrauen schenkt. Dass man sich mehr um ältere Menschen kümmert. Dass die ältere Generation bei unserem technologischen Fortschritt auf der Strecke bleibt. Dass es eigentlich eine Gesellschaft am Laufen hält, nur so schnell zu sein wie der Langsamste. Es ist wünschenswert, dass man aus der Krise etwas mitnimmt. Das waren Gedanken, die ich mir sonst nicht so oft mache.

Als Sie schon in Quarantäne waren, dachte die DFL noch darüber nach, den 26. Spieltag auszurichten. Die Olympischen Spiele wurden erst in dieser Woche verschoben. Hat Sie das geärgert?

Ja, ich habe es überrascht aufgenommen. Ich verstehe, dass Sportereignisse und der Fußball etwas extrem Wichtiges in unserer Gesellschaft sind, deswegen bin ich auch stolz, dass ich davon ein Teil sein darf. Ich kann auch verstehen, was da wirtschaftlich dranhängt, an Arbeitsplätzen und an Geld, wenn man Spiele absagen muss. Es ist eine schwierige Situation. Am Ende war es gut und richtig, die Saison auszusetzen.

Nun wird diskutiert, wie es im Fußball irgendwann mal weitergehen kann. Eine erste Maßnahme in einigen Klubs ist ein Gehaltsverzicht der Spieler.

Das ist aktuell auch bei uns ein Thema. Soweit ich das beurteilen kann, ist jeder bereit, seinen Beitrag zu leisten, dem Verein zu helfen und solidarisch zu sein.

Ihr Vertrag läuft im Sommer aus. Wie gehen Sie damit um?

Das ist auf jeden Fall keine leichte Situation. Um meine Existenz als Fußballer habe ich keine Angst, das nicht. Ich habe mich schon vor Corona arbeitslos gemeldet, das muss man drei Monate vor Beendigung des Arbeitsvertrags gemacht haben. Ich war schon mal in der Situation, dass ich arbeitslos war. Das habe ich auch hinbekommen.

© SZ vom 29.03.2020/schm

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